Einmal beim Bosch, immer beim Bosch - dieser Satz galt im Land lange als nahezu unverrückbares Gesetz. So auch im Werk in Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis). Hier arbeiten rund 3.500 Menschen und produzieren unter anderem Lenkungssysteme für Pkw und Lkw. Doch jetzt gerät der Standort gehörig ins Wanken: Bosch plant einen massiven Stellenabbau. Die Lkw-Sparte macht 2027 dicht, 600 Arbeitsplätze fallen weg. Auch die Pkw-Sparte soll bis Ende 2030 um 1.200 Stellen verkleinert werden.
"Wir haben alle gewusst, es kommt was", sagt Logistiker Bernd Bisle. "Aber dass es so dicke kommt, dass gleich der gesamte Bereich geschlossen wird, das war schon ein Schlag in die Magengrube."
Der 55-Jährige arbeitet seit 40 Jahren bei Bosch. Für den Vorruhestand fühlt er sich noch zu jung, aber einen neuen Job in der Region zu finden, wird in seinem Alter wohl schwierig, befürchtet er. Auch viele seiner Kolleginnen und Kollegen, die noch nicht gekündigt wurden, suchen inzwischen wegen der unsicheren beruflichen Zukunft nach Alternativen in anderen Branchen.
Drastischer Strukturwandel im Filstal
Nur wenige Autominuten vom Schwäbisch Gmünd entfernt liegt das Filstal. Hier sitzen viele mittelständische Unternehmen. Auch hier ist die wirtschaftliche Lage angespannt. Im Filstal ist der Strukturwandel derzeit besonders drastisch zu spüren: Sieben Betriebe mussten 2025 schließen. "Das ist eine traurige Geschichte", sagt Michael Kocken, Geschäftsführer der IG Metall Göppingen-Geislingen. "Die Region war mal eine der wirtschaftsstärksten in ganz Baden-Württemberg. Und diesen Wohlstand haben die Menschen ja erarbeitet."
Einer dieser Menschen ist Désirée Morciano. Sie hat 17 Jahre bei dem Automobilzulieferer Allgaier gearbeitet, zuletzt als Assistentin der Geschäftsführung. Im April 2025 erhielt sie die Kündigung zum Jahresende. "Da bricht wirklich die Welt zusammen", erinnert sich Morciano. Sie war damals im dritten Monat schwanger und muss zusammen mit ihrem Mann einen Hauskredit abbezahlen. Fast zeitgleich verlor auch er seinen Job. "Das war ein Schock. Da fragt man sich schon, wie es jetzt weitergeht." So wie ihr geht es vielen Menschen in der Region. Allein 2025 gingen im Filstal 1.800 Arbeitsplätze verloren.
Autoindustrie BW: Droht der Abstieg?
Dabei galt Baden-Württemberg jahrzehntelang als Land der Tüftler und Erfinder. Kein anderes Bundesland exportiert so viel ins Ausland. Unternehmen wie Mercedes-Benz und Porsche sind globale Aushängeschilder, ebenso Zulieferer wie Mahle, ZF Friedrichshafen oder Bosch. Droht das "Musterländle" nun zum neuen Detroit zu werden? Die US-amerikanische Stadt war einst das Zentrum der Autowelt, bis es zum Absturz kam. Arbeitslosigkeit, Kriminalität und zahlreiche Insolvenzen waren die Folgen.
Auch die aktuellen Zahlen der deutschen Autoindustrie sind alarmierend. Innerhalb eines Jahres hat die Branche fast 50.000 Arbeitsplätze verloren. Die deutschen Automobilhersteller verkaufen weniger Fahrzeuge. Der Wandel zur E-Mobilität setzt die Branche zusätzlich unter Druck. Nicht nur ist die Nachfrage nach deutschen Elektroautos verhältnismäßig gering, es werden für deren Produktion auch weniger Beschäftigte benötigt.
Kritik an "Reformrückstau" und hohen Kosten
Die Auswirkungen der Krise sind in Baden-Württemberg besonders groß. Bosch streicht in den kommenden Jahren weltweit 22.000 Jobs, ZF bis zu 14.000 Stellen. Auch Porsche baut tausende Arbeitsplätze ab, Mercedes-Benz bietet 40.000 Mitarbeitern Abfindungen an. Die Folgen betreffen nicht nur die Beschäftigten, sondern auch Kommunen wie Stuttgart, Sindelfingen (Kreis Böblingen) oder Schwäbisch Gmünd: Sinkende Unternehmensgewinne bedeuten geringere Gewerbesteuereinnahmen, das reißt große Löcher in die Haushalte.
"Wir haben schon einiges kommen sehen, aber vielleicht nicht gehandelt", kritisierte Liane Papaioannou, Geschäftsführerin der IG Metall Stuttgart, in der SWR-Sendung "Zur Sache! Extra - Der Wirtschaftsabend zur Landtagswahl". Der Konzernchef des Automobilzulieferers Mahle, Arnd Franz, forderte mehr Unterstützung der Politik: "Deutschland hat einen enormen Reformrückstau in wesentlichen Bereichen." Er kritisierte unter anderem hohe Arbeits- und Energiekosten und zu hohe Steuern.
Robotik und KI: Chance für die Wirtschaft?
Im Aufwind befinden sich hingegen andere Wirtschaftsbranchen - sie könnten zu den Jobmotoren der Zukunft werden. Ein Beispiel findet sich in einem Gewerbegebiet in Riederich bei Metzingen (Kreis Reutlingen): In der Firma Neura Robotics werden humanoide Roboter hergestellt. Sie sollen am Fließband stehen, in der Altenpflege helfen oder den Haushalt erledigen. "Die Robotik wird der größte Zukunftsmarkt sein - größer als Automotive, größer als Smartphones und alles, was es bis heute gab", ist sich Firmenchef David Reger sicher. "Es gibt unheimliche viele gute Dinge, die wir damit schaffen können."
Dass dafür jedoch die gleiche Anzahl an Arbeitskräften benötigt werde wie etwa in der Automobilindustrie, bezweifelt Reger. Vielmehr wünscht er sich flexiblere Arbeitsgesetze.
Ein weiterer Hoffnungsträger sitzt in einem unscheinbaren Bau in Offenburg (Ortenaukreis). Hier arbeitet das KI-Start-up AITAD an der Zukunft. 2018 gründete der damals 19-jährige Viacheslav Gromov das Unternehmen, inzwischen ist es auf 30 Mitarbeiter angewachsen. "Jede Idee hat das Recht, einmal ausprobiert zu werden", sagt Gromov. "Zehn davon scheitern vielleicht und die elfte wird's. So funktioniert Innovation."
Er und sein Team lernen künstliche Intelligenz für unterschiedliche Zwecke an. Die KI arbeitet direkt auf Chips und vollständig dezentral, also ohne Internet. Diese Chips, die AITAD selbst produziert, sollen Prozesse künftig günstiger und schneller machen. So kann zum Beispiel mit Hilfe von Sensoren erkannt werden, ob Autofahrer müde sind oder einen Schlaganfall erlitten haben.
Gromov hat für seine Arbeit bereits zahlreiche Preise gewonnen. Er ist überzeugt: Deutschland braucht ein neues Geschäftsmodell nach dem Auto. "Diesen Zukunfts-Macher-Markt müssen wir erschließen und das wird wehtun", sagt er.