Versicherungen empfehlen ihren Kunden nach einem Gebäudeschaden oft eine Sanierung durch die Polygon Deutschland GmbH. Aber zahlreiche Kunden sind verärgert über die Dauer und die Qualität der Arbeiten durch Polygon-Handwerker: Nach Beginn der Arbeiten stehe die Baustelle lange still, die Sanierung würde teilweise mangelhaft ausgeführt, in den Abrechnungen tauchten fragwürdige Posten auf.
Was ist dran an den Vorwürfen gegen das bundesweit agierende Unternehmen?
Fall Reinhard
Wir treffen Familie Reinhard aus Ihringen bei Freiburg. In ihrer Einliegerwohnung ist der Wasserboiler im Bad geplatzt. Das Wasser fließt ins Schlafzimmer nebenan und in den Keller. Laminat quillt auf, es kommt zu Schäden an den Möbeln.
Familie Reinhard meldet den Schaden ihrer Gebäude-Versicherung. Die reagiert schnell und schlägt eine Sanierungsfirma für die Reparaturen vor – die Polygon Deutschland GmbH.
Die Reinhards folgen der Empfehlung. Wenige Tage nach dem Schaden kommt die Sanierungsfirma Polygon. Das war Anfang des Jahres. Die Abrissarbeiten seien erst recht schnell vonstatten gegangen, so die Reinhards, dann aber sei Stillstand gewesen.
Mehr zum Thema Polygon erfahren Sie auch im ARD-Podcast Plusminus.
Wochenlanges Warten, schlechtere Qualität als vorher?
Nach wochenlangem Warten wird ihr Bad zwar saniert. Allerdings sind sie mit den Arbeiten alles andere als zufrieden.
Wir bitten einen Sachverständigen um seine Einschätzung. Sein Urteil: die Qualität zum Beispiel der eingebauten Duschtasse und der neuen Duschtüren sei eine deutlich schlechtere, dadurch gebe es Einschränkungen in der Nutzung.
Was sagt Polygon zur Einschätzung des Sachverständigen?
Polygon widerspricht auf Nachfrage: es sei nicht korrekt, dass sich der Zustand des Bades verschlechtert habe, fügt allerdings hinzu: "Einer Korrektur der jetzigen Ausführung stehen wir aufgeschlossen gegenüber".
Beschwerden über Polygon häufen sich
Familie Reinhard ist nicht allein mit ihren Sanierungsproblemen. Bei seiner Recherche findet unser Reporter zahlreiche Verbraucher, denen es ähnlich geht. Auch ihnen wurde von ihren Versicherungen die Firma Polygon empfohlen.
Sie klagen über verschiedene Punkte:
- Die Bauzeiten dauerten länger als erwartet und angekündigt,
- die Rechnungen seien höher gewesen als erwartet
- und die Arbeit von schlechter Qualität.
Polygon: Wer ist das eigentlich?
Nach eigenen Worten ist Polygon „weltweiter Experte im Bereich Schadenssanierung“, mit mehr als 4.000 Mitarbeitern und mehr als 100 Niederlassungen in Deutschland.
Polygon-Insider berichtet
Wir treffen einen ehemaligen Niederlassungsleiter von Polygon. Er spricht mit uns, will aus verständlichen Gründen aber unerkannt bleiben. Er kann die Beschwerden der Kunden nachvollziehen und schildert uns seine Erfahrungen mit Polygon.
Beschwerde 1: Verzögerungen bei den Bauarbeiten
Der Insider erklärt uns aus seiner Erfahrung, warum Polygon oft zwar schnell mit den Sanierungen beginne, es dann aber zu den Verzögerungen komme: Ein Projektleiter hätte parallel sehr viele Baustellen: "Es ist zu viel, aber es ist nicht anders darstellbar. Ich kenne das auch, dass man sagt: Hey, fahrt hin, deckt ab, stellt ein bisschen was hin, aber wir schaffen es diese Woche nicht mehr. Aber dass der Kunde halt sieht, dass wir was machen", so der Insider.
Wir fragen bei Polygon zu den Verzögerungen nach. Die Antwort:
"Die Umstände, die eine Schadenbeseitigung bestimmen, sind zahlreich. (....) Die Dauer kann zwischen etwa vier Wochen und mehr als einem Jahr variieren."
Beschwerde 2: schlechte Qualität
Die Klagen der Kunden über schlechte Qualität wundern den ehemaligen Niederlassungsleiter von Polygon ebenfalls nicht. Man sei angehalten, viel mit Subunternehmern zu arbeiten: "Die Subunternehmer kennt man im Zweifel nicht immer persönlich. Dann sind das halt so Firmen, die sich vielleicht so vor zwei Tagen gegründet haben. Dann sagt man, ja komm, den probiere ich mal. Aber der hat vielleicht noch nie tapeziert! Ich habe schon erlebt, dass jemand die Tapete falsch rum angeklebt hat, also die falsche Seite!"
Polygon schreibt auf Nachfrage, der Einsatz von Subunternehmen sei unabdingbar. Diese würden permanent geprüft: "Zudem erfolgt eine regelmäßige Qualitätsprüfung, u.a. durch Abnahmen auf den Baustellen. (...) Neue Subunternehmen werden sorgfältig ausgewählt, vor Ort eng begleitet und Qualitätskontrollen unterzogen."
Beschwerde 3: Auffälligkeiten in der Rechnung
Familie Reinhard entdeckt nicht nur Mängel im Bad, sondern findet auch in ihrer Rechnung Auffälliges. Angeblich wurde in der Wohnung ein Kaltnebelverfahren durchgeführt, um Schimmel zu beseitigen, für 725 Euro. Die Reinhards bestreiten, dass dies geschehen sei. Sie schreiben der Versicherung, der VHV.
Wir fragen dort nach, man schreibt uns: "Grundsätzlich überprüfen wir jeden Fall sorgfältig und prüfen regelmäßig Fälle intensiver nach, bei denen Verdachtsmomente bestehen." Zum Fall der Reinhards will sich die Versicherung nicht äußern.
Polygon beharrt darauf, dass das Kaltnebel-Verfahren stattgefunden habe.
Stimmt mit den Polygon Rechnungen tatsächlich etwas nicht?
Werden in den Rechnungen Arbeiten aufgeführt, die nie stattgefunden haben? Auch andere Polygon-Betroffene berichten von solchen Eindrücken.
Wir fragen den Insider. Er sagt: "Man muss immer kreativer werden. Wie kann ich hier noch aus diesem Auftrag was herausholen? Zum Beispiel bei kleineren Projekten, wenn man weiß, da kommt kein Gutachter raus."
Ein schwerer Vorwurf. Polygon schreibt auf unsere Anfrage: "Die Behauptung ist für uns nicht nachvollziehbar und diese „Insider-Aussagen“ haben für uns einen verleumderischen Charakter. Insofern möchten wir uns deutlich davon distanzieren! Unsere Leistungen werden mit der gebotenen Transparenz abgerechnet. Das bedeutet, dass Nachweispositionen durch Leistungsnachweise belegt werden (...). Unser wichtigstes Instrument für eine korrekte Schlussrechnung ist die Bauendabnahme."
Tipps: So vermeiden Sie Ärger im Schadensfall
Viele Versicherungen empfehlen im Schadensfall Polygon oder auch andere Firmen als "Servicepartner" für die Sanierungen. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg rät hier: Immer ein zweites Angebot von einem regionalen Anbieter einholen. Denn die Geschädigten müssten der Empfehlung des Versicherers nicht folgen.
Peter Grieble, Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale, rät zur Skepsis: "Dass ein Versicherer einen Handwerker vorschlägt, bedeutet, dass der Versicherer sich was Positives erhofft von genau diesem Handwerksbetrieb. Das heißt noch lange nicht, dass der Versicherer geprüft hat, dass so ein Handwerksbetrieb für mich als Verbraucher gut ist.“