Eine Generation unter Druck 

Studie: Warum junge Erwachsene alles perfekt machen wollen

Der Drang zur Perfektion belastet junge Erwachsene massiv. Forschende haben in einer neuen Studie steigende Versagensängste belegt und fordern Gegenmaßnahmen. 

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Von Autor/in Anja Braun

Junge Erwachsene verspüren heute einen deutlich höheren Druck, perfekt zu sein, als noch vor einer Generation. Zu diesem Ergebnis kommen Psychologinnen und Psychologen der London School of Economics in einer umfassenden Metastudie, für die sie Daten von über 82.000 Studierenden aus dem anglo-amerikanischen Raum über einen Zeitraum von 35 Jahren bis 2024 untersucht haben. 

Eine Mischung aus innerem und äußerem Druck auf Studierende

Verantwortlich für diese Entwicklung sind demnach mehrere zusammenwirkende Faktoren. Zum einen stellen viele junge Erwachsene heute sehr hohe Ansprüche an sich selbst. Sie streben im Studium, im Beruf und im Privatleben danach, ein möglichst positives Bild abzugeben. Gleichzeitig wächst das Gefühl, dass das Umfeld - bestehend aus Eltern, Arbeitgebern und Gleichaltrigen - immer höhere Erwartungen an sie stellt. 

Diese Kombination aus innerem und äußerem Druck hat im Vergleich zu früheren Generationen deutlich zugenommen. Verstärkt wird diese Dynamik durch die gesellschaftliche Unsicherheit angesichts steigender Ungleichheit, instabiler Arbeitsmärkte und wirtschaftlicher Krisen. Das alles vermittelt jungen Menschen das Gefühl, dass nur noch durch Höchstleistung eine Chance auf Erfolg besteht. 

Nathalie Claus, Psychologieprofessorin und Perfektionismus-Forscherin an der Universität Bremen, hält es für einen wertvollen Ansatz, dass die neue Studie hierbei nicht nur die rein individuelle Ebene betrachtet: "Oft wird in bisheriger perfektionistischer Forschung sehr auf den individuellen Erziehungsstil der Eltern oder ähnliches geschaut. Das kann ein Faktor sein, der eine Rolle spielt, aber es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass da auch gesellschaftliche Werte mit reinspielen."  

Verärgerte Mutter gestikuliert schreiend zu ihrer Teenager-Tochter, die zu Hause auf der Couch sitzt. Perfektionismus bei jungen Erwachsenen und Studierenden ist nicht nur eine Frage der Erziehung: Neben dem Elternhaus beeinflussen vor allem gesellschaftliche Werte, wie stark junge Menschen unter dem Druck leiden, fehlerlos sein zu müssen.
Perfektionismus ist nicht nur eine Frage der Erziehung: Neben dem Elternhaus beeinflussen vor allem gesellschaftliche Werte, wie stark junge Menschen unter dem Druck leiden, fehlerlos sein zu müssen. IMAGO/Zoonar

Der "neue" Perfektionismus: Die Angst vor Fehlern 

Eng mit dem Studium verbunden sind beispielsweise sehr hohe Leistungsansprüche und ehrgeizige Ziele. Diese eigenen Leistungsansprüche sind über die letzten 35 Jahre zwar konstant, aber nur leicht gestiegen.  

Bei den sogenannten "perfektionistischen Sorgen" zeigt sich jedoch eine andere Entwicklung. Das sind beispielsweise die Angst vor Fehlern oder das Grübeln und Zweifeln, ob die eigene Leistung ausreicht. Etwa seit dem Jahr 2000 beschleunigt sich die Zunahme dieser Sorgen.  

Viele junge Menschen sind heute davon überzeugt, dass sie nur dann akzeptiert werden, wenn sie perfekt sind. In der Folge nehmen viele junge Menschen jede Klausur, jede Bewerbung und sogar jeden Post in den sozialen Medien wie eine Prüfung wahr, bei der ein Fehler als persönliches Versagen gewertet wird.  

Eine Frau sitzt frustriert an einem Tisch und schaut sorgenvoll auf einen Stapel Bücher. Viele junge Erwachsene glauben, nur dann akzeptiert zu werden, wenn sie perfekt sind, so die Studie.
Viele junge Erwachsene glauben, nur dann akzeptiert zu werden, wenn sie perfekt sind, so die Studie. Markus Hibbeler

Psychologin Claus betont, dass gerade dieses Verhalten besonders schädlich sein kann: „Das ist ja im Kern schon prädestiniert dafür, in einem Burnout zu münden, weil man immer viel zu viel Mühe in etwas reinsteckt, was es gar nicht bräuchte.“ 

Junge Menschen zweifeln als Folge häufig länger an Entscheidungen, schieben Aufgaben auf oder meiden Situationen, in denen man sich blamieren könnte, gänzlich. 

Gesundheitliche Folgen für junge Erwachsene

Das führt dazu, dass betroffene junge Menschen oft unter einer Art dauerhafter Anspannung stehen, kaum noch abschalten können und auch sich selbst nicht mehr genügen. Auf die Dauer macht das wiederum anfälliger für depressive Verstimmungen und Selbstzweifel. Die Studie aus Großbritannien beobachtet einen Zusammenhang von steigendem Perfektionsstreben und psychischen Problemen wie Depressionen und Angstzuständen. 

Problematisch ist hierbei, dass dieser Perfektionismus nach außen hin oft als hohe Motivation missverstanden und deshalb auch leicht übersehen wird. In Wirklichkeit verbirgt sich dahinter jedoch häufig ein tiefes Gefühl der Unsicherheit oder nicht selten auch eine psychische Krise, die ernst genommen und behandelt werden sollte. 

Psychologin Claus betont jedoch auch, dass es bisher nicht gelungen sei, tatsächlich nachzuweisen, dass Perfektionismus zu Depressionen oder Angstzuständen führe. Schließlich könnten dabei weitere Faktoren beteiligt sein. 

Ein Mann blickt Haare raufend und besorgt auf seinen Schreibtisch. Noch ist unklar, ob Perfektionismus bei jungen Erwachsenen und Studierenden tatsächlich Auslöser von Depressionen und Angststörungen unter jungen Erwachsenen ist - zu viele andere Einflussfaktoren könnten eine Rolle spielen.
Noch ist unklar, ob Perfektionismus tatsächlich Auslöser von Depressionen und Angststörungen unter jungen Erwachsenen ist - zu viele andere Einflussfaktoren könnten eine Rolle spielen. Phovoi R.

Forderungen an Politik und Bildungseinrichtungen 

Die gesamtgesellschaftliche Betrachtung hält die Bremer Perfektionismusforscherin dennoch für einen interessanten Ansatz, der bisher in der Forschung eher selten betrachtet werde. Dass möglicherweise die starke Leistungsorientierung unserer Gesellschaft dazu führe, dass junge Menschen ihren eigenen Wert stark an Leistung knüpfen, sollte mit bedacht werden.  

Das britische Forschungsteam betont: Es bedarf gesellschaftlicher Veränderungen. Schulen und Hochschulen müssten beispielsweise hinterfragen, wie viel Druck ihre Strukturen erzeugen. Ebenso sollte dort eine Kultur etabliert werden, in der Fehler erlaubt sind, konstruktives Feedback ausgesprochen wird und die Unterstützung junger Menschen im Vordergrund steht.  

Studierende Hochschule. Das britische Forschungsteam fordert: Schulen und Hochschulen sollen Leistungsdruck reduzieren und Lernumgebungen schaffen, in denen Fehler erlaubt sind und junge Menschen ermutigendes Feedback erhalten.hen darin Handlungsbedarf und mahnen Gegenmaßnahmen an.
Das britische Forschungsteam fordert: Schulen und Hochschulen sollen Leistungsdruck reduzieren und Lernumgebungen schaffen, in denen Fehler erlaubt sind und junge Menschen ermutigendes Feedback erhalten. Panama Pictures/Christoph Hardt

Von der Politik gefragt sind darüber hinaus verbesserte Rahmenbedingungen durch gerechtere Bildungschancen, die Abmilderung finanzieller Unsicherheit und den Ausbau psychischer Gesundheitsangebote. 

Die Ergebnisse der Metastudie machen deutlich: Perfektionismus und die daraus resultierende psychische Belastung sind keine rein privaten Probleme, sondern hängen eng mit den gegenwärtigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zusammen. 

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