Wir haben mit Siegfried Brockmann, dem Leiter der Unfallforschung, gesprochen. Er fordert Tempo 30 in allen Orten.
Leben retten durch bessere Zebrastreifen
SWR1: Ausgerechnet der Zebrastreifen ist ein Schwerpunkt für tödliche Unfälle. Dabei soll doch der ein sicheres Überqueren der Straße ermöglichen?
Siegfried Brockmann: Ja. Tatsächlich ist es so, dass der Zebrastreifen natürlich an den Stellen ist, wo besonders viel Fußverkehr stattfindet. Dass wir dort Unfälle haben, ist klar und unvermeidlich. Aber es sind viel zu viele.
Deshalb haben wir uns diese Stellen im Detail angesehen. Und das ist tatsächlich erschütternd, weil in 40 Prozent der Fälle bei Unfällen an Zebrastreifen, dort irgendetwas nicht stimmte. Also die Sichtbeziehung stimmte nicht, weil parkende Fahrzeuge, Büsche oder Barken bis direkt davorstanden. Oder die Markierung war verblasst oder es stand überhaupt kein blaues Schild dort.
Solche Dinge müssen zwingend vermieden werden, weil so ein Überweg sonst eine Scheinsicherheit vermittelt - und das geht nicht. Die Kommunen sind dann gefordert den Zebrastreifen so zu machen, wie er sein soll oder ihn wegzunehmen. Sonst haben wir genau das Gegenteil - die Fußgänger verlassen sich darauf, aber der Autofahrer kann sie nicht rechtzeitig sehen.
Tempo 30 kann Leben retten
SWR1: Sie haben untersucht, wie hoch jeweils die zugelassene Geschwindigkeit am Ort des tödlichen Unfalls ist. Gibt es da eindeutige Zusammenhänge?
Brockmann: Wir hatten in unserer Studie in 4/5tel aller Fälle die zulässige Geschwindigkeit 50 km/h. Übrigens auch an Fußgängerüberwegen, obwohl die Kommunen dort nach der Rechtslage in der Regel Tempo 30 anordnen könnten. Und das sollten sie dann auch tun.
Chance zur Reaktion bei Tempo 30
SWR1: Ich bin passionierter Autofahrer und Pendler. Ehrlicherweise bin ich ganz schön genervt, wenn ich in irgendeinen Ort hereinfahre, wo es Tempo 30 gibt. Aber rettet es wirklich Leben?
Brockmann: Tatsächlich. Ich würde Sie in dem Gedanken unterstützen, dass es Leben rettet. Im Zweifel ist man ein, zwei oder drei Minuten länger unterwegs, dass man Tempo 30 fährt. Die meisten überschätzen das auch.
Der Punkt ist ja, Tempo 30 oder Tempo 50, dazwischen kann ein Leben liegen. Wenn ich bei Tempo 30 zum Beispiel noch rechtzeitig anhalten kann und es gar keinen Unfall gegeben hat, ist in der gleichen Situation bei Tempo 50 noch gar nicht gebremst worden.
Wenn ich bei Tempo 30 zum Beispiel noch rechtzeitig anhalten kann und es gar keinen Unfall gegeben hat, ist in der gleichen Situation bei Tempo 50 noch gar nicht gebremst worden.
Woran liegt das? Die meisten unterschätzen den Weg, den sie zurücklegen, bevor sie überhaupt reagieren können. Der gesamte Anhalteweg bei Tempo 30 sind 14,5 Meter. Alleine der Weg, um zu reagieren, sind bei Tempo 50 18 Meter. Das heißt, ich bin dann ungebremst in den Fußgänger hineingefahren. Bei 50 ist er wahrscheinlich auch tot. Bei 30 hätte ich den Unfall gar nicht gesehen. Das heißt, alle mögen sich noch mal klarmachen, dass das kein Kavaliersdelikt ist!
Beim Ausparken übersehen Tödlicher Unfall: 93-jähriger Fußgänger in Ludwigshafen von Autofahrer erfasst
Am Freitag hat ein 81-jähriger Autofahrer einen 93-jährigen Fußgänger in Ludwigshafen-Oggersheim beim Ausparken übersehen. Der 93-Jährige ist jetzt im Krankenhaus gestorben.
Was können Sicherheitssystem beitragen, um Leben zu retten?
SWR1: Mittlerweile sind viele Fahrzeuge mit vielen Kameras und Sicherheitssystemen ausgestattet. Können die in der zukünftig solche Unfälle verhindern?
Brockmann: Was hilft ist, sind natürlich die Notbremsassistenten. Die können inzwischen sehr gute Radfahrer erkennen, noch nicht so gut Fußgänger. Auch schon gar nicht in allen Situationen. Aber eins muss man auch klar sagen, die Grenzen der Physik kann auch ein System nicht aushebeln.
Natürlich habe ich einen kürzeren Reaktionsweg, aber der Rest bleibt. Wenn unmittelbar vor mir ein Kind auf die Fahrbahn läuft, gibt es kein System der Welt, was das verhindern könnte.