SWR1 Sonntagmorgen am 06.09.2026

Organspende: Wenn die Hoffnung an der Warteliste scheitert

In Deutschland warten Hunderte Menschen vergeblich auf ein Spenderorgan. Der Bundestag will noch in diesem Jahr über die Widerspruchsregelung beraten.

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Von Autor/in Zoé Wolters

Andrea Riehle bekam 2021 die Diagnose Goodpasture-Syndrom, eine seltene, aggressive Autoimmunerkrankung, bei der die Nieren ihre Funktion einstellen. Die damals 61-Jährige war von einem Tag auf den anderen auf die Dialyse angewiesen. Dreimal die Woche, vier bis fünf Stunden am Dialysegerät. Die einzige Alternative: eine Organspende. Doch die Wartezeit in Deutschland auf eine neue Niere beträgt sechs bis neun Jahre. Das wollte ihr Mann Edgar Riehle so nicht hinnehmen. Er hätte ihr gerne eine Niere gespendet, aber seine Niere kam für sie medizinisch nicht infrage.

Edgar Riehle suchte nach Alternativen und fand eine Lösung: Paare wie Andrea Riehle und ihr Mann können mit einem anderen Paar in derselben Situation eine sogenannte Überkreuz-Nierentransplantation durchführen. Andrea und Edgar haben Glück und finden das passende Paar. Die Überkeuz-Nierentransplantation hat geklappt. Erst seit dem 1. Juni ist das in Deutschland offiziell möglich.

Überkreuz-Transplantation: bisher nur eine Ausnahme

In Deutschland ist die häufigste Art der Organspende die "postmortale" - nach dem Tod eines Menschen werden seine unversehrten Organe entnommen und einem anderen transplantiert. Im vergangenen Jahr wurden so rund 3.000 Organe gespendet. Auf der Warteliste für ein Organ stehen aber rund 8.000 Menschen und es kommen immer mehr dazu, so der Bundestagsabgeordneter Prof. Dr. Armin Grau. Der Grünen-Politiker ist seit 30 Jahren Facharzt für Neurologie. Jährlich sterben also mehrere Hundert Patienten, weil es nicht rechtzeitig ein passendes Spenderorgan gab, erklärt Prof. Dr. Martina Koch. Sie ist Präsidentin der Deutschen Transplantationsgesellschaft und führt selbst regelmäßig Transplantationsoperationen durch.

Wir sind eigentlich verpflichtet, unseren Patienten zu helfen, und das können wir leider nicht in jedem Fall.

Prof. Dr. Armin Grau musste ebenfalls regelmäßig Erfahrungen machen, die ihn dazu bewegt haben, als Teil einer fraktionsübergreifenden Gruppe von Abgeordneten einen Gesetzentwurf für die sogenannte Widerspruchslösung bei der Organspende in den Bundestag zu bringen.

Organspende-Entscheidung in der Trauer: Angehörige unter Druck

In Gesprächen mit den Angehörigen eines verstorbenen Menschen erlebte er als Mediziner häufig, wie überfordert diese so kurz nach dem Tod mit einer Entscheidung über die Organspende seien. Denn wenn der Mensch zu Lebzeiten nicht entschieden hat, ob seine Organe gespendet werden sollen oder nicht, sind es die Angehörigen, die diese Entscheidung fällen müssen.

Armin Grau hat Verständnis für diese belastende Situation: "Sie müssen verarbeiten, sie müssen verstehen, dass ihr Angehöriger jetzt verstorben ist, obwohl die Maschinen noch arbeiten, der Brustkorb sich hebt, das Herz noch schlägt. Und jetzt kommt auch noch ein Arzt, eine Ärztin auf sie zu und belastet sie mit den Fragen der Organspende." In dieser Situation würden viele Angehörige eine Organspende ablehnen.

Die Kirchen sind trotz des massiven Mangels an Spenderorganen gegen die Widerspruchsregelung. Dr. Michael Feil von der Deutschen Bischofskonferenz erklärt warum. Zuallererst habe die Bereitschaft zur Organspende als Akt der Nächstenliebe höchste Anerkennung verdient, stellt er fest. Sie solle aber eine höchstpersönliche Entscheidung bleiben.

Widerspruchslösung: Entscheidungszwang oder Hilfe?

Kritikerinnen und Kritiker sehen in der Widerspruchsregelung einen Entscheidungszwang oder den Zwang zu spenden. Armin Grau betont, dass es sowohl im Falle dieser Regelung als auch in der aktuellen Zustimmungslösung drei Optionen gibt: Man könne dafür oder dagegen stimmen oder schweigen. Nur führe das bei der Widerspruchslösung automatisch dazu, dass die Organe nach dem Tod gespendet werden.

Ein Schweigen könne nicht als "Ja" interpretiert werden, so kritische Stimmen. Armin Grau entgegnet dem, dass in Deutschland laut Umfragen 80-85 Prozent der Organspende positiv gegenüberstehen. Von den tatsächlichen Spenderzahlen weicht dies enorm ab. Ein großes Problem sieht Michael Feil darin, dass vor allem vulnerable Gruppen, unter der Widerspruchslösung leiden würden: Menschen, die bildungsferner sind, nicht onlineaffin, Personen mit Einschränkungen oder geringeren Deutschkenntnissen.

Mehr Organspenden durch Widerspruchslösung? So läuft es im Ausland

Michael Feil bezweifelt zudem, dass es durch die Widerspruchsregelung tatsächlich zu mehr Organspenden komme. Ein Blick in andere Länder zeige verschiedene Ergebnisse. Vor allem gäbe es auch Länder, die trotz - der auch bei uns in Deutschland bisher geltenden - Zustimmungslösung eine dreimal so hohe Organspendequote hätten, wie in Deutschland.

Auch Armin Grau und Martina Koch gehen nicht davon aus, dass es von heute auf morgen genug Spenden gäbe. Sie sehen die Widerspruchsregelung als nur einen, dafür aber wichtigen Baustein, um mehr Organspenden zu erreichen. Martina Koch betont, dass jeder, der "im Notfall transplantiert werden möchte, sich auch zu Lebzeiten Gedanken machen muss, ob man denn auch bereit wäre zu spenden, weil ohne das geht es eben nicht."

Porträtfoto von Christian Rönspies

Moderator SWR1 Sonntagmorgen Christian Rönspies

Moderator SWR1 Sonntagmorgen

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Autor/in
Zoé Wolters
Bild von SWR-Redakteurin Zoé Wolters
Redakteur/in
Utku Pazarkaya
Porträt Utku Pazarkaya