Kurt Valerius bückt sich zu einem Tümpel hinunter und sucht das schlammige Wasser ab. Der Naturschützer vom NABU hält Ausschau nach einem Tier, das nur wenige Zentimeter groß ist: der Feenkrebs, der ein bisschen aussieht wie eine Kreuzung zwischen Garnele und Tausendfüßler.
Anfang der 1970er-Jahre hatte Valerius ihn zum ersten Mal gesehen. Als Schüler hat er das Tierchen aus einer Pfütze im Wittlicher Stadtteil Wengerohr gefischt und in ein Gurkenglas gesteckt. "Ich fand ihn so faszinierend, dass ich später jeden Sommer losgezogen bin, um ihn zu suchen", sagt Valerius. Wiedergefunden hat er ihn irgendwann ausgerechnet auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz auf dem Mesenberg.
Bundeswehr prüft, den Truppenübungsplatz wieder zu nutzen
Damals trainierten auf dem Gelände zwischen Wittlich und Bergweiler noch die französischen Truppen, die dort nach dem Zweiten Weltkrieg stationiert waren. Kurt Valerius hat die Kettenfahrzeuge als Kind noch durch die Landschaft donnern sehen. Nun könnte es rund 25 Jahre nach ihrem Abzug sein, dass hier bald wieder Militär trainiert. Denn die Bundeswehr prüft, den Truppenübungsplatz wieder zu nutzen.
Für Umweltschützer Valerius wären Panzer im Naturschutzgebiet keine Katastrophe, sondern eine riesige Chance. Denn das Militär hat dieses Biotop erst geschaffen. Die schweren Fahrzeuge hinterließen tiefe Spurrillen im lehmigen Boden, in denen sich das Regenwasser sammeln konnte. So entstanden die Tümpel, die zum Lebensraum für seltene Arten wie den Feenkrebs wurden.
Nabu: "Biotop hat seinen Charakter verloren"
"Früher wimmelte es hier von diesen Tieren", erinnert sich Valerius. Doch inzwischen machten sie sich rar. Die bedrohte Gelbbauchunke etwa werde seit ein paar Jahren gar nicht mehr auf dem Mesenberg nachgewiesen. "Der Grund ist, dass sich der Charakter dieses Gebietes stark verändert hat", sagt der Naturschützer.
Die Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord hat zwar nach eigenen Angaben in den vergangenen 15 Jahren viel dafür getan, das Biotop zu erhalten. Die Behörde ließ kleine Mulden ausgebaggern, die Büsche zurück schneiden, die Wiesen beweiden und ab und zu auch schwere Fahrzeuge durch das Gebiet fahren. Doch trotz der Pflege trockneten die Tümpel immer weiter aus und die Magerwiesen verschwanden, sagt Kurt Valerius.
Militär und Naturschutz schließen sich in RLP nicht aus
Was den NABU-Aktivisten besonders ärgert: 2024 habe jemand Teile der Wege geschottert und damit ein Gebiet trockengelegt, in dem es besonders große Tümpel gab. Er würde sich wünschen, dass das Gelände wieder umgegraben wird - notfalls eben mit Panzern.
Auch die SGD Nord würde darin kein Problem sehen. Im Gegenteil, schreibt eine Sprecherin: "In Betrieb befindliche Truppenübungsplätze und Naturschutz schließen sich nicht aus, sondern begünstigen sich eher." Ein Beispiel dafür sei der Truppenübungsplatz in Baumholder im Westrich, der sich über die Jahre zu einem Biotop entwickelt habe.
Zukunft des Mesenbergs weiter unklar
Ob es auch in Wittlich noch soweit kommt, ist unklar. Nach ARD-Recherchen steht der Mesenberg zwar auf einer Liste mit Liegenschaften, die das Verteidigungsministerium als "grundsätzlich geeignet für eine künftige Nutzung durch die Bundeswehr“ betrachtet. Doch noch ist nicht entschieden, welche Gelände die Bundeswehr wirklich übernehmen wird.
Klar ist: Das Militär braucht mehr Platz für die Aufrüstung nach dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Die neuen Soldaten müssen irgendwo schlafen und trainieren. Die Bundeswehr prüft deshalb zum Beispiel auch, die ehemalige Straßbourg-Kaserne in Idar-Oberstein wieder zu beleben.
Was den Mesenberg angeht, ist aber unklar, wie es weitergeht. Selbst bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die das Gelände verwaltet, weiß das niemand. Bei der Stadt Wittlich und Kreis Bernkastel-Wittlich habe auch noch keiner wegen des Geländes angefragt.
Krebs kam als blinder Passagier mit dem Panzer
Naturschützer Kurt Valerius hofft, dass die Entscheidung für den Mesenberg bald fällt. An diesem Nachmittag findet er keine Feenkrebse in den Tümpeln. Nur ein paar Insekten kann er im Wasser erkennen. Er hofft nun, dass die Krebse nächstes Jahr wieder auftauchen - so wie damals in der Pfütze in Wengerohr.
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"Mir ist erst viel später klar geworden, wie der kleine Krebs dorthin kam", sagt der Wittlicher: nämlich als blinder Passagier der Panzer. Mit dem Schlamm vom Mesenberg trug das Militär die Eier der Tiere umher und sorgte so dafür, dass sie sich in der Region verbreiten konnten. Seit dem Abzug der Truppen hat Valerius aber keine Feenkrebse mehr in Wengerohr gesehen.