Ich freue mich so, dass ich noch am Leben bin!
Eine Landstraße im Rems-Murr-Kreis bei Stuttgart. Sanfte Hügel, Wiesen, Felder. Frühsommer-Gefühl auf dem Motorrad. Das Fahrzeug, das ihm in der Abendsonne entgegenkommt, sieht Felix nicht. Wie aus dem Nichts dann der Aufprall. Das Motorrad liegt am Boden, sein Körper – weg katapultiert – am Straßenrand.
Felix erlebt das alles bei vollem Bewusstsein. Er erzählt mir, dass er sich schon da von seinem linken Bein verabschiedet hatte, dass er es nicht mehr spüren konnte.
21 Operationen und eine weitreichende Entscheidung
Bei seinem schweren Motorradunfall im Frühjahr 2020 war Felix Fischer aus Remshalden 20 Jahre alt. Danach lag er monatelang im Krankenhaus, ertrug 21 Operationen, die doch nichts halfen. Und das alles flankiert durch Corona. Damals herrschte Ausnahmezustand, die Kliniken waren abgeriegelt. Felix muss vieles mit sich selbst ausmachen und bewältigen. Zum Beispiel die Frage der Amputation.
Schließlich willigte er ein; die Ärzte nahmen sein zertrümmertes Bein oberhalb des Kniegelenkes ab. Diese Entscheidung traf Felix sehr bewusst und durchdacht. Aber natürlich habe es da auch Tage der Verzweiflung gegeben, erzählt er mir.
Wäre ja auch ein bisschen komisch, wenn es die nicht gegeben hätte Wenn ich gemerkt hab', ich muss mich jetzt damit auseinandersetzen, muss mich mit der Trauer auseinander setzen, dann hab ich mich einfach in die Ecke gesetzt und geheult und dann hab ich damit abgeschlossen. Auch wenn sich das sehr selbstverliebt anhört: Ich glaube, jeder ist seines Glückes Schmied.
Amputation: der Körper versehrt, die Seele gestärkt
Andere brechen mit Anfang 20 unbeschwert ins Leben auf. Felix ist damit beschäftigt, wieder heil zu werden. Er lernt sehr schnell, mit der Prothese zu leben: Er fährt Auto, nimmt Treppen quasi im Laufschritt, fährt Fahrrad. Er gibt sein Bestes. Aber immer wieder kriechen Infektionen in seinen Oberschenkel.
Ich frage ihn: Wie lebt man weiter mit Bildern im Kopf von Blut, Schmerz und Verletzung? Und wie kann man eine Amputation verkraften? Die Antwort: Für Felix ist sein Schicksalsschlag "Verlust" und "Gewinn" zugleich.
Ohne den Unfall und die Folgen wäre ich nie so schnell persönlich gewachsen. Ich schätze heute das Leben, Menschen und Beziehungen mehr als vor dem Unfall.
Rückschläge können Felix nicht aus der Bahn werfen
Die Bilder des Unfalls und die vielen lähmend langen Krankenhaus-Aufenthalte gehören zum ganz persönlichen Lebensfilm von Felix. Sie sind nicht mehr so präsent wie im Jahr 2021, als wir uns kennenlernen. Sie dominieren nicht mehr, sagt Felix, als wir uns im Jahr 2026 zu einem erneuten Interview treffen. Aber, so ergänzt er, sie werden auch nie ganz weggehen.
In diesen fünf Jahren haben wir immer wieder voneinander gehört. Kurze Wasserstandsmeldungen, mal per Messenger, mal ein kurzes Treffen bei Pizza und Spaghetti. Nie erlebe ich Felix jammernd. Kein Hadern, keine Fragen nach dem "Warum" – zumindest nicht nach außen. Die Suche nach einer Ausbildungsstelle läuft nicht so einfach, wie es Felix eigentlich verdient hätte. Das sage ich, nicht er.
All die Rückschläge nimmt Felix gelassen und mit großer Akzeptanz. So geht Resilienz; diese Fähigkeit, Schweres im Leben zu bewältigen und dabei keinen dauerhaften Schaden zu nehmen.
Die Begegnung mit dem Tod verändert Felix nachhaltig
Felix sagt, dass er sich durch den Unfall und seine Folgen noch einmal stark weiter entwickelt habe. Er sei selbstbewusster und gelassener geworden. Vielleicht auch ernsthafter. Er nimmt sich gerne Zeit bei Entscheidungen. Das "Wofür" ist wichtig geworden und noch wichtiger: der bewusste Umgang mit Menschen.
Dass das Leben von einer Sekunde zur anderen vorbei sein kann – diese Erfahrung prägt ihn nachhaltig. Er erinnert sich daran, dass er einen Tag vor seinem Unfall noch bei seiner Mutter war. Wäre er damals gestorben, wäre das ihre letzte Begegnung, ihr letztes Gespräch gewesen. Was hätte das bedeutet? Diese Frage ändert Felix' Art, wie er heute Gespräche führt und beendet.
Was wäre der letzte Moment gewesen? Was geb' ich dem mit? Wie beende ich ein Gespräch? Also versuche ich [jetzt], Gespräche immer so zu gestalten, dass sie gut enden.
Diese persönliche Entwicklung und die Beharrlichkeit von Felix zahlen sich aus. Beruflich ist er ebenfalls angekommen: als Zweiradmechatroniker mit Fachrichtung Fahrradtechnik. Gute Noten und eine Übernahme im Ausbildungsbetrieb: Wieder ein Kapitel geschafft!
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