Die Unterstützung für die beiden großen Kirchen in Deutschland schwindet. Noch nie sind so viele Menschen ausgetreten wie in den vergangenen Jahren. Die Angebote der Kirchen scheinen nicht mehr anzukommen. Stattdessen suchen Menschen nach neuen Formen, ihre Spiritualität auszuleben. Dabei reichen die Möglichkeiten von fernöstlicher Meditationspraxis über quasireligiöse Naturerlebnisse bis hin zu Kartenlegen, Pendeln und Geisterbeschwörungen.
Neue Angebote der Kirchen
Die Kirchen reagieren mit neuen Formen, die für die spirituelle Tradition des Christentums eher ungewöhnlich sind. Im Spirituellen Zentrum der Katholischen Kirche Stuttgart, „station s“, werden „Lichtmomente-Nachmittage“ angeboten. Da werden Laternen gebastelt und in einem Ritus in die Kirche gebracht. Außerdem bietet das Zentrum christliche Achtsamkeitspraxis, kontemplative Gottesdienste, Musikmeditation oder auch Yoga in der Kirche an.
Sinnsuche jenseits der Institution Kirche
Wer sich auf die Suche macht, findet eine schier unendliche Fülle von Angeboten auf dem spirituellen Markt. Menschen suchen Orientierung im Räuchern, in der Astrologie oder beim Kartenlegen. Andreas Oelze ist Pfarrer und Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. „Religion hat auf jeden Fall teil am allgemeinen Individualisierungsprozess unserer Gesellschaft“, sagt der Theologe im SWR1-Interview. „Man ist nicht mehr gebunden an große Traditionen oder an Institutionen, sondern das Individuum sucht sich auch religiös, was es für sich als richtig und wahr empfindet“, so Oelze.
Trend zur „Patchwork-Spiritualität“
Viele Kirchengemeinden reagieren auf den Trend zu individuellen Angeboten mit eigenen Ideen. „Die Angebote der Kirchen nehmen deutlich zu – auch an Vielfalt“, sagt Andreas Oelze, die Kirchen müssten „eine größere Vielfalt entwickeln, um das, was an Vielfalt in der Gesellschaft ist, auch aufnehmen zu können“. So gehen Menschen inzwischen statt zum sonntäglichen Gottesdienst zum Yoga in die Kirche. Dass dabei die Ursprünge in der Philosophie des Hinduismus oder des Buddhismus liegen, scheint Menschen nicht zu stören. Menschen stellen sich aus unterschiedlichen Angeboten ihren eigenen „Spiritualitätsmix“ zusammen, so etwas wie eine „Patchwork-Spiritualität“.
Religiöses Bedürfnis schwindet
Für viele Kirchenvertreter überraschend belegt die aktuelle Mitgliederstudie der beiden großen Kirchen , dass Menschen, die aus den Kirchen austreten, oft für religiöse oder spirituelle Angebote nicht mehr empfänglich sind. Bislang gingen Theologen immer davon aus, dass die Menschen zwar der Institution Kirche den Rücken kehren, dass sie aber durchaus für neue religiöse Formen und Angebote der Kirchen zu interessieren sind. Die Studienergebnisse haben viele Theologen und Kirchenvertreter überrascht. Es scheint, dass Menschen, denen die Institution Kirche fremd geworden ist, oftmals auch für andere spirituelle Angebote nicht mehr gewonnen werden können. Und das, obwohl der Markt für solche Angebote nach wie vor boomt.