Steuerfrei etwas hinzuverdienen

100 Tage Aktivrente: Warum eine Aktivrentnerin begeistert, eine Gewerkschaft jedoch skeptisch ist

Im Ruhestand bis zu 2.000 Euro steuerfrei hinzuverdienen: Funktioniert das Konzept der Aktivrente? Wie eine Aktivrentnerin in Stuttgart und der DGB in Mainz die neue Regel erleben.

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Von Autor/in Jenny Beyen, Theresa Rauffmann

Die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz hatte viele Ideen, eine davon hat sie schnell umgesetzt. Von ihr sollen Rentnerinnen und Rentner profitieren: Es geht um die Aktivrente. Die gibt es nun seit über 100 Tagen: Eine Aktivrentnerin in Stuttgart hat dem SWR ihre Erfahrungen geschildert.

Vom Rathaus ins Modehaus

Den Ruhestand auf der faulen Haut genießen: Das war für Bärbel Armbruster, die im Mai dieses Jahres 71 Jahre alt wird, kein Traum. Sie wollte gern noch etwas machen. Früher war sie Beamtin. Seit gut vier Jahren arbeitet sie im Modeladen Frehse Chic in der Stuttgarter Rathauspassage. Zwei Tage die Woche zwischen fünf und sieben Stunden am Stück. 

Ich war hier aber wirklich Laie, außer dass mir schöne Kleider gefallen, wusste ich wenig und dachte, ich probiere den Sprung ins kalte Wasser.

Rentnerin berichtet: 100 Euro mehr dank neuer Aktivrente-Regel

Der Job mache ihr Spaß und helfe ihr fit und aktiv zu bleiben, sagt Armbruster. Und sie verdient sich etwas dazu. Seit dem Januar 2026 bleiben ihr im Schnitt sogar gut 100 Euro netto mehr im Monat übrig. Das verdankt sie der neuen Aktivrente. Schon davor konnten Menschen nach Eintritt der Regelaltersgrenze weiterarbeiten. Doch nun bleiben bis zu 2.000 Euro Verdienst im Monat steuerfrei.

Für Bärbel Armbruster bedeutet es konkret, mehr "Bewegungsgeld". Damit meint sie, sie könne sich etwas gönnen. Armbruster hat drei Kinder und drei Enkel. "Da kann man auch einfach mal großzügig sein", erklärt sie dem SWR.

Modehaus-Inhaberin: Rentner sind motiviert

Nicht nur Armbruster, ihre Kinder und ihre Enkel profitieren, sondern auch ihre Chefin Anja Hailfinger. Drei der vier Mitarbeiterinnen im Modegeschäft sind bereits in Rente. Erst kürzlich sei eine Kollegin mit 80 Jahren verabschiedet worden. Hailfinger versteht andere Arbeitgeber nicht, die Leute nicht beschäftigen, weil sie in Rente sind. Rentnerinnen und Rentner seien motiviert, kämen mit Freude zur Arbeit.  

Weil sie einfach motiviert sind: die haben Spaß dabei, die kommen mit Freude zum Arbeiten. Das ist doch herrlich.

Aktivrente: Ändert sich etwas für Arbeitgeber?

Für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber ändert sich durch die Einführung der Aktivrente nichts. Dafür bleibt ihren Beschäftigten in Rente mehr netto vom brutto. Die Bundesregierung will mit der Aktivrente den Fachkräftemangel bekämpfen und setzt darauf, dass mehr Rentnerinnen und Rentner länger arbeiten: Die steuerfreien 2.000 Euro im Monat dienen dabei als Anreiz.

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Der Anreiz gilt jedoch nur für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, die die Regelaltersgrenze überschritten haben. Selbständige, Abgeordnete oder Minijobber sind davon ausgenommen. Die Verdienstgrenze bei einem Minijob liegt derzeit bei monatlich 603 Euro. Sozialabgaben, wie etwa Kranken- oder Pflegeversicherung gehen vom Verdienst weiter ab.

Zuletzt arbeiteten laut Statistischem Bundesamt 13 Prozent der Rentnerinnen und Rentner im Alter zwischen 65 und 74 Jahren. Bärbel Armbruster genießt es, viel freie Zeit und doch ein paar feste Termine die Woche zu haben. Die gäben ihr Struktur, "es macht mega Spaß".

Gewerkschaften sehen von Aktivrente nur gut Beschäftigte bevorzugt

Die Gewerkschaften sehen die Aktivrente skeptisch. Die Chefin des DGB Rheinland-Pfalz/Saarland Susanne Wingertszahn sagt im SWR-Interview, die neue Regel setze lediglich auf Steuervergünstigungen für einen Teil von älteren Beschäftigten, die sowieso in guten Arbeitsverhältnissen unter gesunden Bedingungen beschäftigt seien - und gerne weiterarbeiten wollen würden. Das Problem, mehr Menschen in Beschäftigung zu bekommen, werde dabei nicht gelöst.

Uns geht es aber darum, dass wir es schaffen, dass viel mehr Menschen länger arbeiten bis zur Regelaltersgrenze und da sind Anreize für die Unternehmen notwendig.

Hilfreich wäre es, die strukturellen Bedingungen zu verändern, sagt Wingertszahn: Viele Beschäftigten würden es überhaupt nicht bis zum Rentenalter schaffen. Auch weil sie gesundheitlich angeschlagen seien. Deshalb müssten man in Ausbildung, Weiterbildung, Kinderbetreuungsplätze und Pflegeplätze investieren. Die Aktivrente sei überhaupt keine gute Antwort, um mehr Fachkräfte zu gewinnen.

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Wie Susanne Wingertszahn schildert, seien nach dem Rentenalter sehr viele Menschen in Minijobs unterwegs, da ihre Rente oft nicht zum Leben reiche. Diese Gruppe von Rentnerinnen und Rentner profitiere nicht von der Aktivrente. "Wir müssen erstmal dafür sorgen, dass die Menschen, die in Rente gehen, überhaupt von ihrer Rente leben können", so die DGB-Chefin von Rheinland-Pfalz. Das sei das grundsätzliche Problem.

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Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Jenny Beyen
Theresa Rauffmann
Onlinefassung
Petra Thiele
SWR-Wirtschaftsredakteurin Petra Thiele