Sandro Jung unterrichtet Literatur an einer Hochschule in Shanghai. Dort versucht er auch immer wieder Teile seiner Heimatliebe zu Deutschland, Rheinland-Pfalz und dem Hunsrück weiter zu geben und zu erklären.
Auch wenn sich Professor Jung in Shanghai ein komplett eigenes Leben aufgebaut hat und Vollzeit dort lebt, kommt er noch regelmäßig zurück aus der Millionenstadt Shanghai in seine Heimat, ein 800 Seelen Dorf im Hunsrück. Was er an seiner Heimat so liebt, hat er uns erzählt.
SWR1: Bringen Sie Ihren Studierenden eigentlich auch Rheinland-Pfälzisches nahe?
Sandro Jung: Ab und an versuche ich mit meinen Studierenden etwas sehr Fundiertes, Lokales, Regionales zu machen. Und obwohl ich ja Englische Literaturwissenschaft unterrichte, bringe ich denen auch ab und zu etwas Deutsches, deutsches Essen nahe.
Zum Beispiel die gefüllten Klöße oder Weckschnitten, das ist sehr rheinland-pfälzisch. Daran sind alle sehr interessiert, gerade weil die meisten noch nie in Rheinland-Pfalz waren oder sogar noch nie im Hunsrück waren.
SWR1: [...] Sie sind jetzt bis Jahresende wieder in China, das sind sieben Monate insgesamt dieses Jahr, und dann auch wieder Silvester, den Sommer über in Herrstein. Sie haben schon ein Fachwerkhaus restauriert, jetzt kommt noch das Haus von der Oma dran. Also die Verbindung bleibt, das ist Heimatliebe, ne?
Jung: 2018 kam ich zurück nach Deutschland und ich hatte immer eine Verbindung bewahrt mit Herrstein und mit dem Hunsrück selbst – durch meine Familie. Und für mich war immer der Zug nach Herrstein das Wesentliche, die Leute wiederzusehen, mit denen ich aufgewachsen bin.
Für mich war immer der Zug nach Herrstein das Wesentliche, die Leute wiederzusehen, mit denen ich aufgewachsen bin!
Viele alte Leute kennen mich noch, Leute meines Alters kennen mich als den, der in die Welt gegangen ist und immer wieder zurückkommt. Zwei-, dreimal jährlich bin ich zurückgekommen, bis ich dann 2020 nach China umgezogen bin, und jetzt komme ich zweimal im Jahr zurück.
Heimatliebe im Hunsrück, Alltag in Shanghai
SWR1: Um mal die Zahlen wirken zu lassen: Shanghai 25 Millionen Einwohner, Herrstein im Hunsrück knapp 800. Krasser geht es ja nicht, wie halten Sie das denn aus?
Jung: Wenn ich nach Herrstein komme, steige ich aus und ich spreche sofort den Hunsrücker Dialekt. Es ist eine ganz andere Lebensart hier. Die Mentalität, die Warmherzigkeit. Und die habe ich immer versucht, auch meinen Freunden, Bekannten, auch chinesischen Bekannten näherzubringen, wenn die nach Deutschland kamen. Die sind immer ganz beeindruckt, wenn wir nach Herrstein kommen. Ich kenne jeden und ich spreche mit jedem.
In Shanhai ist es dann doch sehr stark anonym!
Und das ist natürlich nicht typisch Shanghai. In Shanghai ist es dann doch sehr stark anonym, bis auf meine Arbeitsstelle, die Uni. In der Uni kenne ich die meisten Kollegen in unserer Einrichtung. Alles sehr familiär. Genau das, was mir an Herrstein wichtig ist.
Also ich habe diese Bestandteile meines Lebens, die ich in Herrstein [...] immer als sehr positiv empfand, dann auch immer mit ins Ausland übernommen und habe versucht, die mit dem ausländischen Habitus dann zu verbinden. Also das Familiäre besonders, das Heimische und was hier im Hunsrück "Gehäschen" heißt, dann zu übertragen in andere kulturelle Sphären.