Erythrit, Xylit, Sucralose

Zuckerersatzstoffe: Wie unbedenklich sind Süßstoffe wirklich?

Sie stecken in Lebensmitteln und sparen Kalorien: Süßstoffe und Zuckerersatzstoffe. Laut Studien können sie auch den Appetit erhöhen und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Teilen

Stand

Von Autor/in Simone Schaumberger

Altersfreigabe: ab 0 (verfügbar von 0 Uhr bis 24 Uhr)

Weg vom schädlichen Zucker wollen Viele – und greifen zu Zuckerersatzstoffen wie Süßstoff oder Zuckeralkoholen wie Erythrit oder Sucralose. Zuckerersatzstoffe sind in immer mehr Nahrungsmitteln und Getränken - wie etwa Light- oder Zero-Limonaden - zu finden und versprechen einen süßen Geschmack ohne Kalorien.

Die künstlichen Süßungsmittel scheinen eine gute Alternative zu sein zum gewohnten Zucker. Doch neue Studien zeigen: Sie könnten gefährlicher sein als bislang gedacht.

Sind Zuckerersatzstoffe gesünder als Zucker?

An der Berliner Charité beschäftigt sich der Ernährungsforscher Dr. Stefan Kabisch mit Zuckerersatzstoffen. Er kennt die Risiken – aber auch die gesundheitlichen Vorteile, die Zuckerersatzstoffe für manche Menschen haben können.

Im Gegensatz zum Zucker haben Zuckerersatzstoffe weniger Kalorien oder gar keine Kalorien. Das ist ein wesentlicher Mechanismus, warum man mit diesen Zuckerersatzstoffen unter anderem Gewicht verlieren kann und warum begleitend mit dieser Gewichtsreduktion typischerweise auch eine Verbesserung einiger Blutwerte zu beobachten ist. Beim Blutzucker, bei den Cholesterinwerten, teilweise auch bei den Leberwerten sieht man da Verbesserungen.

EU-zugelassene Süß- und Austauschstoffe

Momentan sind in der EU elf Süßstoffe und acht Zuckeraustauschstoffe zugelassen. Süßstoffe wie Aspartam, Sucralose oder Advantam haben eine sehr hohe Süßkraft. Sie sind hundertfach – teilweise auch tausendfach süßer als Zucker. Dabei enthalten sie kaum Kalorien.

Eine andere chemische Stoffgruppe sind Zuckeraustauschstoffe wie Xylit, Erythrit oder Maltit. Diese Zuckeralkohole ähneln Zucker in ihrer Süßkraft. Auch sie haben in der Regel nur wenige Kalorien. Sie werden wegen ihrer kristallinen Struktur häufig in festen Lebensmitteln eingesetzt.

Selbstversuch mit neuen Ansätzen Zuckerfasten mit Erfolg – so klappt es sogar langfristig ohne Zucker

Fasten mit einem totalen Zuckerverbot nutzt nur kurzzeitig. Wer aber stufenweise auf Süßigkeiten verzichtet und sich aufs Positive konzentriert, hat bessere Erfolge. So läuft das.

Wie der Körper auf Süßes reagiert

Der Körper erkennt Zucker oder Süßstoffe über die Rezeptoren auf der Zunge. Der Zucker wird dann im Darm aufgenommen, erhöht den Blutzuckerspiegel und aktiviert dadurch Insulin- und Sättigungshormone.

Süßstoffe dagegen reizen zwar die Süßrezeptoren, liefern dem Körper aber keine Nährstoffe. Deswegen bleibt auch der deutliche Anstieg von Insulin und Sättigungshormonen aus.

Das Gehirn mit Süßstoffen verwirren?

Am Uniklinikum Tübingen zeigt die Forschung von Professorin Stephanie Kullmann wie unser Gehirn damit klarkommt.

Seit vielen Jahrtausenden ist unser Gehirn gewohnt, wenn wir was Süßes zu uns nehmen, bedeutet es, wir nehmen Kalorien zu uns. Wenn wir jetzt Süßstoffe zu uns nehmen, ist es süß, aber eben ohne Kalorien und es kann unser Gehirn verwirren.

In dieser kamen 75 Probanden an drei Terminen zu einer Untersuchung. Bei jedem Besuch wurden sie gebeten ein anderes Getränk zu sich zu nehmen – Wasser, ein zuckerhaltiges Getränk und ein Getränk mit dem Süßstoff Sucralose. Die Forschenden haben vor und nach dem Trinken im MRT die Hirnaktivität gemessen. Zusätzlich wurde den Probanden Blut abgenommen und sie wurden nach ihrem Hungergefühl befragt.

Da konnten wir ganz klar sehen, dass wenn Süßstoffe konsumiert wurden, das Gehirn sehr aktiv wurde. Also Appetit regulierende Areale haben ihre Aktivität sehr gesteigert.

Das Hungergefühl der Probanden stieg somit mehr als beim Konsum von Zucker – insbesondere bei denjenigen, die stark übergewichtig waren. Das könnte erklären, warum Getränke mit Süßstoffen aufgrund des Kaloriendefizits zwar zu einer Gewichtsabnahme führen können, der Effekt aber meist klein ist.

Auch grundsätzlich könnte die Entwicklung von Übergewicht mit der Wirkung des Hormons Insulin im Gehirn zusammenhängen.

In unseren Studien konnten wir zeigen, dass auch unser Gehirn auf Insulin reagiert. Und wenn es das nicht mehr tut, dann tun wir uns unwahrscheinlich schwer abzunehmen und haben ein höheres Risiko, Diabetes zu entwickeln. Also vor allem, wenn man viel Kohlenhydrate, viel Zucker zu sich nimmt, kann das Gehirn insulinresistent werden.

Neue Studie: Gewöhnung an Süßes und das Hormon Insulin

Doch welche Rolle spielen dabei Süßstoffe? Das untersucht Professorin Stephanie Kullmann jetzt in einer neuen Studie.

Die Professorin möchte herausfinden, ob der Konsum von Süßstoffen einen Einfluss darauf hat, wie sensibel das menschliche Gehirn noch auf das Hormon Insulin reagiert.

In dieser neuen Studie trinken die Probanden nach einem Hirnscan ein Süßgetränk. Danach folgt ein weiterer Hirnscan. Außerdem erhalten sie Insulin per Nasenspray, um zu untersuchen, ob Süßstoffe die Insulinsensitivität beeinflussen. Erste Ergebnisse werden im kommenden Jahr erwartet.

Das Hauptrisiko, das ich sehe, ist, dass man sich an sehr süße Nahrungsmittel gewöhnt und dadurch eben auch das Verlangen nach Süßspeisen auf längere Zeit gesehen damit erhöht wird.

Zuckeralkohole: Risiken für Herzerkrankungen

Doch nicht nur für das Gehirn könnten Zuckerersatzstoffe schlecht sein. Ob die Zuckeralkohole Erythrit und Xylit einen Risikofaktor für Herzerkrankungen darstellen, untersucht Kardiologe Dr. Marco Witkowski am Deutschen Herzzentrum der Charité in Berlin.

Beide Stoffe kommen auch natürlich vor. Der Körper kann Zuckeralkohole sogar selbst bilden – wenn auch in kleinen Mengen. In Obst und Gemüse sind sie ebenfalls enthalten.

Problematisch können Zuckeralkohole in größeren, industriell hergestellten Mengen werden. Sie werden zum Kochen und Backen genutzt oder befinden sich in festen Lebensmitteln – zum Beispiel in Kaugummi.

Nach der Nahrungsaufnahme gelangen Erythrit und Xylit erstmal in den Darm. Im Dünndarm werden sie resorbiert, gelangen also ins Blut und zirkulieren da. Und im Endeffekt werden sie am Ende über die Niere ausgeschieden. Das Besondere ist, dass das Xylit relativ schnell ausgeschieden wird. Aber das Erythrit, konnten wir nachweisen, kann bis zu zehn Tage in erhöhten Konzentrationen im Blut vorliegen und erreicht in der Zeit eigentlich alle Organe.

Dr. Marco Witkowski hat mit amerikanischen Forschern tausende Blutproben von Herzpatienten genommen und die Patienten noch einige Jahre nachbeobachtet.

"Zunächst haben wir in großen Patientengruppen geschaut und herausgefunden, dass die Patienten mit erhöhten Konzentrationen von Xylit oder Erythrit im Blut ein gesteigertes Risiko haben, im Verlauf der Studie über mehrere Jahre einen Schlaganfall, Herzinfarkt oder Tod zu erleiden", so Witkowski.

Bei Beobachtungsstudien könne man allerdings nie genau sagen, ob das ein kausaler Zusammenhang sei. "Und darum haben wir im Anschluss noch Experimente durchgeführt und konnten zeigen, dass auch tatsächlich direkte Effekte auf die Blutplättchen zu verzeichnen sind, indem die in ihrer Reaktivität gesteigert sind und sich vermehrt zusammenlagern", erklärt der Kardiologe.

Das heißt: Zuckeralkohole könnten nach der Studie theoretisch die Bildung von Blutgerinnseln begünstigen. Entscheidend war dabei die Menge.

"Wir konnten also dosisabhängige Effekte zeigen. Je mehr Zuckerersatzstoff, desto mehr steigert es die Blutplättchenfunktion. Dennoch lässt sich nicht eine entscheidende Konzentration festlegen. Wir raten einfach zu einem moderaten Konsum und zum Verzicht auf größere Mengen", erklärt Dr. Marco Witkowski. Die genaue Wirkung ist noch nicht abschließend bewiesen.

Weitere Studie: Zuckeraustauschsstoffe und Stoffwechsel

Um die Effekte von Zuckeralkoholen und auch Süßstoffen auf das Herz-Kreislauf-System weiter zu untersuchen, führt der Kardiologe gemeinsam mit Dr. Stefan Kabisch derzeit eine neue Studie durch.

Hierbei werden die Effekte an Prädiabetes-Patienten – also Menschen, die an einer Vorstufe von Diabetes erkrankt sind – untersucht. Der Stoffwechsel der Probanden wird genau untersucht, unter anderem mit einem Zuckerbelastungstest. Blut- und Stuhlproben werden auch genommen.

Anschließend bekommen die Teilnehmer eine Limonade mit nach Hause, die sie zwei Wochen lang täglich trinken sollen. Sie enthält entweder einen Süßstoff, einen Zuckeralkohol oder kein Süßungsmittel. Danach folgen erneute Untersuchungen. Mit ersten Ergebnissen rechnen die Experten in ein bis zwei Jahren, da die Studie noch am Anfang steht.

Empfehlung von Experten zu Zuckerersatzstoffen

Momentan empfehlen Experten, Zuckerersatzstoffe nur in Maßen zu konsumieren, so lange noch viele Fragen in der Forschung offen sind. Außerdem sollte man sich öfter mal bewusst eine Pause vom Süßen gönnen.

Entzündungen im Darm und die Folgen Gesund durch Ernährung? Was jede und jeder tun kann

Studien zeigen: Die Ernährung hat viel größere Auswirkungen auf die Gesundheit, als wir häufig wahrhaben wollen. Eine zentrale Rolle dabei spielt der Darm.

Doc Fischer SWR

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Simone Schaumberger
Onlinefassung
Sofie Knorr