Auch liberale Demokratien können ein Problem mit der Meinungsfreiheit kriegen – nicht nur Autokratien.
Meinungsfreiheit: Deshalb müssen wir andere Meinungen aushalten
Die Meinungsfreiheit gilt als hohes Gut einer Demokratie. Die Grenzen für das, was sagbar ist, sind durch Straftatbestände wie Beleidigung, Verleumdung, Aufruf zu Gewalt oder Volksverhetzung definiert.
Precht sieht es als Fehler, den Meinungskorridor (die Bandbreite der Meinungen) über strafrechtlich Relevantes hinaus weiter verengen zu wollen. So habe es während der Corona-Pandemie nur einen sehr begrenzten Debatten-Raum gegeben – und auch aktuell 2025 sei dies im Zusammenhang mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und dem Nahostkonflikt der Fall.
In all diesen Sachen würde ich mir wünschen, dass man – im Rahmen des gesetzlich Zulässigen [...] – möglichst breit in der Gesellschaft darüber diskutieren sollte. Aber das Gegenteil ist der Fall.
Wie kommt unsere Gesellschaft zurück zu offenen Diskussionen?
Die Fähigkeit, offen diskutieren zu können, hänge bereits mit der Erziehung zusammen, meint Richard David Precht. Kinder und junge Menschen würden heute häufig nicht mehr lernen, mit Schwierigkeiten und Konflikten umzugehen. Auf diese Weise würden wir allerdings unsere Sensibilität kultivieren. Wir würden überempfindlich und es fehlte an Resilienz bei Dingen, die nicht nach unseren Vorstellungen laufen.
Auch früher seien Kinder, beispielsweise in der Schule, gemobbt worden. Heute werde darauf sensibler reagiert, was eine gute Entwicklung sei. Wenn Menschen dadurch allerdings nicht lernen, mit Widerständen umzugehen, sei dies die Kehrseite einer eigentlich guten Entwicklung, so Precht.
Die biologische Aufgabe von Eltern besteht darin, sich überflüssig zu machen.
Wandel unserer Gesellschaft: Kultureller Kapitalismus und Gefühle
Richard David Precht schreibt in seinem Buch "Angststillstand – Warum die Meinungsfreiheit schwindet" darüber, dass die Generation unsere Großeltern in der Gesellschaft vor allem nicht auffallen wollten. Das habe sich verändert.
Heute leben wir im "kulturellen Kapitalismus", so Precht. Jeder sei dazu angehalten, ein "Kapitalist seiner selbst" zu sein und sich optimal zu vermarkten. Es gehe darum, aufzufallen, zum Beispiel mit unseren positiven Fähigkeiten oder unserer richtigen Meinung und Moral. Gleichzeitig habe ein Wandel beim Zeigen von Gefühlen und Emotionen stattgefunden.
Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der Emotionen legitim sind. Das gibt es noch nicht lange.
Zu Zeiten von Helmut Schmidt seien in der Politik keine Gefühle gezeigt worden. Es habe das klassische Männer- und Rollenverständnis dominiert. Heute sei es zwar legitim, Gefühle zu haben, allerdings seien wir auch sehr sensibel und empfindlich, so Precht.
Wir personalisieren jede Debatte, weil wir uns immer gleich persönlich angegriffen fühlen. Früher war 'sich persönlich angegriffen fühlen' eine Schwäche, die man nicht zeigen durfte. Heute gilt es als Stärke. Der Opferbegriff hat sich in der Gesellschaft verändert.
Wie stärken wir den Gemeinsinn in unserer Gesellschaft?
Immer wieder ist von einer "gespaltenen Gesellschaft" die Rede. Richard David Precht sieht den Schwund an Gemeinsinn als Folge unseres Wirtschaftssystems.
Wenn jeder ein "Kapitalist seiner selbst" ist, sind wir automatisch auch Konkurrenten zueinander. Woher solle ein Gemeinsinn kommen, wenn alle anders sein wollen als die anderen? Wenn es Menschen schlechter geht, steigert das den Gemeinsinn. Das sei allerdings keinesfalls eine erstrebenswerte Lösung.
Ich glaube, dass jede Bewegung in der Gesellschaft immer ihre Gegenbewegung hervortreibt.
Richard David Precht: Wir sollten Debatten weniger moralisieren
Precht wünscht sich, mit "mehr Vernunft und weniger Moral" in Debatten zu gehen. Wenn alles moralisiert werde, führe dies zum Stillstand. Es müsse auch über Alternativen, andere Varianten und größere Veränderungen im Gesellschaftssystem nachgedacht werden dürfen. Alles andere führe zu einer "sterbenden Gesellschaft".