Training fürs Gehirn durch das Lernen
SWR1: Wie wichtig ist es für unser Gehirn, immer wieder mal etwas Neues zu lernen?
Martin Korte: Es ist extrem wichtig. Es hält unser Gehirn fit, es hält es mobil. Es führt auch dazu, dass sich das Gehirn immer wieder neu vernetzt. Darüber hinaus schafft es auch noch mehr Speicherplatz in unserem Kopf für möglicherweise zukünftiges Lernen.
Gehirne altern dadurch langsamer. Und meist ist es so, dass Neugierde Neugierde weckt. Das heißt, je mehr wir wissen, je mehr wir lernen, umso mehr haben wir auch Lust aufs Lernen.
Meist ist es so, dass Neugierde Neugierde weckt
Warum wir uns oft vor neuen Dingen scheuen
SWR1: Trotzdem scheuen wir Menschen uns davor, uns auf etwas Neues einzulassen. Ist das Faulheit?
Korte: Ja und Nein. Es ist tatsächlich so, dass wenn immer wir eine Gewohnheit verlassen und etwas Neues lernen wollen oder lernen sollen, dass das einer besonderen Anstrengung bedarf. Man muss seinen Autopiloten des Denkens verlassen, der Stirnlappen wird angestrengt. Der kann, genauso wie ein Muskel, ermüden. Es ist einfach auch ermüdend.
Auf der anderen Seite wird man dadurch belohnt, dass die Neugierde befriedigt wird, dass man neue Zusammenhänge versteht, dass man vielleicht, zum Beispiel beim Reisen, etwas Neues kennenlernt und auch neue Menschen kennenlernt. Gerade soziale Beziehungen sind sehr erholsam. Aber Sie haben recht, der erste Schritt ist häufig der schwerste, den es zu überwinden gilt.
Der erste Schritt, ist häufig der schwerste
Tipps, um das Lernen neuer Dinge zu erleichtern
SWR1: Wie überwinde ich diesen Schweinhund am besten? Sollte ich mir lieber was aussuchen, was mir näher liegt?
Korte: Ja. Besser ist es, irgendwas Neues zu lernen, wo man schon mal die Grundlagen gelegt hat. Der Beginn des Lernens - der erste Hügel, den man erklimmen muss -, der ist deutlich kleiner. Man sieht auch schneller einen Fortschritt. […] Man sollte sich Tätigkeiten suchen, von denen man auch glaubt, dass man dazu Lust hat oder die Notwendigkeit sieht.
Eine neue Sprache könnte relevant sein, wenn man weiß, dass man nach Portugal oder Frankreich in Urlaub fährt. Dann hat man auch die entsprechende Motivation. Wenn man schon mal ein Musikinstrument gespielt hat, dann hat man das wahrscheinlich gespielt, weil man auch ein gewisses Interesse daran hat. Auch da sind dann die Chancen viel besser, dass man am Ball bleibt. Denn auch da gilt wieder, es bleibt anstrengend, man wird Niederlagen erleiden und man ist umso eher bereit, hier etwas aufzuwenden und zu investieren, je mehr es einen noch interessiert.
Ist das Lernen neuer Dinge in der Jugend leichter?
SWR1: Gibt es große Unterschiede, ob wir jung oder alt sind? Als Kind lernt man ja erstmal alles neu.
Korte: Genau. Zum einen lernt man als Kind alles neu. Das heißt, das Gehirn ist deutlich - wir sagen – „plastischer“, wenn wir jünger sind. Es kann sich schneller und einfacher verschalten. Das ist im Alter schwieriger.
Auf der anderen Seite fällt es uns im Alter leichter, strukturiert zu lernen. Wir müssen nicht mehr so viel Neues wissen, sondern wir müssen nur die Wissenselemente, die in einem bestimmten Gebiet neu sind, in unser Wissensnetz einbauen. Insofern ist es zwar richtig, dass das ältere Gehirn etwas langsamer lernt und sich mehr auf das Lernen konzentrieren muss, also leichter ablenkbar ist.
Auf der anderen Seite, dadurch dass schon Wissenselemente vorhanden sind, müssen wir auch gar nicht mehr alles neu lernen. Der Begründer der Biopsychologie, William James, hat mal gesagt, "Klugheit besteht auch darin, dass wir wissen, was wir alles übersehen dürfen". Und das ist etwas, was ältere Gehirne eher können.