Stellenstreichungen bei Porsche, ZF, Bosch oder Trumpf - die aktuellen Nachrichten treffen auch hochqualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Bis 2030 könnten bis zu 66.000 Arbeitsplätze in der Automobilbranche verloren gehen. Zu diesem Ergebnis kommt eine vom Land in Auftrag gegebene Strukturstudie.
Stimmung bei Bosch-Familie in Schwäbisch-Gmünd im Keller "Ich kämpfe ums nackte Überleben": Bosch-Mitarbeiter zu Stellenabbau
Stehe ich bald ohne Job da? Diese Frage stellt sich Leon Zeller, Azubi bei Bosch in Schwäbisch Gmünd. Seine Familie und er bangen um ihre Zukunft. Die Stimmung ist am Tiefpunkt.
Kretschmann will Baden-Württemberg als Gesundheitsstandort bekannt machen
Baden-Württembergs Image ist untrennbar mit dem Automobilsektor verbunden. Die Automarken Porsche und Mercedes sind weltweit bekannt. Der Name des Bundeslandes dagegen ist so kompliziert, dass man sich im Ausland inzwischen lieber als "The Länd" vorstellt.
Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sagt: "Wenn man einen Baden-Württemberger nachts weckt, dann wird er sofort sagen können: Die wichtigen Branchen in Baden-Württemberg sind Fahrzeugbau, Anlagenbau, Maschinenbau. Das weiß jeder. Aber dass wir auch ein wichtiger und potenter Gesundheitsstandort sind, das wissen leider nur wenige." Genau das will er ändern.
ZEW-Präsident Wambach: "Auf die Innovationskraft kommt es an"
Tatsächlich: Die Gesundheitswirtschaft in Baden-Württemberg brummt. Rund 840.000 Beschäftigte hat sie, etwa doppelt so viele wie die Automobilindustrie. Die Wertschöpfung klettert seit Jahren nach oben. Ökonomen bremsen allerdings die Euphorie.
Die Gesundheitswirtschaft ist eine wachsende Branche. Allerdings beruht ein Teil dieses Wachstums darauf, dass wir mehr Pflegekräfte haben, mehr Mitarbeiter in Krankenhäusern haben, also die Gesundheitsleistungen erbringen.
Viel entscheidender für die Zukunft des Landes und der Gesundheitswirtschaft sei aber die Innovationskraft. Also: Biotechnologie, Medizintechnik, Pharmazie, Forschung. "Das sind die Bereiche, wo Patente geschaffen werden, wo Wissen geschaffen wird", so Wambach.
Die Landesregierung setzt auf KI, Medizintechnik und Reallabore
Baden-Württemberg bemüht sich seit langem, Kompetenzen im Land zu bündeln: mit dem KI-Zentrum IPAI in Heilbronn, dem Medizintechnik-Cluster in Tuttlingen oder auch mit der Gründung des Forums Gesundheitsstandort, das Ministerpräsident Kretschmann 2018 ins Leben gerufen hat. Das Forum soll vernetzen und so Expertinnen und Experten aus der Praxis, der Forschung, der Entwicklung und der Medizin miteinander in Kontakt bringen.
Dort trifft man Leute wie Hannah Krause. Sie ist die organisatorische Leitung des Inspire Living Lab am Universitätsklinikum in Mannheim. Wenn ein Start-up eine Idee hat und wissen möchte, ob diese im Klinikalltag auf Station funktioniert, dann ist sie häufig die erste Anlaufstelle.
Tablet am Patientenbett spart zehn Kilometer Laufweg für die Pflege
Das Inspire Living Lab ist ein Reallabor. Ziel ist es, ein Produkt von Anfang an mit dem Patienten zu entwickeln, Abläufe im Klinikalltag zu testen oder eine passende Bedienoberfläche zu entwickeln. Wie das konkret aussieht, zeigt der SWR in einer neuen Folge der Deutschland-Reportage.
Ein Tablet am Patientenbett ist auf der Station im Mannheimer Universitätsklinikum Standard. Damit können Patientinnen und Patienten den Pflegekräften gleich im Detail mitteilen, was sie brauchen und wie es ihnen geht - etwa wie groß die Schmerzstärke ist oder, dass sie von einer Infusion befreit werden möchten. Das spart der Station zehn Kilometer Laufweg im Monat.
Sturzsensor erleichtert Arbeit für Pflegepersonal
Aktuell kommt im Inspire Living Lab auch ein Sturzsensor zum Einsatz. Der Melder ist kleiner als ein Rauchmelder und hängt an der Zimmerdecke. Ganz ohne ein Bild aufzunehmen, kann der Sensor kleinste Bewegungen im Zimmer registrieren und gegebenenfalls die Stationsleitung per Direktnachricht auf das Stationshandy informieren. So sollen Stürze verhindert werden, wenn zum Beispiel ein Patient nach einer Operation aufstehen möchte. Aus Expertensicht brauche es mehr solcher Formate, erklärt ZEW-Präsident Wambach.
Ich glaube, da sind wir in Deutschland auf einem ganz guten Weg. Wir haben eine sehr starke Wissenschaft. Wir haben auch hier die Zusammenarbeit. Ein Problem ist, dass danach die Translation, also diese Übertragung der Erkenntnisse in die Wirtschaft nicht so gelingt, wie es gelingen könnte. Da sind die Engländer, die Amerikaner uns ein gutes Stück voraus.
ZEW-Präsident Wambach: Wir müssen investitionsfreundlicher werden
Wer international mithalten wolle, müsse auch ein investitionsfreundliches Land werden, findet Wambach. Doch die Steuern in Deutschland seien im europäischen Vergleich mit am höchsten. "Das kann sich ein Land im Strukturwandel eigentlich nicht leisten. Wenn ein Unternehmen überlegt, wo es investiert, warum sollte es da investieren, wo die höchsten Steuern sind?", so der ZEW-Präsident.