Diabetes, Darmentzündungen & Co

Carrageen – wie gefährlich ist der Zusatzstoff?

In Milchprodukten etwa oder veganer Wurst steckt Carrageen, ein Verdickungsmittel aus Rotalgen. Studien legen nahe, der Zusatzstoff könnte Entzündungen fördern. Ist er schädlich?

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Von Autor/in Nina Rathfelder

Carrageen ist in vielen Milchprodukten wie Schlagsahne, Frischkäse oder Pudding enthalten. Auch in Soßen, Süßigkeiten, Eiscreme und zahlreichen veganen Wurstersatzprodukten findet sich das Verdickungsmittel.  

Der Zusatzstoff sorgt in vielen Lebensmitteln für eine cremige und homogene Konsistenz. Doch neue Forschungsarbeiten bringen den Verdacht auf, dass Carrageen nicht nur die Konsistenz von Lebensmittel beeinflusst, sondern auch der Gesundheit schadet.  

Was ist Carrageen? 

Carrageen ist die Sammelbezeichnung einer Gruppe langkettiger Kohlenhydrate und wird in Lebensmitteln als Zusatzstoff E 407 deklariert.

Hergestellt wird Carrageen aus Rotalgen. Gekocht und extrahiert entsteht ein weißes Pulver, das dann in industriell verarbeiteten Lebensmitteln landet. 

Carrageen als Verdickungsmittel und Stabilisator E 407 

Der Zusatzstoff wird vor allem als Verdickungs- und Geliermittel sowie als Stabilisator eingesetzt. In der Schlagsahne etwa verhindert Carrageen, dass sich Fett und Wasser trennen und im Pudding sorgt der Stoff dafür, dass sich keine Klumpen bilden.  

Bei der Herstellung von Eiscreme hilft Carrageen, die Entstehung von Eiskristallen zu unterbinden und trägt somit zu einer cremigen Konsistenz bei. Das Verdickungsmittel ist deshalb in vielen Milch- oder Fertigprodukten enthalten.

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Nebenwirkungen: Kann Carrageen Entzündungen hervorrufen? 

Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) dürfen in Lebensmitteln nur große Carrageen-Moleküle eingesetzt werden. Diese gelten als gesundheitlich weniger bedenklich. Allerdings sind in Lebensmitteln bis zu fünf Prozent kleinere Moleküle des Zusatzstoffes erlaubt. Es ist unklar, wie viele der großen Carrageen-Moleküle im Magen zersetzt werden, und ob daraus weiteres kleinmolekulares Carrageen entsteht. 

In Tierversuchen zeigte sich, dass Carrageen in Form von kleinen Molekülen Entzündungen hervorrufen kann. Bei Menschen kann es die Darmschleimhaut – auch Muzinschicht genannt - reizen. Als Folge wird die Barrierefunktion der Schleimhaut im Dünndarm gestört. „Das wird dann als ‚leaky gut‘ bezeichnet,“ erklärt Gastroenterologe Professor Detlef Schuppan aus Mainz. Durch diese gestörte Darmbarriere können Bakterien und andere schädliche Stoffe aus dem Darm in den Blutkreislauf gelangen.

„Wenn diese Darmbarriere gestört ist, können diese Patienten leichter nicht nur Darmentzündungen entwickeln, sie können auch Nahrungsmittelallergien entwickeln, die sie vorher nicht hatten - auch gegen übliche Nahrungsmittel wie Weizen- und Milchproteine. Sie können auch eine Verstärkung von Entzündungen außerhalb des Darmes haben“, so Schuppan.  

Außerdem soll eine gestörte Darmbarriere die Aufnahme von Nährstoffen, Vitaminen und Spurenelementen erschweren. 

Carrageen und Insulinresistenz 

Die Stoffwechsel-Experten am Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD) Professor Robert Wagner von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Professor Norbert Stefan vom Universitätsklinikum Tübingen haben die Auswirkungen von Carrageen auf die Insulinverarbeitung in einer Studie an Menschen untersucht.  

Bisher gab es noch keine Untersuchungen, ob Carrageen Diabetes bei Menschen begünstigen kann. Allerdings fanden schon Tierversuche an Mäusen statt.

„Vor mehr als zehn Jahren ist eine Tierstudie erschienen. Diese hat gezeigt, dass Mäuse von Carrageen im Trinkwasser insulinresistent geworden sind. Und Insulinresistenz ist einer der Grundmechanismen des Typ-2-Diabetes“, erklärt Professor Wagner. 

Bei einer Insulinresistenz schüttet der Körper nicht mehr genug Insulin aus. Die Folge: Der Blutzuckerspiegel steigt an. Damit nimmt auch das Risiko für Diabetes Typ 2 zu. 

Kann Carrageen Diabetes fördern? 

In der neuen Studie der beiden Stoffwechsel-Experten erhielten junge, gesunde Männer mit einem Body-Mass-Index von unter 30 zusätzlich zu ihrer normalen Ernährung entweder hochdosiert Carrageen oder ein Placebo. Beide Gruppen wurden über einen Zeitraum von zwei Wochen untersucht.  

Für die Untersuchung des Einflusses auf Diabetes Typ II haben die Forscher die Insulinsensitivität der Teilnehmer gemessen. Doch diese hatte sich bei der Carrageen-Gruppe insgesamt zur Überraschung der Forscher in dieser Zeit nicht verändert.  

Allerdings hatte das Carrageen bereits in diesem kurzen Zeitraum Einfluss auf die Darmbarriere der Studienteilnehmer – die Darmdurchlässigkeit wurde höher. Professor Norbert Stefan erklärt: “Während unsere Studie schon lief, kamen wichtige Daten aus Tiermodellen, die gezeigt haben, eine Darmentzündung ist dann problematisch betreffs Diabetesentstehung, wenn auf der anderen Seite schon ein Übergewicht besteht.” 

Um die gesundheitlichen Auswirkungen von Carrageen abschließend beurteilen zu können, braucht es nun aber noch weitere und größere Studien. 

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Keine Mengenbegrenzung von Carrageen in Nahrungsmitteln  

Je mehr Carrageen man zu sich nimmt, umso größer sind die schädlichen Auswirkungen. Doch bei der Vielzahl an Produkten, die Carrageen enthalten, ist es für Verbraucher kaum möglich, die Menge zu kontrollieren.  

Hinzu kommt: In der EU muss auf Verpackungen nicht angegeben werden, wie viel Carrageen in den einzelnen Produkten enthalten ist. Eine französische Studie kam zu dem Ergebnis, dass Erwachsene 56 Milligramm Carrageen pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag zu sich nehmen.  

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit stuft Carrageen derzeit als gesundheitlich unbedenklich ein, solange die empfohlene Menge von 75 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht nicht überschritten wird. Allerdings wird bereits über einen niedrigeren Richtwert diskutiert, der dieses Jahr noch veröffentlicht werden soll.  

Tipp für Verbraucher  

Wer Carrageen vermeiden möchte, kann zu Bioprodukten greifen, die explizit auf Carrageen verzichten, auch wenn der Zusatzstoff für Bio-Lebensmittel zugelassen ist.

Denn aufgrund der unklaren Wirkweise verzichten manche Biohersteller bereits auf Carrageen. Dazu gehören zum Beispiel die Verbände Demeter und Bioland sowie die Naturkostkette Alnatura bei den Produkten der Eigenmarke. 

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Autor/in
Nina Rathfelder
Onlinefassung
Silja Kopp