Neues von der Spielemesse
SWR1: Ist die Spielemesse eigentlich top oder flop?
Jens Junge: Natürlich top! Dass wir hier in Deutschland eine so tolle Veranstaltung haben, wo alle internationalen Gäste kommen, da kann man sich doch nur freuen.
SWR1: Sie waren als Fachbesucher schon auf der Messe. Haben Sie irgendetwas gefunden, was Sie als Profi überrascht hat?
Junge: Ich habe natürlich spannende Dinge entdeckt. Thema digitale Achtsamkeit. Ein kleines süßes Kartenspiel, bei dem man mit digitalen Monstern zu kämpfen hat, um dann wieder gut im realen Leben anzukommen.
Auf der Messe sind so viele kreative Autorinnen und Autoren unterwegs, es ist sehr, sehr spannend. Was mich begeistert ist, dass Spiele ein Medium sind. Das sind letztendlich Medienwerke, wo wir in einen Dialog mit der Welt treten. […]
Man denkt, das ist nur Zeitvertreib, das ist Kinderkram. Inzwischen ist das Durchschnittsalter bei solchen Spielen eben 37. Ich finde es immer wieder faszinierend.
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Spiele zeigen, wie wir ticken
SWR1: Das klingt danach, dass Sie eher ein Fan von Karten- und Brettspielen sind als von Computerspielen?
Junge: Tatsächlich spiele ich auch Mobile-Games und Computerspiele. Natürlich hat beides, digital und analog, seine Berechtigung. Wir leben in einer digitalen Welt. So spielen wir auch mit digitalen Elementen und die Games-Branche ist ein Technologie-Treiber.
Denken wir an die ganzen KI-Systeme. Die Menschen merken gar nicht, dass sie gegen einen Computer spielen und denken, es sei ein realer Mensch im Hintergrund. Das gibt es in der Gaming-Branche schon seit Jahrzehnten.
SWR1: Sag mir, wie du spielst, und ich sag dir, wer du bist. Ist da was dran?
Junge: Natürlich, denn gerade im Spiel sind wir dabei, an unsere Grenzen zu kommen oder uns auszuloten und auszuprobieren, wie emotional stabil, wie offen und neugierig, wie kooperativ jemand ist. All das beweist sich in solchen künstlichen Herausforderungen des Spielens.
Spielforscher Jens Junge: "Wir können Spielregeln auch immer wieder in Frage stellen!"
SWR1: Es gibt Menschen, die können einfach nicht verlieren. Andere lesen die Spieleanleitung zehnmal durch und wollen dann noch diskutieren. Was sagt uns das über die Menschen, mit denen wir da spielen?
Junge: Wenn es sozusagen die Diktatoren am Tisch gibt, die auf bestimmte Spielregeln bestehen, kann man immer wieder sagen, Spielen hat was auch mit Freiheit zu tun.
Und wenn ich keine Lust auf "Mensch ärgere dich nicht" habe, dann kann ich auch die Spielregeln modifizieren und "Mensch freu' dich" draus machen. Dann schmeiß' ich nicht jemanden raus, sondern wenn ich zum Beispiel eine fünf gewürfelt habe, dann schubse ich jemanden fünf Felder nach vorne.
SWR1: Das ist aber auch kreativ.
Junge: So entstehen neue Spiele und so funktioniert es auch, dass Spielen immer etwas mit einer Vereinbarung zu tun hat. Diese Regeln sind keine Naturgesetze, sondern von Menschen gemachte Regeln. Die können wir auch immer wieder in Frage stellen.
[Spielregeln] sind keine Naturgesetze, sondern von Menschen gemachte Regeln.
Beim ersten Date ein Spiel spielen? Das rät Spielforscher Jens Junge
SWR1: Wäre zusammen spielen eine gute Idee für ein erstes Date?
Junge: […] In einem Spiel lerne ich einen Menschen viel, viel intensiver kennen als in irgendeinem rationalen Gespräch. Spielen bringt uns auf eine emotionale Ebene, wo ich viel mehr Informationen über jemanden bekomme. Wie ist er? Wie verhält er sich in Krisensituationen? […] Das ist ein viel intensiveres Kennenlernen als nur irgendwie über Theorien zu reden und zu diskutieren.
SWR1: Welches Spiel würden Sie für ein erstes Date empfehlen?
Junge: Ich empfehle nicht, mit einem zu komplexen Spiel zu beginnen. Eben, dass man nicht bei irgendeiner Marsbesiedlung irgendwie dann vier Stunden einplant.
Ich schlage vor, mit einem kleinen, süßen Spiel anzufangen. Das ist zum Beispiel "Schrödingers Katzen". Das ist ein wunderschönes, kleines Kartenspiel, wo man vor allen Dingen schätzt, aber auch mit Überraschungseffekten zu tun hat. Man kann den anderen in diesem Spiel auch ärgern, man kann Dinge umkehren, die Machtverhältnisse auf den Kopf stellen. Das wäre dann in einer größeren Runde gut zu spielen.
Wenn man nur ein Zweier-Spiel haben will, dann ist das zum Beispiel "Skyteam", wo man gemeinsam ein Flugzeug zum Landen bringen muss und sich abstimmt. Da geht es um Teamarbeit und darum, gemeinsam ein Problem zu lösen.