Der Ursprung aller Dinge ist das Grenzenlose.
Schöpfung ebbt und flutet, Leben beginnt und endet – ein endloser Kreislauf der Wiederholung. Dieses Soundscape besteht aus elementaren Dingen, die jedoch nicht immer erkennbar sind. Macht offenbart sich, unerbittliche Macht, ein rhythmischer Puls, der den Kreislauf trägt und wachsen lässt – aber nicht als geradlinigen Verlauf. Zufällige Ereignisse können ihn unterbrechen, ablenken, gar zum Stillstand bringen. Strudel und Rückströmungen haben ihren Anteil daran.
Philosoph:innen, Künstler:innen und Menschen überhaupt waren seit jeher vom Ozean fasziniert – dem irdischen Urbild von Ebbe und Flut. Das Leben auf unserem vom Ozean umhüllten Planeten hängt vom Wasser ab. Vielleicht ist der Mensch ihm entstiegen, gewiss aber wird er im Mutterleib darin geformt – und ohne Wasser stirbt er unweigerlich in kürzester Zeit. Der Ozean erhält unsere Atmosphäre und unser Klima, schenkt uns Nahrung und andere Ressourcen und trägt eine ungeheure Biodiversität. Wir nutzen ihn zum Spielen und Verweilen, erleben jedoch ebenso seine gewaltige Kraft und sein zerstörerisches Potenzial.
Meereswesen und Gottheiten sind tief in den Mythologien der ganzen Welt und aller Zeiten verwurzelt: Sirenen, Nixen, Leukothea, Poseidon, Kraken, Selkies, Gorgonen und unzählige andere. Künstler:innen aller Epochen versuchten, die Majestät des Ozeans in Worte, Bilder und Musik zu bannen. Unser ursprünglicher Widerhall auf das Meer lässt sich nicht verdrängen.
Vor zweitausendsechshundert Jahren stellte Thales von Milet das Wasser an den Anfang von allem. Sein Zeitgenosse Anaximander von Milet widersprach jedoch und sagte: „Der Ursprung aller Dinge ist das Grenzenlose.“ Das Wort, das Anaximander für das Grenzenlose gebrauchte, war „apeiron“.
„apeiron“ ist eine Hommage an diese tiefen Verbindungen und an unsere emotionalen Reaktionen. Aktives Hinhören auf unsere Umwelt ist wesentlich für aktives Leben. Hören ist durch kulturelle Prägung beeinflusst; es ist politisch, niemals neutral, und es erzeugt Bedeutung. Feministische Komponistinnen wie Pauline Oliveros verstehen Hören als bezüglich und stets als kollektive Erfahrung.
Elementare Klänge und Klangfarben verzahnen sich in „apeiron“, formen abstrakte Klangräume, die Macht verkörpern – unerbittliche Macht –, die urtümlichen Pulse nahtloser Abfolgen, durchsetzt von zufälligen Unterbrechungen und Verschmelzungen. Das Werk verdeutlicht, dass Leben Bewegung ist, stets im Wandel, und es zeichnet ein Bild von sinnlicher, unveränderlicher Veränderung. Es taucht tief ein in die gemeinsamen Essenzen aller Dinge – loslassen oder mitgehen...
Drei „Protagonisten“ beherrschen die Bühne – Ozean (Field Recordings), Menschheit (gesprochene Stimmen) und ein mächtiges, vielgestaltiges Urwesen (performt mit erweiterter Vokaltechnik). Sie treten solistisch auf, im Duett, verwandeln sich, geraten in Konflikt und verschmelzen in ihrem Versuch, ihre Plätze im Universum zu verstehen und zu behaupten – und rufen damit die Frage hervor, ob ein harmonisches Miteinander aller drei je möglich sein wird.
Mit: Stimmen von Freiwilligen aus Stromness, Orkney
Vokalsolistin: Audrey Chen
Stromness Tide Times 2017 mit freundlicher Genehmigung von UKHO und Dick Dolby
Field Recordings und Tamtam: Leona Jones
Ton und Technik: Daniel Senger und Robin Zwirner
Komposition und Regie: Leona Jones
Produktion: SWR 2024
Begründung der Jury
Der Karl-Sczuka-Preis 2025 geht an das Werk „apeiron“ der walisischen Klangkünstlerin Leona Jones. Die Studioproduktion geht aus von Field Recordings aus der Hafenstadt Stromness auf den schottischen Orkney-Inseln. Artikulationsexperimente der Vokalsolistin Audrey Chen reagieren auf die Geräusche der Brandung und des Wassers und schaffen einen Dialog zwischen den Elementarkräften des Ozeans und körperlichem menschlichem Ausdruck. Mit den Mitteln elektronischer Bearbeitung und Komposition schafft Jones ein offenes radiophones Hörgeschehen, das dem Rhythmus der Gezeiten mal folgt, mal ihn unterbricht, ihn umspielt oder transzendiert.
Ihre experimentelle interdisziplinäre Praxis konzentriert sich auf Wort/Ton als Ereignis/Performance. Sie untersucht Stimme und Klang im weitesten Sinne, zeichnet ortsbezogene Klänge auf und kreiert Klanglandschaften/ Performances aus digitalen Fragmenten in einem mosaikartigen Prozess. Zuvor war sie als Forscherin/Produzentin bei BBC Radio Wales tätig und produzierte/ präsentierte zudem ein Programm bei einem lokalen Radiosender. Zentrale Bedeutung hat für sie die spartenübergreifende Zusammenarbeit: Sie arbeitet mit Performer:innen, Musiker:innen, bildenden Künstler:innen, der Öffentlichkeit und Akademiker:innen. Es geht ihr darum, die Vorstellungskraft des Publikums zu erreichen und dessen Fähigkeit zum Zuhören zu schärfen. Sie ist der Ansicht, dass aktives Zuhören für eine gesunde Gesellschaft unerlässlich ist. Ihre Werke wurden in Galerien ausgestellt, sind aber genauso in Räumen zu finden, die normalerweise nicht mit Kunst in Verbindung gebracht werden. Sie lebt und arbeitet in Cardiff, Wales
Karl-Sczuka-Preis Hörspiel als Radiokunst
Der Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst 2025 wurde am 19. Oktober 2025 bei den Donaueschinger Musiktagen verliehen.
Donaueschinger Musiktage Preisverleihung: Karl-Sczuka-Preis 2025
Mitschnitt der Preisverleihung 2025 in Donaueschingen und Preiswerk "apeiron" von Leona Jones
ars acustica apeiron (binaurale Fassung - für Kopfhörer)
Dies ist der binaurale Kunstkopf-Mitschnitt der Vorpremiere der Klangdomversion von "apeiron" bei den ARD Hörspieltagen im ZKM Kubus am 16.11.2024 in 3D Sound, optimiert für Kopfhörer.
Podiumsgespräch Podiumsgespräch zur Klangdomversion des Hörstücks „apeiron"
Podiumsgespräch anlässlich der Vorpremiere der Klangdomversion von „apeiron“ am 9.11.2024 bei den ARD Hörspieltagen 2024 im ZKM Kubus.
Gesprächsführung: Frank Halbig (Hörspieldramaturg)
Podiumsgäste: Leona Jones (Künstlerin) und Audrey Chen (Vokalsolistin)
Produktion: SWR/ZKM Hertz Lab 2024