Wir sprechen mit dem Psychotherapeuten Wolfgang Krüger über mögliche Gründe.
Historische und aktuelle Gründe für eine Heirat
SWR1: Trotz Liebe und Glück in der Beziehung – warum wollen immer mehr Paare nicht mehr heiraten?
Wolfgang Krüger: Man muss sich die Zahlen wirklich genau angucken. Wir haben auf der einen Seite eine fast beunruhigende Zahl: Seit 1950 hat sich die Zahl derer, die heiraten wollen, halbiert. Früher hat man vor allem aus sachlichen Gründen geheiratet. Frauen waren finanziell abhängig, es gab einen gesellschaftlichen Druck. Wenn man Kinder bekommen wollte, musste man heiraten. Man musste heiraten, um eine Wohnung zu bekommen.
Wir haben heute die Situation, wenn wir heiraten, dann haben wir zum einen geprüfte Beziehungen. Wenn wir heiraten, sind wir erheblich älter. In den letzten 50 Jahren hat sich das Alter der Männer, wenn sie heiraten, um zehn Jahre erhöht. In den meisten Fällen kennt man sich lange und zieht zusammen.
Und dann fasst man den Beschluss, zu heiraten. Das sind dann wirklich geprüfte Beziehungen und man heiratet, weil man sich liebt. Insofern sind die Beziehungen, wenn man heiratet, heute erheblich besser geworden.
Heiraten und Beziehung: Die Ehedauer hat sich um zwei Jahre verlängert
SWR1: Es könnte ja auch darum gehen, sich Freiheiten zu erhalten, zum Beispiel mit offenen Beziehungen. Oder weil man sich auch nicht die Chance verbauen will, wenn vielleicht noch was Besseres um die Ecke kommt.
Krüger: Das könnte man meinen. Aber wir leben heute eher in einer bindungsstarken Zeit. Wir leben in unsicheren Zeiten und deshalb ist es so, dass wir eher geneigt sind, Bindungen einzugehen.
Es gibt eine zweite interessante Zahl: Innerhalb von 23 Jahren hat sich die Ehedauer von 12,8 auf 14,8 Jahren erhöht. Das ist eine Sensation, weil wir dadurch sehen: Man bleibt länger zusammen. Die Ehescheidungen haben sich verringert. Insofern sind die Beziehungen heute, wenn wir heiraten, erheblich eine Runde besser als früher.
Wir leben in unsicheren Zeiten und deshalb ist es so, dass wir eher geneigt sind, Bindungen einzugehen.
Der emotionale Sinn vom Heiraten und einer Beziehung ohne Trauschein
SWR1: Ohne eine Hochzeit fehlt doch auch eine soziale Sicherheit, eine Verbindlichkeit. Hat nicht eine gute Ehe auch psychische Vorteile, zum Beispiel auch für Kinder von unverheirateten Paaren?
Krüger: Ich würde Ihnen ja recht geben. Ich selbst habe im fortgeschrittenen Alter von fast 70 Jahren zum ersten Mal in meinem Leben geheiratet, weil ich wollte, dass die Beziehung eine Verbindlichkeit bekommt. Heiraten bedeutet quasi, dass ich die Option, ich könnte mich trennen, aus der Hand gebe und dem anderen verspreche, wir werden wirklich zusammenbleiben.
Insofern hat das Heiraten auch emotional einen Sinn, weil die Beziehungen damit nicht nur symbolisch eine größere Verbindlichkeit bekommen. Aber wir haben heute eine Vielzahl von anderen Möglichkeiten. Wir haben Beziehungen wie "Living Apart Together" (dt. "Getrenntes Zusammenleben"), dass man eben nicht zusammenwohnt. Und dennoch sind diese Beziehungen im Grunde verbindlich.
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Bessere Beziehungen durch innere Stabilität
SWR1: Es könnte aber auch der Eindruck entstehen, der andere liebt mich gar nicht genug und will sich nicht auf mich festlegen.
Krüger: Wir haben heute Beziehungen, die durchaus verbindlich sind und wo man nicht heiratet. Sondern die Verbindlichkeit kommt im Grunde durch eine innere Stabilität, weil ich in der Lage bin, besser Konflikte zu klären und eine andere Form der Nähe herzustellen.
Die Beziehungen heute sind erheblich besser. Wir schreiben deshalb auch Bücher und halten Vorträge über das Thema. Wir sehen, dass das Wissen darum, wie Partnerschaften sind, erheblich besser geworden ist.
Viele Paare sagen, wir brauchen für die innere Stabilität und um zusammenzugehören, nicht unbedingt ein bestimmtes Ritual. Sondern wir merken das quasi durch die Art unserer Gespräche, wie wir uns nahekommen, wie wir uns verstehen, dass wir wirklich zusammenpassen.
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Tipp vom Psychotherapeuten Krüger
SWR1: Für eine glückliche und lange Ehe muss man auch ein bisschen was tun. Was ist Ihr Tipp?
Krüger: Wir müssen immer wieder den anderen fragen, wie es ihm geht. Und wir müssen vor allem gucken, dass wir den anderen respektvoll behandeln. Das Schwierigste in einer Beziehung ist, wenn ich den anderen ständig überfordere. Also Dinge von ihm verlange, die der andere nicht leisten kann. Und wenn ich unzufrieden werde und dann in der Beziehung Machtkämpfe entstehen.