Am Sonntagabend versammelten sich trotz Nieselregens rund 600 Menschen auf dem Marktplatz in Tübingen, um gegen die Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) zu demonstrieren. Beide hatten mit ihrer Kritik am "Stadtbild" für Kontroversen gesorgt.
Unter dem Motto "Wir sind das Stadtbild. Lichtermeer für Vielfalt und Menschenwürde" hatte Fridays for Future gemeinsam mit der Initiative "Menschenwürde verteidigen" und weiteren Organisationen zur Demonstration aufgerufen.
Redebeiträge: Pauschale Aussagen über migrantische Menschen verletzend
Mit Taschenlampen, Lichterketten und Gesängen wollten die Demonstrierenden ein Zeichen gegen Rassismus und für eine offene Gesellschaft setzen. Rednerinnen und Redner betonten, wie verletzend pauschale Aussagen über migrantische Menschen sein können.
"Wir alle sind das Tübinger Stadtbild", betonte etwa Marjam Kashefipour vom Antidiskriminierungsverband Deutschland (Adis.eV.) Sie warnte davor, Gruppen von Menschen im öffentlichen Raum als unerwünscht oder störend zu erklären. Das sei menschenverachtend und spiele rechtsextremen Kräften in die Karten.
"Stadtbild-Aussage": Demonstrationen auch im Land
Die Proteste in Tübingen fügen sich ein in eine Reihe von Demonstrationen, die bundesweit durch die Äußerung von Kanzler Merz ausgelöst wurden. Dieser hatte im Kontext von Migration gesagt: "Wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem". Tübingens Oberbürgermeister Palmer hatte die Aussage auf Facebook verteidigt.
Mit Verkleidungen und Klappstühlen Hunderte demonstrieren in Freiburg gegen Merz' "Stadtbild"-Aussage
In Freiburg haben am Samstag Hunderte Menschen gegen die "Stadtbild"-Äußerung von Kanzler Merz demonstriert. Einige Menschen mit Klappstühlen und in Verkleidungen.
Inzwischen hat der Kanzler die Aussage konkretisiert: Gemeint seien Einwanderer ohne Aufenthaltsrecht und Arbeit, die sich nicht an Regeln hielten.
Palmer: Problem sind "junge Männer ohne Arbeit und Aufenthaltsrecht"
Am Montagmorgen nach der Demonstration in Tübingen äußerte sich Palmer erneut auf Facebook: "Alle Menschen, die da zum Marktplatz gekommen sind und für Vielfalt und Menschenrechte gesprochen haben, sind das Stadtbild", so Palmer.
Weder er noch Merz hätten dieses Stadtbild kritisiert. Das Problem aus seiner Sicht: "Junge Männer ohne Arbeit und Aufenthaltsrecht, die Bahnhöfe, Parks und Plätze für sich beanspruchen."
Die Veranstalterinnen und Veranstalter hatten nach eigenen Angaben zunächst mit 50 Demoteilnehmenden gerechnet. Sie teilten im Nachgang schriftlich mit: "Wir sind überwältigt, wie viele Menschen unserem Aufruf in so kurzer Zeit gefolgt sind. Das gibt Hoffnung." Laut Polizei verlief die Kundgebung in Tübingen friedlich.