Mit dem Klimawandel steigt europaweit die Gefahr von Waldbränden. Diesen Sommer gab es große Feuer in Südfrankreich, Spanien, im belgisch-deutschen Grenzgebiet, aber auch im Schwarzwald. Bei schwierigen Löscharbeiten in Schramberg (Kreis Rottweil) oder dem großen Brand in Zell am Harmersbach (Ortenaukreis) waren Hunderte Einsatzkräfte gefordert. Darauf müssen wir uns auch künftig einstellen, sagt Johann Georg Goldammer, Feuerökologe der Universität Freiburg.
SWR Aktuell: Immer mehr Brände, auch hier im Schwarzwald. Ist Baden-Württemberg jetzt auch Waldbrandland?
Johann Georg Goldammer: Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass bei dieser langanhaltenden Dürre, bei den rasch aufeinanderfolgenden Hitzewellen auch der Südwesten Deutschlands erreicht wurde von einer Waldbrandgefahr, die wir in dieser Form bis dato noch nicht hatten.
SWR Aktuell: Ist das der Klimawandel?
Goldammer: Das ist der Klimawandel. Wir sagen: die Klimakrise. Denn wir rutschen jetzt auch im Hinblick auf die Brände in Südeuropa und unseren Nachbarländern wie in Belgien in eine Situation, wo viele Länder sich neu darauf einrichten müssen, dass die Brände größer werden, großflächiger und auch schwerer zu bekämpfen.
SWR Aktuell: Europa ist der Kontinent, der sich am schnellsten erwärmt. Wir müssen gegensteuern, und wir müssen uns gleichzeitig an das neue Klima anpassen. Was können wir tun, um mit der steigenden Waldbrandgefahr zu leben?
Goldammer: Wir müssen es in einem größeren Kontext sehen. Die Dürre, die Hitzewellen betreffen nicht nur die Brennbarkeit von Wald und Offenland, sondern auch unsere Gewässer und unsere Trinkwasservorräte. Wenn wir zum Löschen von Bränden viel Wasser benötigen, müssen wir uns darauf einstellen. Wir können vielleicht vor einem trockenen Sommer Löschwasservorräte in den Wäldern, in der Feldflur anlegen.
SWR Aktuell: Bei den Bränden in Zell am Harmersbach und Schramberg haben Landwirte Löschwasser angefahren. In Schramberg wurde auch ein Freibad angezapft.
Goldammer: Ich möchte vor allen Dingen auf die Landwirte eingehen. Da ist die Bereitschaft sehr groß, Hand in Hand mit der Feuerwehr zu arbeiten. Viele Landwirte sind sogar selbst in der Freiwilligen Feuerwehr. Diese Zulieferung von Wasser für die Löschkräfte ist ganz wichtig.
Brandwache der Feuerwehr behält die Lage im Blick Wie Landwirte mithalfen, den Waldbrand bei Zell am Harmersbach zu löschen
Seit Dienstagabend arbeiten bei der Waldbrandbekämpfung in Zell am Harmersbach alle Hand in Hand: Auch Landwirte aus der Umgebung packten mit an, um das Feuer zu bekämpfen.
Da müssen wir uns aber noch etwas systematischer aufstellen, weil es ja insbesondere auch die Feldflur ist, die zunehmend unter Brandrisiko kommt. Ursachen sind zum Beispiel heiß gelaufene Erntemaschinen. Solche Brandherde können direkt angepackt werden, wenn Landwirte beim Einsatz dieser Maschinen leichtes Löschgerät dabeihaben.
SWR Aktuell: Was heißt "leichtes Löschgerät"?
Goldammer: Die Landwirte haben häufig ihre berühmten Güllefässer, um größere Mengen von Wasser zu transportieren. Um die richtig auszubringen, braucht man einen kleinen Wasserbehälter mit einem Kubikmeter und einer Hochdruckpumpe. Das nimmt nicht sehr viel Platz weg auf den Fahrzeugen. Und dann kann man sicher, schnell und effektiv so ein Feuer löschen.
SWR Aktuell: Sie haben eben gesagt, wir müssten uns da systematischer aufstellen. Was muss denn die Politik leisten oder wie kriegen wir das hin?
Goldammer: Wir müssen das im größeren Kontext sehen. Wenn unsere gesamte Landschaft austrocknet, haben wir nicht nur das Problem der höheren Brandgefahr, sondern wir haben ja auch das Niedrigwasser. Wir haben das Problem, dass die Höfe im Schwarzwald jetzt mit Tanklastwagen versorgt werden müssen. Bis dato reichten ihre eigenen Quellen, das Vieh mit Wasser zu versorgen.
Alles zusammen gehört in eine umfassende Planung, mit der sich nicht nur die Lokalpolitik befassen sollte. Das ist zwar ganz wichtig, dass Kommunen und Landkreise sich damit befassen, aber es muss auch im Land beziehungsweise länderübergreifend geschehen.
Regierungschef besucht Einsatzkräfte Özdemir nach Waldbränden: "Ein Land misst sich daran, wie es in der Krise funktioniert"
Ministerpräsident Özdemir und Landwirtschaftsministerin Gentges besuchen die Ortenau, wo in den vergangenen Tagen Waldbrände wüteten. Statistiken zeigen: Die Brände häufen sich.
SWR Aktuell: Sie fordern mehr Vernetzung, eine nationale ständige Klimakonferenz. Wie reagiert die Politik auf ihren jüngsten Vorschlag?
Goldammer: Ich habe diese Anregung am Ende der politischen Sommerpause in Berlin auch an das Bundeskanzleramt geschickt. Ich habe noch keine Rückmeldung. Was wir benötigen, ist eine ständige Konferenz, wo neben den Verwaltungen und neben der Politik eben auch Vertreter von Wissenschaft und Zivilgesellschaft mit eingeladen werden zu einem kontinuierlichen und langjährigen Dialog.
SWR Aktuell: Das eine ist die Brandbekämpfung. Die andere Frage: Wie können wir Waldbränden vorbeugen?
Goldammer: Da haben wir zum Beispiel das Freiburger Modell, in dem die Forstverwaltung mit der Feuerwehr zusammenarbeitet. Ein kritisches Moment war die Schau-ins-Land-Seilbahn. Sie führt durch ein in den letzten Sommern sehr trockenes Waldgebiet. Da wurde ein erstes Sicherheitskonzept notwendig. Die Trasse wird von Brennmaterial befreit. Damit, wenn es brennt, keine Besucher in der Seilbahn gefährdet werden.
In anderen Bundesländern ist das Ganze noch kritischer. In Brandenburg gibt es Siedlungen direkt im Wald. Dort hat die Stadt Beelitz in Zusammenarbeit mit uns die Initiative ergriffen, dass dort Pufferzonen, Schutzkorridore eingerichtet werden. Da wird der Wald am Rand der Ortschaft aufgelichtet. Alles Totholz raus, alles Brennmaterial raus!
SWR Aktuell: Die Idee: Wenn dort weniger Unterholz oder Totholz liegt, stoppt an so einer Stelle ein Waldbrand?
Goldammer: Ein Waldbrand bei uns breitet sich in der Regel über Bodenfeuer aus. Je mehr Brennmaterial auf dem Boden liegt, desto größer ist die Gefahr, dass ein Bodenfeuer sich zu einem sehr heißen Kronenfeuer entwickelt.
Wenn man das Brennmaterial herauszieht und gleichzeitig in diesen Schutzkorridoren eine sehr starke Durchforstung vornimmt, können die Einsatzkräfte sich dort auch besser bewegen. Sie können teilweise mit kleinen Fahrzeugen in so einen Korridor hineinfahren. So wird es auch sicherer für die Einsatzkräfte, das Feuer dort einzufangen und zu stoppen.
SWR Aktuell: Was sollte nach einem Brand wie beispielsweise in Schramberg passieren, wo jetzt Hangrutsche drohen?
Goldammer: Tatsächlich sind häufig die Schäden nach den Bränden, wenn Starkniederschläge kommen, viel größer als die Schäden durch den Brand selbst. Da muss man auch was mechanisch verbauen. Beispielsweise werden verbrannte Baumstämme gar nicht herausgenommen, sondern parallel zum Hang eingebaut, um dann Erosionen zu verhindern.