Explodierende Gaskapseln

Potenzielle Todesgefahr Takata-Airbag - auch in deutschen Autos!

Explosionsgefahr Airbag: Gefährliche Takata-Produkte sind offenbar in weit mehr Fahrzeugen verbaut als bislang angenommen. Autofahrer verlangen Austausch - nicht alle mit Erfolg.

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Von Autor/in Thorsten Link

Reims, nordöstlich von Paris, der 11. Juni 2025. Eine 37-jährige Autofahrerin wird von einem LKW gerammt, ihr Citroën C3 in eine Leitplanke geschleudert. Aber nicht der Aufprall wird der Frau zum Verhängnis – sondern der Airbag der ehemals japanischen Firma Takata. Dieser explodiert beim Auslösen und schleudert Metallteile ins Fahrzeuginnere. Die Fahrerin hat keine Chance. Der Airbag kostet sie das Leben.

Das Problem war bekannt: Weltweit sind laut US-Behörden bislang rund 30 Menschen durch fehlerhafte Airbags getötet worden, mehrere Hundert wurden zum Teil schwer verletzt.

Takata-Airbags: Rückruf bereits vor 10 Jahren

Die potenziell  tödliche Fehlfunktion führte vor mehr als zehn Jahren zum größten Rückruf in der Automobilgeschichte. 100 Millionen Fahrzeuge waren betroffen. Jetzt steht der Airbag wieder im Fokus und wirft ein düsteres Licht auf die Aufarbeitung eines lebensbedrohlichen Mangels.

Die Gefahr steckt in den Gaskapseln innerhalb der Airbags. Sie enthalten als Treibmittel Ammoniumnitrat. Das Salz wird auch bei der Herstellung von Sprengstoff verwendet. In den Airbags soll die Treibladung dafür sorgen, dass sich der Airbag in Sekundenschnelle aufbläst. Bei Hitze und Feuchtigkeit wird Ammoniumnitrat jedoch instabil und kann nach einigen Jahren bei einem Unfall unkontrolliert explodieren.

Hergestellt wurden die Airbags mit Ammoniumnitrat von Takata in den Jahren 2000 bis 2015. Sie wurden millionenfach in PKW fast aller Autohersteller weltweit verbaut.

Fahrverbot für Citroën C3 und DS3 in Frankreich

Nach dem tödlichen Unfall in Frankreich reagiert die französische Regierung sofort und erweitert ein Fahrverbot auf rund 1,7 Millionen Fahrzeuge, die mit gefährlichen Takata-Airbags ausgestattet sind. Insbesondere des Modells, in dem die Insassin getötet wurde, den Citroën C3 und das Schwestermodell DS3 der Baujahre 2009 bis 2017.

Die Maßnahme gilt allerdings nur für Frankreich. Und in Deutschland? Obwohl die EU-Kommission empfiehlt, dem französischen Modell zu folgen, ist man hierzulande zurückhaltender.

Deutschland: Rückrufe und Nachrüstung laufen schleppend

Zwar versendet das Kraftfahrt-Bundesamt seit Monaten Rückrufbescheide und mahnt Hersteller zur Nachrüstung, doch die verläuft schleppend. In rund 800.000 Fahrzeuge aus Baujahren bis 2015 wurden die riskanten Airbags noch nicht ausgetauscht, schätzen Experten.

Doch warum schreitet die Regierung hier nicht ein und legt, wie in Frankreich, Fahrzeuge still? Das Bundesverkehrsministerium schreibt uns auf Anfrage: „Aufgrund der in Deutschland vorherrschenden klimatischen Bedingungen läuft eine Veränderung des Treibmittels nur sehr langsam ab, wodurch sich ein geringeres Sicherheitsrisiko durch die Airbags als z. B. in tropischen Regionen ergibt.“

Tatsächlich sind die bisher bekannten Todesfälle – also die bis Mai 2025 – durch die dramatischen Airbag- Fehlfunktionen nur in besonders heißen und feuchten Regionen aufgetreten.

Der tödliche Unfall in Frankreich zeigt nun aber: Auch in Mitteleuropa sind diese Airbags nicht mehr sicher.

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Takata-Airbags: Nimmt die Bundesregierung die Gefahr ernst?

Für den Automobil-Wissenschaftler Stefan Bratzel nimmt die Bundesregierung das Problem trotz der potentiell tödlichen Gefahr noch nicht ernst genug: „In Frankreich ist, wenn man so will, das Kind ja bereits in den Brunnen gefallen. Es gab einen entsprechenden Todesfall.“ Deutschland solle nach Ansicht des Experten erwägen, entsprechende Fahrzeuge aus dem Verkehr zu ziehen, bevor weitere schlimme Unfälle passieren.

Jerry Cox hat jahrelang als Berater für Takata gearbeitet und bereits US-Behörden vor den Gefahren der Airbags gewarnt. Er findet: "Die Regierungen, egal ob die amerikanische, die französische oder die deutsche, sind dazu da, ihre Bürger zu beschützen. Die Maßnahme Nummer Eins angesichts einer solchen Gefahr ist es, den Sprengstoff aus den Autos rauszuholen!"

Risiken der Airbags seit langem bekannt

Besonders brisant: Die Autohersteller wussten offenbar frühzeitig von den Risiken in Verbindung mit Takata-Airbags. Interne E-Mails, die im Zuge US-amerikanischer Untersuchungen publik wurden, zeigen: Mehrere Konzerne wussten von Sicherheitsbedenken, entschieden sich aber gegen Lieferstopps, trotz sich häufender Todesfälle. Auf Anfrage bestätigen uns das einige Hersteller.

Ja, wir haben Takata-Airbag Systeme für die Erstausrüstung in einigen unserer Fahrzeuge auch nach 2009 weiterhin verwendet.                                                                       

Man sei nicht davon ausgegangen, dass alle Gasgenerationen gefährlich seien und habe das volle Ausmaß des Defekts erst viel später umfassend verstanden.

Mercedes schreibt:

Die Feststellung eines potentiellen Zusammenhangs zwischen den ersten Todesfällen (…) in 2009 und der spezifischen Takata Ursache (…)  erfolgte deutlich später. Die Mercedes-Benz AG hat bereits im Jahr 2016 vorsorglich entschieden, zukünftig keine Airbags des Lieferanten Takata mehr zu verbauen.

Takata-Airbags: Profit vor Sicherheit?

Fest steht: Ein Austausch der Komponenten hätte die Autoindustrie Milliarden gekostet. Stattdessen wurden die gefährlichen Takata-Airbags bis mindestens 2016 weiterhin verbaut. 

Autoexperte Stefan Bratzel überrascht das nicht. Schließlich spiele hier der Kostenfaktor eine Rolle. Die Takata-Airbags waren bis zu 40 Prozent günstiger als die der Konkurrenz.

Gefährliche Airbags: Mit der Zeit immer riskanter

Für Besitzer, die ein Fahrzeug mit Takata-Airbag haben, wächst mit der Zeit das Risiko. Das gilt nicht nur für Fahrer, sondern oft auch für Beifahrer, denn auch hier wurden Takata-Airbags verbaut. Zwar bieten die Hersteller an, per Fahrzeugidentnummer zu prüfen, ob ein Fahrzeug betroffen ist.

Wie unsere Recherchen zeigen, läuft der Rückruf allerdings nur schleppend. So wurde beispielsweise Autofahrer Michael Schian noch nicht einmal über den Rückruf informiert. In seinem VW Beetle Baujahr 2014 ist ein Takata-Airbag mit der gleichen Gaskartusche verbaut, wie die, die vor kurzem in Frankreich explodierte. Schon lange bemüht er sich um den Austausch seines Airbags durch VW. Bislang erfolglos. VW hat auf Anfrage nicht reagiert.

Takata-Airbag: Ist mein Fahrzeug betroffen?

Wer selbst herausfinden will, ob im eigenen Fahrzeug ein potentiell gefährlicher Airbag verbaut wurde, kann in der Rückrufdatenbank des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) nachsehen, ob zu einem bestimmten Fahrzeugmodell eines bestimmten Baujahres ein Rückruf existiert.

Wer den Verdacht hat, betroffen zu sein, sollte den Hersteller direkt kontaktieren oder das Auto bei einer autorisierten Werkstatt des Herstellers checken lassen.

Autofahrer fordern Austausch des Airbags: Hersteller zurückhaltend

Auch im VW Sharan von Marina Ritscher aus dem Baujahr 2014 ist ein Takata Airbag an Bord. Für das Fahrzeugmodell hatte das Kraftfahrtbundesamt bereits im Januar einen Rückruf angeordnet, man solle für Details Kontakt zum Hersteller aufnehmen. Das tut sie auch. Doch VW schreibt im Internet-Portal, der Sharan sei von einer Rückrufaktion nicht betroffen.

Die Autobesitzerin schreibt den Hersteller VW direkt an. VW teilt nur mit, es bestehe kein Rückruf. "Und auf absehbare Zeit wird wohl auch kein Rückruf für das Fahrzeug kommen", berichtet Marina Ritscher. In dem Schreiben von VW heißt es: Wenn Analysen ergeben, dass das Fahrzeug in Deutschland auf Lebenszeit unkritisch ist, wird es auch in Zukunft keinen Rückruf geben.

Was das bedeuten soll, fragt Marina Ritscher beim Kraftfahrtbundesamt (KBA) nach. Sie erwartet, dass der Staat seine Bürger vor gefährlichen Produkten schützt.

Über die Darstellung von VW ist man beim KBA anscheinend nicht amüsiert. In der Antwort-Mail heißt es: "Das KBA hat VW bereits aufgefordert, diese Aussagen gegenüber Haltern zu unterlassen."

Die Aufgaben des Kraftfahrtbundesamts (KBA)

ADAC-Jurist Klaus Heimgärtner erklärt, das Kraftfahrtbundesamt habe die Pflicht, die Umsetzung von Rückrufen zu überwachen. Entscheidend sei die behördliche Einschätzung, nicht die des Herstellers. Diktiert bei der Aufarbeitung des Airbag-Problems etwa VW die Bedingungen?

Ausgeschlossen sei das nicht. Der Jurist erinnert an den Dieselskandal, wo sich viel später gezeigt habe, "dass da sehr intensive Gespräche stattgefunden haben und nicht immer nur das KBA derjenige war, der letzten Endes hier die Vorgaben gemacht hat".

VW erklärt Marktcheck gegenüber: "Ein offizieller Rückruf über das KBA erfolgt in enger Abstimmung mit dem Hersteller (…) Wenn ein solcher Rückruf gelistet ist, führt Volkswagen ihn selbstverständlich durch."

Andere Länder, andere Regelungen für Takata Airbags

VW-Golf-Fahrer André Seidt stellt bei seinem Besuch auf der Homepage von VW zufällig fest: In Italien sei ein erhöhtes Sicherheitsrisiko für den Takata Airbag vorhanden, die Reparatur sei zwingend erforderlich. Dasselbe in Frankreich.

Als er in der Suchmaske als Betriebsland Deutschland eingibt, heißt es dagegen: Das Auto sei nicht von einem Rückruf betroffen. André Seidt ist fassungslos, findet, dass fehlerhafte Bauteile überall auf der Welt repariert werden müssten.

Auf Anfrage teilt uns VW mit, in wärmeren und feuchteren Regionen sei die Alterungsrate potenziell höher. "Daher kann es je nach Betriebsland zu unterschiedlichen Risikoeinstufungen und damit zu länderspezifisch gesteuerten Rückrufen kommen."

Klimabedingungen beeinflussen Airbag

Tatsächlich sind die bisher bekannten Todesfälle überwiegend in besonders heißen und feuchten Regionen aufgetreten. Weltweit sind laut US-Behörden bislang rund 35 Menschen durch Takata Airbags getötet worden, hunderte wurden zum Teil schwer verletzt. Der tödliche Unfall in Frankreich zeigt allerdings: Auch in Mitteleuropa sind diese Airbags scheinbar nicht mehr sicher.

Das Kraftfahrtbundesamt hat zwar hierzulande einen Rückruf angeordnet, scheint das Risiko aber als eher gering einzuschätzen. Marktcheck gegenüber erklärt das KBA, bei der Ursache der tödlichen Explosionen "handelt es sich um einen chemischen Prozess, der unter den klimatischen Bedingungen in Deutschland nur sehr langsam abläuft."

Eine Garantie, dass nichts passiert, ist das allerdings nicht.

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