Die Ärzte haben immer gesagt: In zwei bis drei Jahren sehen Sie gar nichts mehr. Und da steht die Welt Kopf, da kriegt man Panik. Man weiß halt gar nicht, was so kommt.
Gleich mehrere schwere Augenkrankheiten stellen die Ärzte bei Heike fest. Die Kombination ist verhängnisvoll: Heike erlebt, wie sich ihr Gesichtsfeld immer stärker verengt. Als würde jemand den Vorhang langsam zuziehen.
Die Welt draußen dringt mit ihren Bildern nicht mehr durch - aber was Heike rettet, sind die eigenen Bilder in ihrem Kopf. "Mind-Movies" nennt sie sie - so wie die Bilder einer Reise durch Mexiko, als ein Meer aus tausenden, zarten Schmetterlingen um sie herum flog. Wichtig sind für Heike vor allem die Menschen in ihrem Umfeld, auf die sie sich blind verlassen kann.
Ich fühl' mich wirklich beschenkt, Menschen im Leben zu haben, wo ich sag': Du, es geht mir gerade einfach nicht gut, ich häng' grad' voll in meiner Frustrationsschleife – hilf mir!
Blind und selbstbestimmt: Heike fordert Barrierefreiheit ein
Natürlich war die Diagnose "sie werden blind" ein Schock, natürlich gab es Frustmomente, natürlich wusste Heike nicht, wohin ihr Weg sie führt. Sie beschreibt das wie ein Puzzle, das noch nicht fertig ist. Ein paar Teile liegen schon auf dem Tisch, man hat aber noch keine Idee, was sie für ein Bild ergeben werden. Aber man weiß: Die Puzzleteile gehören da hin. Heike will klare Haltung zeigen, auch sich selbst gegenüber.
Fokussiere ich mich nur noch auf das, was ich nicht mehr sehe, was ich nicht mehr kann? Dann reduziert man sich ja selbst! Oder fokussiere ich mich darauf, was ich kann? Was kann ich anders, was kann ich neu, was geht, was geht anders, was geht nicht?
Irgendwann kommt dann auch der sogenannte Langstock: der weiße Stab, mit dem Blinde und Sehbehinderte sich den Weg ertasten. Es fühlte sich an wie ein Spießrutenlauf, erzählt Heike, als sie sich immer wieder Blessuren an Laternenpfosten und Pollern einfängt. Aber der Stock wird zum akzeptierten Hilfsmittel, wie ein Wäschetrockner mit Sprachausgabe oder ein umgerüsteter Computer.
Sehbehinderung bedeutet nicht Hilflosigkeit
Wie geht sie um mit gut gemeinten Hilfsangebote von Fremden? Die sind "so 'ne Sache", sagt Heike. Weil: Sie führt das selbstbestimmte Leben einer berufstätigen Frau – egal wie stark oder schwach ihre Augen sind.
Menschen sind nicht behindert, sie werden in unserem Alltag behindert. Es ist ziemlich viel Luft nach oben, wenn es um Barrierefreiheit geht. Ich find es ja total lieb, dass die Menschen hilfsbereit sind. Aber anfassen, ohne vorweg zu fragen, find' ich einfach übergriffig. Es hilft auch immer, zu fragen: 'Oh, ich merke gerade, Sie suchen was. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?'
Blind sein heißt nicht, auf Farbe zu verzichten
Heike ist eine Frau, die so richtig schön laut lachen kann, die ihre Freiheit und ihre Freunde liebt – und die alles sein möchte, nur nicht "die arme blinde Frau von nebenan". Diesen Eindruck macht sie auch nicht, als sie bei sich zu Hause am Gartentor steht. Barfuß, offenes langes Haar, Bluse, Jeans, Halskette und Perlen-Armbänder – alles in blau, türkis, grün. Die Farben sind perfekt kombiniert.
Farbe macht etwas mit Menschen, sagt Heike. Mit ihrer Ausstrahlung und ihrer Stimmung. Die 47-Jährige ist glücklich darüber, dass sie bei guten Lichtverhältnissen immer noch einzelne Farben erkennen kann. Und in Sachen Kleidung und Schmuck hat sie ihren ganz eigenen Weg gefunden, wie sie Farbe im Alltag leben kann.
Ich habe meinen Kleiderschrank komplett nach Farben sortiert. Auch meine Armbänder. Ich hab' die alle auf kleinen Kissen und dann weiß ich: O.K., das dritte Kissen in der linken Reihe, das sind die Rot-Töne und das rechte vordere Kissen sind die Grau-Schwarz-Töne.
Warum darf Heike nicht weiterhin als Logopädin arbeiten?
Heike erzählt von ihrem Weg nach der Diagnose. Streichelt Zembo, ihren Blindenführhund. Ausgebildet in der Blinden-Führhundschule Allschwihl in der Schweiz – "die beste Adresse", sagt Heike lächelnd. Mit Zembo unternimmt sie lange Spaziergänge in den Stuttgarter Weinbergen.
Dann erinnert sie sich an den nächsten Schlag, den sie überwinden musste. Die Rentenversicherung legt ihr eine Umschulung nahe. Dass Heike als ausgebildete Logopädin weiter arbeitet, scheint nicht in Frage zu kommen. Sie soll, darf, "muss" – so drückt sie das aus – zur Kauffrau für Büromanagement umschulen. Im Sekretariat einer Firma ist sie "kreuz-unglücklich", chronisch unterfordert und zugleich extrem unzufrieden mit ihrem Output.
Nach einem dreiviertel Jahr geht sie zu ihrem Chef und sagt ehrlich, was sie empfindet. Sie stößt bei ihm auf offene Ohren. Er nutzt ihre Kompetenz als Stimmtherapeutin in seiner Personalentwicklung. Heike erobert sich so ein neues Berufsfeld und arbeitet schon seit etlichen Jahren im Unternehmen als Stimm- und Persönlichkeitscoach. Typisch Heike: immer lösungsorientiert.
Glaube, Malerei, Natur und Musik geben Heike Stärke
Heike kann für sich aus ganz vielen Kraftquellen schöpfen: Glaube, Natur, Düfte – und ihre geliebten Farben. Sie hat wieder begonnen, zu malen. Mit ein paar Tricks geht das sogar, wenn die Augen nicht so richtig mitmachen wollen. Heike mischt Sandkörner in die Farbe und erspürt so mit den Fingern, welchen Farbton sie gerade auf die Leinwand bringt. Auch mit dem Klavierspielen hat sie wieder angefangen.
Musik, egal ob selbst gemacht oder nur gehört, ist extrem wichtig für Heike. Das verbindet sie außerdem mit ihrem erst vor kurzem verstorbenen Vater. Er war es, der ihr von klein auf gezeigt hat, wie Musik ein Leben prägen kann. "Musik trägt, tröstet, ermutigt und verbindet", sagt Heike.
Ich kann nur empfehlen: Schau' nach Deinen Kraftquellen, was Dich trägt, was Dir ein Lächeln ins Gesicht zaubert, was Dich stärkt. Bei mir ist das mein Glaube, die Musik, Düfte, Farben, tolle Menschen um mich herum. Und: Wichtig ist, auch mal loszulassen!