Medizin

Körperliches Training kann Chemo bei Brustkrebs verstärken

Vielen Menschen mit Krebs tut körperliche Bewegung gut. Aber wie wirken sich Ausdauer- oder Krafttraining konkret auf Tumore aus? Mehrere Forschungsteams haben nun bei Brustkrebspatientinnen in Heidelberg nach Antworten gesucht.

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Von Autor/in Ulrike Till

Über die Effekte von körperlichem Training auf eine Chemotherapie weiß man bisher nur sehr wenig. Mehrere Forschungsteams haben das nun bei Brustkrebspatientinnen in Heidelberg untersucht. Die Ergebnisse dieser BENEFIT-Studie sind vor Kurzem im „Journal of Health and Sport Science“ erschienen.

Patientinnen mit Training konnten Chemo länger und in höheren Dosen durchstehen

180 Frauen mit Brustkrebs haben bei der BENEFIT Studie mitgemacht: 60 von ihnen sollten während ihrer Chemotherapie zweimal pro Woche ein Ausdauertraining machen, weitere 60 Krafttraining absolvieren und die 60 Frauen in der Vergleichsgruppe machten während der Chemo kein Sportprogramm.

Am Ende der Chemotherapie war bei allen Frauen die Operation des Tumors vorgesehen. Interessanterweise gelang es den Probandinnen in den beiden Bewegungsgruppen, die Chemo länger und oft auch in höherer Dosierung durchzustehen als Patientinnen, die nicht trainierten.

Zudem schrumpften bei einer kleinen Gruppe der körperlich aktiven Frauen die Tumore deutlich stärker oder verschwanden sogar komplett. Überzogene Erwartungen sollte trotzdem niemand haben, sagt Dr. Martina Schmidt, Erstautorin der Studie:

"Natürlich ist es nicht so, dass das Training den totalen Effekt macht, also nicht jeder, der trainiert, bei dem verschwindet der Tumor absolut im Vergleich zu den anderen. Aber man sieht schon einen deutlichen Unterschied statistisch."

Wirkung des Trainings hängt von Rezeptoren auf Brustkrebszellen ab

Wie groß der Effekt genau ist, lässt sich schwer sagen – dafür ist die Studie zu klein, und die eingesetzten Chemotherapien sind zu verschieden. Eines aber hat sich ganz deutlich gezeigt: Das körperliche Training wirkt unterschiedlich -- je nachdem ob die Brustkrebszellen Rezeptoren, also Andockstellen für Hormone haben oder nicht, so Martina Schmidt:

"Bei den Patientinnen mit hormonrezeptorpositivem Brustkrebs sahen wir dann bei denjenigen, die das Training erhielten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, also ohne Training, eine stärkere Reduzierung der Tumorgröße, und auch häufiger das vollständige Verschwinden des Tumors."

Bei den Probandinnen mit Tumoren ohne Andockstelle für Hormone waren ebenfalls positive Effekte zu beobachten – aber sie sahen anders aus:

"Hier war es [so], dass die Frauen, die das Training erhielten, signifikant häufiger die vorgesehene optimale Chemotherapiedosis erhalten haben als bei Patientinnen der Kontrollgruppe."

Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs

Aber warum sollten Unterarten von Brustkrebs so unterschiedlich reagieren? Martina Schmidt forscht am Deutschen Krebsforschungszentrum DKFZ und am Nationalen Tumorzentrum NCT in Heidelberg – sie erklärt, Brustkrebs sei nicht gleich Brustkrebs. Entsprechend sei das Ergebnis nicht erstaunlich, dass je nach Tumortyp unterschiedliche Effekte der körperlichen Aktivität beobachtet werden können:

"Man sieht ja auch bei unterschiedlichen Tumortypen unterschiedliche Effekte von den verschiedenen Therapien. Also wenn man sagt, körperliche Aktivität, Training, ist ja wie auch ein Medikament im Prinzip, ist das auch nicht so überraschend, dass das je nach Tumortyp unterschiedlich wirkt."

Bedenkliche Nebenwirkungen oder eine Überforderung der Teilnehmerinnen sind bei den Fitnessübungen nicht aufgetreten. Das Ausdauertraining haben die meisten auf dem Fahrrad-Ergometer absolviert. Das Krafttraining umfasste unterschiedliche Übungen an Geräten.

Patientin beim Training mit einem Theraband. Die Studie aus Heidelberg zeigt: Körperliches Training kann tatsächlich einen Effekt auf die Tumorbekämpfung während der Chemotherapie haben.
Die Studie aus Heidelberg zeigt: Körperliches Training kann tatsächlich einen Effekt auf die Tumorbekämpfung während der Chemotherapie haben.

Effekte waren da, auch wenn der geplante Trainingsumfang meist nicht erreicht wurde

Allerdings haben nur wenige Teilnehmerinnen mehr als Dreiviertel der geplanten Trainingseinheiten geschafft. Macht nichts, sagt Martina Schmidt:

"Die Gründe dass nicht zweimal die Woche durchgehend trainiert wurde, sind, dass teilweise die Nebenwirkungen so massiv waren, dass die Patientinnen einfach gar nicht aus dem Haus gehen konnten. Auch an den Tagen, an denen die Chemotherapie-Infusion war, sollte nicht trainiert werden. Das heißt, auch wenn man nicht dieses optimale Training von zweimal die Woche schafft, scheint’s eine Wirkung zu geben. Und das ist ja eigentlich finde ich auch beruhigend."

Bei den Probandinnen in der Benefit-Studie hatte der Tumor noch nicht gestreut. Doch auch wenn der Brustkrebs schon Metastasen gebildet hat, zeigen Studien positive Effekte von Bewegung: Körperlich aktive Patientinnen fühlten sich besser und weniger erschöpft.

Patientinnen können sich bei einem Netzwerk über Bewegungsangebote in ihrer Nähe informieren

Die Heidelberger Krebsforscherin Martina Schmidt rät Patientinnen, sich zum Beispiel bei dem Netzwerk Onko Aktiv oder dem Krebsinformationsdienst über spezielle Bewegungsangebote in ihrer Nähe zu informieren: 

"Ich würde explizit zuraten, auch schon während der Therapie anzufangen mit einem Training oder körperlicher Aktivität, weil einfach viele Studien zeigen, dass das auch für die Lebensqualität, auch die Reduzierung der Nebenwirkungen gut tut. Und natürlich immer, immer angepasst an die jeweilige Leistungsfähigkeit, das ist ganz klar."

Am besten fragen Betroffene vorher nochmal ihren Arzt oder ihre Ärztin. Die Benefit-Studie zeigt, dass Bewegung auch direkte Effekte auf den Tumor haben kann. Die Ursachen sind noch nicht abschließend geklärt, sagt Martina Schmidt:

"Es könnte eine Verringerung von Entzündungsfaktoren erfolgen durch die Bewegung, eine Verbesserung des Immunsystems oder der Stoffwechselfunktionen. Andere Studien haben gezeigt, dass auch eine Aktivierung der sogenannten natürlichen Killerzellen eine Rolle spielen könnte. Sexualhormone könnten eine Rolle spielen, die dadurch positiv beeinflusst werden."

Training könnte Tumordurchblutung verbessern und so die Wirkung der Medikamente verstärken

Körperliches Training während der Chemotherapie kann also nachgewiesen die Wirkung der Medikamente verstärken – auch hierfür hat die Krebsexpertin eine mögliche Erklärung:

"Dadurch dass der Tumor ja recht unkontrolliert, chaotisch wächst, ist er oft unzureichend mit Sauerstoff versorgt. Und deswegen kommen die Chemotherapien oft nicht optimal in den Tumor hinein. Und durch das Training, insbesondere durch so ein Ausdauertraining, könnte vielleicht die Tumordurchblutung verbessert werden und somit die Chemotherapiemedikamente auch besser in den Tumor gelangen, um ihn abzutöten."

Positiver Effekt von Brustkrebs schon bei anderen Tumorarten nachgewiesen

In der Benefit-Studie ging es nur um Frauen mit Brustkrebs. Der positive Effekt von Bewegung hat sich aber auch schon bei anderen Tumorarten gezeigt, zum Beispiel bei Darmkrebs.

Laut der gerade erschienenen Challenge-Studie steigert ein dreijähriges Sportprogramm nach der Behandlung die Überlebenschancen von Darmkrebspatienten.

Die Heidelberger Krebsforscherin Martina Schmidt geht davon aus, dass sehr viele Menschen mit Krebs von körperlicher Aktivität profitieren könnten.

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