Was erzählt die Literatur über ein Land? Das „lesenswert Magazin“ reist nach Tschechien und entdeckt eine Literaturlandschaft zwischen großer Erzähltradition und überraschend schrägen Gegenwartsromanen. Wir treffen Autorinnen und Übersetzerinnen, schauen in tschechische Klassenzimmer – und fragen, was eigentlich „typisch tschechisch“ ist.
Jarka Kubsova entdeckt die wahre Viktorka
Die Geschichten von Božena Němcová kennt in Tschechien fast jeder, ihr Roman „Die Großmutter“ gehört zum literarischen Kanon. Darin begegnete Jarka Kubsova schon als Kind der rätselhaften Viktorka – und entdeckte später, dass hinter ihr eine reale Frau stand.
In „Im Licht des neuen Tages“ sucht Kubsova nach Viktorkas tatsächlichem Schicksal. Dabei hat sie auch ihre eigene Herkunft erkundet und einen „typisch tschechischen“ Humor entdeckt: klug, ironisch und widerständig.
Jarka Kubsova: „Die Viktorka ist immer eine Leerstelle“
Wie Tschechien seine Leselust bewahrt
Tschechien ist ein Vielleseland. Es hat das größte Bibliotheksnetz der Welt und Tschechinnen und Tschechen lesen überdurchschnittlich viel und lang. Doch weil das Digitale auch in Tschechien die Lesebegeisterung dämpft, versuchen die Schulen gegenzusteuern.
Sie nutzen dazu ein einzigartiges Werkzeug: Lesetagebücher, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Marianne Allweiss, ARD-Korrespondentin in Prag, hat sich an Tschechiens Schulen umgehört.
Weird Fiction auf Tschechisch
Ein junges Paar findet ein rätselhaftes Wesen – halb lebendig, halb künstlich – und nimmt es bei sich auf. In „Flora“ verbindet der tschechische Autor Jonáš Zbořil Klimakrise und Biotechnologie mit einem alten Märchenmotiv. Entstanden ist ein verstörendes und zugleich erstaunlich zärtliches Zukunftsmärchen über Natur, Fürsorge und die Sehnsucht nach einem Kind.
Der neueste Weird-Fiction-Erfolg aus Tschechien
Urlaub im Stalinismus
Um seiner links gesinnten Tochter eine Lektion zu erteilen, bucht ein Unternehmer einen historischen Erlebnisurlaub in der stalinistischen Tschechoslowakei. Doch aus dem Spiel wird bitterer Ernst. Die Übersetzerin Daniela Pusch erzählt im lesenswert Gespräch was sie an Ondřej Hübls „Der Vorhang“ fasziniert hat und wie sie den oft tiefschwarzen tschechischen Humor ins Deutsche übersetzt hat.
„Eine sehr tschechische Art, nichts ernst zu nehmen“
Eine Fliege schaut auf die Welt
In Dora Kaprálovás Roman „Die Mariborhypnose“ schaut eine Fliege mit ihren Facettenaugen auf die Welt. Schauplatz ist das slowenische Maribor, wo sich der Hypnotiseur Leo Svengali und seine Assistentin Elis verlieben. Figuren aus Vergangenheit und Gegenwart treten auf, Fakten und Fiktion fließen durcheinander. Ein herrlich schräger Blick auf die Welt aus Insektenperspektive.
Blick aufs Dasein aus der Fliegenperspektive
Eine Göre will gesehen werden
Die fünfzehnjährige Hanka verliebt sich in einen verheirateten Mann, den sie nur den „Doc“ nennt. Hanka ist überzeugt, dass er ihre Gefühle erwidert, und er verhält sich nicht eindeutig ihr gegenüber. In „Göre“ erzählt Dorota Ambrožová vom Begehren und dem schwierigen Erwachsenwerden. Ein Coming-of-Age-Roman mit einer widersprüchlichen Heldin und einer erstaunlich glaubwürdigen Stimme.