Auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis

Was Zähneknirschen über Kriegstraumata erzählt – Jehona Kicaj über ihren Roman „ë“

Das „ë“ spricht man in der albanischen Sprache nicht aus, trotzdem hat es eine wichtige Funktion. Um das, was nicht ausgesprochen werden kann, aber trotzdem schmerzt, geht es in dem Roman von Jehona Kicaj.

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Von Autor/in Kristine Harthauer

Im Albanischen wird der Buchstabe „ë“ nicht ausgesprochen, aber er verändert die Betonung des Wortes. Das hat die Autorin Jehona Kicaj zu der Idee für den Titel ihres Debütromans „ë“ gebracht:

„Wenn ich an kriegsversehrte Menschen denke oder an eine kriegsversehrte Gesellschaft, dann ist es oftmals so, dass da etwas ist, was die Menschen beschäftigt, worüber aber nicht gesprochen wird. Aber trotzdem ist ja etwas da und macht etwas mit den Menschen, auch wenn sozusagen die Worte dafür fehlen“, so die Autorin.

Knirschende Sprache

Ihr Debütroman steht auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Darin folgen wir einer namenlosen Ich-Erzählerin. Eine junge Frau, die im Kosovo geboren ist, mit ihren Eltern aber vor Kriegsausbruch 1998 nach Deutschland fliehen konnte. Das Buch beginnt damit, dass diese Erzählerin eines Morgens ein abgebrochenes Stück Zahn im Mund hat.

Sie mahlt nachts mit dem Kiefer. Jehona Kicaj habe es schon immer interessiert, wie man mit Mitteln der Literatur Sprachlosigkeit ausdrücken kann. Am meisten geprägt habe sie der Schriftsteller Heinrich von Kleist. In seinen Texten spricht der Körper, wenn Figuren in Ohnmacht fallen, erröten oder erblassen.

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Sprachlosigkeit führt zu körperlichen Schmerzen

Ihre Hauptfigur hat den Kosovokrieg nicht am eigenen Leib erfahren, dennoch arbeiten die Traumata ihrer Eltern und eigene Erfahrungen mit Rassismus so stark in ihr, dass sie sich nachts die Zähne kaputt mahlt, weil sie für all diese Erfahrungen in ihrem jungen Alter noch keine Sprache habe.

„Sie kann das noch nicht in Worte fassen. Und all das schreibt sich in ihren Körper ein und findet irgendwann seinen Weg, bricht sich Bahn im Grunde durch das nächtliche Zähneknirschen“, sagt Kicaj.

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Alleingelassen in der Diaspora

Der Kosovokrieg dauert von 1998 bis 1999. Er ist nicht lange her, und trotzdem scheint dieser Krieg aus dem europäischen Gedächtnis verschwunden zu sein, das beobachtet auch Jehona Kicaj. Für die Betroffenen vor Ort aber auch für die, die in der Diaspora leben, führe das zu großem Schmerz. Jehona Kicaj ist 1991 im Kosovo geboren und in Deutschland aufgewachsen.

Dass der Kosovokrieg in der deutschen Erinnerungskultur keine Rolle spiele, sei für sie unerträglich. Besonders schlimm sei es gewesen, als 2022 Russland die Ukraine angriff:

„Die deutschen Tageszeitungen titelten damals oft, das sei der erste Krieg auf europäischem Boden seit Ende des Zweiten Weltkrieges.Und ja, das ist unerträglich, weil ich nicht verstehen kann, wie man all diese Kriege, die auf europäischem Boden und die nur zwei Flugstunden entfernt stattgefunden haben, wie man die vergessen kann“, so Kicaj.

Kriege dürfen nicht vergessen werden

Jehona Kicaj erinnert an ein Zitat des Schriftstellers Lukas Bärfuss. Als er mit dem Georg Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, sagte er: „Wer den letzten Krieg vergisst, bereitet schon den nächsten vor.“ Dieser Satz sei Jehona Kicaj unter die Haut gegangen: „Kurz darauf startete eben Russland seinen Angriffskrieg auf die Ukraine. Und heute denke ich rückblickend, das war irgendwie prophetisch und gespenstisch.“

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