Glauben

Mit dem Trauma leben lernen – Frühe Hilfen für Geflüchtete

Flüchtlinge, die Folter, Gewalt und Vertreibung erlebt haben, leiden unter der seelischen Belastung. Das Caritas-Projekt „OMID“ in Stuttgart bietet frühe Hilfen. 

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Stand

Von Autor/in Susanne Babila

In der Projektküche der Flüchtlingsunterkunft in Stuttgart-Möhringen schneiden Gülüzar, Türkan und Saide Feigen und Aprikosen in Würfel, waschen Reis und übergießen Nüsse und Rosinen mit heißem Wasser. Die drei Türkinnen wollen anonym bleiben und nur mit ihrem Vornamen genannt werden. Sie sind mit ihren Familien aus der Türkei geflohen und leben seit ein, zwei Jahren in Deutschland. Das gemeinsame Kochen lenke sie von ihren Sorgen ab, sagt Türkan. Sie fühle sich in der Gemeinschaft wohl und bekomme beim Kochen den Kopf frei. Sozialarbeiterin Ruhsar Gümüsdal leitet Workshops im Rahmen von OMID - einem niederschwelligen Therapieangebot der Caritas Stuttgart. OMID bedeutet auf Persisch „Hoffnung“.

Gericht Aşure  - oder auch Noahs Suppe genannt
Türkan, Gülüzar und Zahide kochen gemeinsam das Gericht Aşure - eine warme Süßspeise

Flüchtlinge sollen in kreativen Workshops psychisch stabilisiert werden

Die Frauen teilen die Aufgaben untereinander auf: welches Gericht wird gekocht? Welche Zutaten werden benötigt und wer erledigt die Einkäufe? Rushar Gümüsdal kennt die Sorgen und Nöte der drei Teilnehmerinnen. Ihr Büro ist in der Stuttgarter Flüchtlingsunterkunft und somit für die Flüchtlinge direkt ansprechbar. Nach den Workshops kämen viele Flüchtlinge in die therapeutische Gesprächsberatung, denn beim gemeinsamen Kochen, Malen oder Basteln lerne man sich kennen und sie fassten Vertrauen zu den Sozialarbeiterinnen von Omid.

Im vergangenen Jahr fanden mit Mitarbeiterinnen von OMID über 1.800 Einzelgespräche statt. Meist geht es um Ängste mit Panikattacken, Schlaflosigkeit, Despressionen und Konzentrationsproblemen. Auch Suizidgedanken werden geäußert. Allein in baden-württembergischen Flüchtlingsunterkünften haben sich in den vergangenen zwei Jahren insgesamt 16 Menschen das Leben genommen. Weitere 90 unternahmen einen oder mehrere Suizidversuche.

In baden-württembergischen Flüchtlingsunterkünften haben sich in den vergangenen zwei Jahren 16 Menschen das Leben genommen

Suizid in Flüchtlingsunterkünften
Picture Alliance

Sozialarbeiterin Rushar Gümüsdal ist Muslimin und hat türkische Wurzeln. Ihre Großeltern kamen als sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland. Über den Kochtöpfen in der Omid-Projektküche hat die Sozialarbeiterin Fotos der Rezept-Zutaten aufgehängt und am Rand ihre deutschen Bezeichnungen notiert. Im Koch-Workshop steht dieses Mal „Aşure“ auf dem Speiseplan, eine warme Süßspeise aus dem Nahen Osten, die mit Kichererbsen, Bohnen, Weizen, Mandeln, Walnüssen, Haselnüssen, Erdnüssen, Sultaninen, getrockneten Feigen, Datteln, Zimt, Orangenschalen, Granatapfelkernen und Pistazien zubereitet wird.

„Aşure“ steht für Zusammenhalt, Dankbarkeit und das Teilen mit anderen

Legenden zufolge kochten Noah und seine Begleiter an Bord der Arche aus den vorhandenen Resten von Lebensmitteln dieses Gericht, um die Vorräte zu nutzen und zu teilen. Aşure ist ein symbolreiches religiöses Gericht, vor allem bei Schiiten, Aleviten, aber auch Sunniten. Am 10. Tag des heiligen Monats Muharram im islamischen Kalender, dem Aşure-Tag, wird die warme Süßspeise zubereitet und an Nachbarn und Freunde verteilt.  Der Sud köchelt mehrere Stunden, muss immer wieder umgerührt und abgeschmeckt werden, bis ein dicker Brei entsteht.

„Das Zubereiten religiöser und kultureller Speisen tut der Seele gut und schafft eine innere Zufriedenheit“

Das Kochen kultureller und religiöser Speisen wirke stabilisierend auf die Psyche, erklärt Ruhsar Gümüsdal. Türkan und Zahide sind Kurdinnen und haben ihr Kopftuch locker nach hinten gebunden. Gülüzar ist Alevitin und trägt kein Kopftuch. Sie gehört in der Türkei einer religiösen Minderheit an, die in ihrer Heimat als Glaubensgemeinschaft nicht staatlich anerkannt ist. Ihre Familie sei in der Türkei häufig diskriminiert worden, erklärt die 53-jährige und sie fühle sich vom Staat nicht ausreichend geschützt. Türkan und Zahide nicken, denn auch ihre kurdischen Familien würden in der Türkei ausgegrenzt und benachteiligt werden. Sie fühlen sich häufig niedergeschlagen, haben Albträume und Panikattacken.

Panikattacken, Albträume und Kopfschmerzen sind Folgen posttraumatischer Belastungsstörungen

Die Erinnerungen an die Flucht über die lebensgefährliche Balkan-Route raube ihnen den Schlaf, erzählt Türkan und weint. „Es gab Tage, an denen wir uns von Blättern ernährt haben und wir haben auf der Flucht Menschen sterben sehen.“ Auch Gülüzar hat Tränen in den Augen. Alle drei Frauen wissen nicht, ob ihren Anträgen auf Asyl stattgegeben wird und sie mit ihren Familien in Deutschland bleiben können. Unsere große Angst, ist abgeschoben zu werden, sagt Gülüzar. „Ich kann nachts nicht schlafen, weil ich so Angst habe. Es könnte jede Nacht passieren, dass wir abgeschoben werden.“

Die Angst vor Abschiebung ist riesengroß

Die Mitarbeitenden von OMID bieten neben kreativen Workshops niederschwellige therapeutische Einzelgespräche an, die von einem Sprachmittler übersetzt werden. So können die Geflüchteten in ihrer Muttersprache über ihre Probleme sprechen und die langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz überbrücken. Dabei fließen sehr viele Tränen, sagt Ruhsar Gümüsdal.

OMID bietet niederschwellige therapeutische Beratungsgespräche an

Nach ein paar Stunden ist Noah’s Süßspeise endlich gargekocht und bereit zum Servieren. Die Familien von Türkan, Gürüsal und Zahide decken den großen Tisch im Gemeinschaftsraum. Auch die Sozialarbeiter der Unterkunft sind eingeladen. Gürüsal holt selbstgemachten Käse aus dem Kühlschrank und frischgebackenes Fladenbrot aus dem Ofen. Es duftet nach Sesam, Orangenschalen und Zimt. Als alle am Tisch sitzen, packt ein junger türkischer Flüchtling seine Gitarre aus und singt ein Lied über eine verlorene Liebe in der Heimat. Für einen Moment sind alle gebannt, ihre Sorgen vergessen. „Am Ende des Tages gehen sie mit einer Leichtigkeit in ihre Zimmer und haben Kraft und Hoffnung geschöpft“. Das zeige, so die Sozialarbeiterin, dass wir bei OMID eine wichtige Arbeit leisten, die dringend gebraucht wird.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Susanne Babila
SWR
Redakteur/in
Sabine Brütting