Das Internet weiß bekanntlich alles – und auf Social Media wissen alle alles noch viel besser. Neuester Trend für einfache Lösungen komplexer Probleme: einfach mal ein Pflaster über den Mund kleben, wenn man schläft – dann schnarcht man nicht.
Kein Trend ohne Amerikanismus, deswegen sprechen wir jetzt von Mouth Taping. Bekannt auch aus diversen Entführungsfilmen. Dort wird das Duct Tape quer über das Gesicht auch gerne dazu verwendet, um das Opfer „mouth dead“ zu machen: mundtot.
Laut den zahlreichen Social-Media-Experten hilft Mouth Taping gegen Schnarchen, schlechten Atem, Müdigkeit, Konzentrationsprobleme und Falten im Gesicht. Die wichtigsten Fragen hat SWR -Moderator Stefan Troendle mit dem Schlafforscher Professor Joachim Maurer, von der Unimedizin Mannheim, geklärt.
Menschen die sich auf Social Media beim Schlafen den Mund zukleben – kann Mouth Taping was bringen oder ist das gefährlicher Unfug?
Prof. Joachim Maurer: Das ist erst mal, so allgemein gesagt, Unfug. Weil die meisten Leute nicht deswegen den Mund zukleben, weil sie vermeiden wollen, dass Luft aus dem Mund herauskommt, sondern eigentlich den Mund zukleben, weil sie das Schnarchen verhindern wollen. Und das ist nicht garantiert. Und es ist unangenehm, wenn Sie den Mund zukleben, obwohl Sie eigentlich durch den Mund atmen müssten.
Welche Risiken bestehen denn beim Trend Mouth Taping?
Maurer: Die Frage ist immer, ob man ausreichend Luft durch die Nase bekommt. Und wenn die Nase nachts während des Schlafens zugeht, dann ist es ziemlich schlecht, wenn der Mund auch noch zugeklebt ist. Deswegen machen wir ja dann den Mund auf, wenn die Nase verstopft ist – als Notlösung. Und wenn das quasi unmöglich ist, dann können Sie schon sehr unangenehme Aufwacherlebnisse haben – mit Atemnot.
SWR: Aber Sie wachen auf?
Maurer: Das ist dann die Rettungsreaktion, dass man aufwacht. Aber das ist natürlich immer die Frage, wann man aufwacht. Weil man ja nach Alkohol besonders viel schnarcht – wenn Sie das also nach Alkoholgenuss machen, dann wachen Sie besonders spät auf. Weil der Alkohol die Weckreaktion dämpft. Und dann kann es schon mal zu kräftigen Sauerstoffabfällen kommen, wenn Sie nicht rechtzeitig aufwachen.
Wie hoch sind denn die Risiken von Mouth Taping bei Menschen, die z.B. unter Schlafapnoe leiden – also Menschen, die nachts Atemaussetzer haben?
Maurer: Ja, da würde ich es auf keinen Fall einsetzen. Mit einer Ausnahme: Leute bekommen gut Luft durch die Nase, benutzen ein Beatmungsgerät und haben ein großes Mundleck – also die Luft geht durch die Nase mit dieser Maske rein in den Mund, in den Rachen, und durch den Mund wieder raus. Und aus irgendwelchen Gründen kommen sie mit einer Mund-Nasen-Maske nicht zurecht.
Da kann das im Einzelfall mal eine Lösung sein – aber das sind Dinge, die man dann im Einzelfall – unter Kenntnis der ganzen Atemwege und der ganzen Situation – mal entscheiden kann, aber es ist keine pauschale Empfehlung für jeden.
SWR: Was sagt die Schlafforschung zum Social-Media-Trend? Eine Meta-Studie aus Kanada hat sich mit Mouth Taping befasst. Zu welchem Ergebnis sind die Forschenden gekommen?
Maurer: Also, die haben in allem, was an Veröffentlichungen da ist – zu dem Thema seit 1999 – mal Überschlagworte in den relevanten Datenbanken rausgezogen. Das macht man immer so bei solchen Metaanalysen. Und haben dann am Ende nur zehn Artikel gefunden, die verwertbare Daten hatten.
Weil ganz viele Publikationen einfach – sagen wir mal – sich um was anderes drehen oder eigentlich nicht genau um dieses Thema. Und die waren aber alle von schlechter wissenschaftlicher Qualität, weil das natürlich auch so ein Thema ist, wo man dann erst mal Einzelberichte findet oder wenige Patienten.
Schlafforschung: Meta-Studie zeigt eingeschränkte positive Effekte von Mouth Taping
Es waren insgesamt nur rund 230 Patienten – also zehn Publikationen, insgesamt 230 Patienten. Und da kam dann ein sehr durchwachsenes Bild raus. Sauerstoffabfälle gingen mal zurück, mal nicht zurück. In einzelnen Studien ist das Mundleck zurückgegangen – aber nicht in allen. Dieses Schnarchen ist nur in drei von den zehn überhaupt beurteilt worden – und auch nur subjektiv. Und es ist in allen dreien etwas zurückgegangen.
Das kann aber auch sein, weil der Mund zu ist, dass es einfach leiser ist. Und Sie das nicht mehr so detektieren wie, wenn Sie die Hand vor den Mund halten – da wird’s auch leiser. Aber es ist nicht weg in dem Sinn. Und Atempausen wurden bei sechs Studien nur in der Hälfte besser – und teilweise gegenteilige Effekte.
Das ist eben das Problem: Dass es, dann auch in diesen Studien – weil es so erste Versuche waren oder Einzelpublikationen – oft relativ unkritisch eingesetzt wurde. Und was noch ganz wichtig ist: Bei mehr als der Hälfte dieser Veröffentlichungen wurden Leute ausgeschlossen, die nicht gut durch die Nase atmen können.
Mouth Taping ist damit also keine generelle Lösung, wie es auf Social Media heißt?
Maurer: Nein, das ist genau das, was ich sage. Und das ist das Problem bei diesen ganzen Internet-Influencer-Empfehlungen. Da hat irgendjemand eine eigene Erfahrung gemacht – das kann durchaus sein – und verallgemeinert es dann. Das erleben wir auch immer wieder, dass jemand sich ein Produkt ausdenkt, weil er selbst irgendwas für sich entwickelt oder gebastelt hat – und dann meint, es muss bei allen funktionieren.
Das hab ich vor 30 Jahren schon erlebt. Und das findet man heute natürlich mit viel größerer Reichweite über irgendwelche Internetempfehlungen. Und manchmal ist dann auch noch ein kleiner Geschäftsgedanke dabei – wenn Sie halt ein Pflaster für 10 € verkaufen können, was eigentlich nur 0,05 € kostet, kann man schon Geld verdienen damit.
SWR: Aber: Mund zu ist ja prinzipiell schon die richtige Idee, um nicht zu schnarchen?
Maurer: Genau. Mit geschlossenem Mund schnarcht man in aller Regel etwas weniger, weil sich die Mechanik und die Position der Muskeln ändert.
Gibt es denn Alternativen aus der Schlafforschung zum Mouth Taping?
Maurer: Viel besser als den Mund zuzukleben ist, sich zu trainieren, sodass man den Mund von allein zulässt. Bei Kindern machen das oft Logopädinnen und Logopäden, wenn die den Mund so gerne aufmachen – weil sie zum Beispiel zu wenig Muskelspannung haben in der Gesichts- und Mundmuskulatur.
Aber es gibt dafür – von spanischen Kollegen entwickelt – mittlerweile auch eine App, in der Sie so Übungen drin haben, mit denen Sie besser lernen, den Mund geschlossen zu halten, wenn Sie schlafen. Und das funktioniert nicht bei allen. Der Vorteil ist: Wenn es dann wirklich ernst wird und Sie den Mund aufmachen müssen, dann können Sie das – weil er eben nicht zugeklebt ist.
SWR: Sowas, das auch in diese Richtung geht – das sind ja Schienen vom Zahnarzt. Bringen die denn was? Und wie helfen die, wenn ja?
Maurer: Ja, das ist was ganz anderes. Das sind sehr gut untersuchte Dinge, die seit 30 Jahren – nein, eigentlich seit 40 Jahren – immer weiterentwickelt wurden. Und wo es viele sehr, sehr gute Publikationen gibt.
Deswegen haben die auch Eingang in unsere Leitlinien gefunden und sind eine – nach der Leitlinie –gleichwertige Therapie für Menschen, die bis zu 30 Atempausen pro Stunde haben. Also alle zwei Minuten nicht richtig atmen – im Vergleich zu dieser Therapie mit diesen Überdruckmasken.
Was kann ich gegen Schnarchen tun?
Maurer: Zum einen mal schauen, ob es gewisse Situationen gibt, die das auslösen – wie zum Beispiel das Liegen auf dem Rücken oder die verstopfte Nase oder der Alkoholgenuss. Also Situationen, die man vielleicht beeinflussen kann – wie zum Beispiel: nicht mehr auf dem Rücken liegen.
Oder, wenn die Nase ständig verstopft ist, mal nachschauen lassen bei einem Menschen, der oder die sich damit auskennt – wie in dem Fall Hals-Nasen-Ohren-Ärztinnen und -Ärzte. Und wenn es nur nach Alkoholgenuss ist, dann sollte man den Alkohol abends – wenn es ums Schnarchen geht – natürlich vermeiden.
Oder eine typische Sache wäre auch: Ich hab Gewicht zugenommen und plötzlich schnarche ich – und früher war gar nichts. Dann wäre das vielleicht der berühmte Tritt in den Hintern, der einen dazu bringt, das Gewicht wieder runterzukriegen.