Wichtige Hilfsmittel erleichtern den Alltag
Jutta Pagel-Steidl hat für ihren Besuch im SWR-1-Studio eine sprechende Waage mitgebracht. Ein elektronisches Hilfsmittel, das das Kochen für Sehbehinderte leichter macht. Zum Test legt Pagel-Steidl ihr Smartphone auf die Waage und nach einer kurzen Begrüßung nennt eine freundliche Stimme aus der sprechenden Waage das genaue Gewicht des Smartphones. Die langjährige leitende Mitarbeiterin des baden-württembergischen Landesverbands für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung lächelt, als sie ihre kleine Waage vorführt. Denn genau solche kleinen Hilfsmittel sind wichtig, damit Sehbehinderte ihren Alltag genauso leicht bewältigen können wie wir Menschen ohne Behinderung. "Ich selbst bin ja auch betroffen, leide unter einer Augenerkrankung, die nicht operabel ist". Mit neu entwickelten Medikamenten aber könne sie ihre Sehkraft weitestgehend erhalten und hat so gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin täglich die nötige Motivation, im Verband und in anderen öffentlichen Ämtern für mehr Teilhabe und Gleichstellung in der Gesellschaft zu kämpfen.
Am Stuttgarter Hauptbahnhof wurde ein Bereich super-modern neu gestaltet, mit schwarzer Schrift auf dunkelrotem Untergrund, berichtet Pagel-Steidl auf die Frage nach einem praktischen Beispiel aus dem Alltag. Dieser neu gestaltete Bahnhofsbereich sei auch für normal Sehende schon schwer zu entziffern, weil eben ein relativ dunkler Farbton schlecht zu erkennen sei an dieser Stelle. Für die erfahrene Funktionärin der Sehbehinderten im Südwesten Deutschlands ein gutes Beispiel dafür, dass es trotz moderner Bauverschriften und vieler guter Willensbekundungen immer noch nicht klappt mit der echten Teilhabe von Menschen mit Sehbehinderung im täglichen Umgang miteinander.
Sehbehinderte freuen sich über gute Hilfe
Im Gespräch mit SWR 1 Sonntagmorgen dankt Jutta Pagel-Steidl für alles, was durch Technik und gutes menschliches Miteinander schon erreicht wurde. Doch zu einem echten gleichberechtigten Leben für Sehbehinderte in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sei es noch ein weiter Weg. Wichtig sei es, immer wieder miteinander ins Gespräch zu kommen, ohne Tabus oder falsche Höflichkeit zu fragen, ob und wenn ja wo ein sehbehinderter Mensch im Alltag Unterstützung braucht. Der diesjährige Aktionstag für Menschen mit Sehbehinderung habe ja zurecht das Thema "Wohnen und Kochen" besonders intensiv in den Blick genommen. Beim Landesverband kann daher kostenlos eine Broschüre angefordert werden, in der gute Alltagstipps in einfacher Sprache beschrieben werden.
Projekt bei "Bei Anruf Kultur"
"Bei Anruf Kultur" bietet telefonische Kulturführungen aus bundesweit über 140 Museen, Gedenkstätten, Galerien und weiteren Kulturstätten an. Es ist ein Angebot des Blinden - und Sehbehindertenvereins Hamburg. Das Angebot richtet sich an Menschen, die diese kulturellen Angebote visuell nicht live erleben können. Dabei geht es zum Beispiel um Menschen, die blind oder sehbehindert sind, sagt Annika Harder, Pressesprecherin von "Bei Anruf Kultur“ im Gespräch mit SWR1 Sonntagmorgen. Das Angebot ist auch für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind oder sich einen Museumsbesuch bzw. Kulturort nicht leisten können.
Breites kulturelles Spektrum
"Wir haben im Angebot normale Kunst, wir haben Skulpturen dabei, Gedenkstätten, Denkmäler, wir machen auch Stadtrundgänge", erklärt Annika Harder. Außerdem sind noch weitere Bereiche, wie die Archäologie, Fotographie, Wissenschaft und Natur im Angebot enthalten. "Ein großes Spektrum, was von unserer Telefonführung abgedeckt wird", sagt Harder.
Unter den Angeboten für eine Telefonführung sind große Museen dabei, wie zum Beispiel das Pergamonmuseum in Berlin, wenn es auch zurzeit geschlossen ist. Da kann man hinter die Kulissen lauschen, sagt Harder. Das Staatsschauspiel Dresden, und die Alte Pinakothek in München gehören auch zur Telefonführung. Passend zur Fußball-WM kann man auch ein Fußballmuseum erkunden.
Wer macht die Führungen?
Zum einen gibt es "eine moderierende Person aus dem Team, die die Interessierten am Telefon begrüßt und zum anderen eine Kulturvermittlerin oder ein Kulturvermittler aus dem Museum oder Kulturort, der oder die dort arbeitet und mit den Zuhörenden verbunden ist", erklärt Harder. Sie seien in Sachen Telefonführung geschult und wüssten genau, worauf es ankommt. Außerdem sind die Führungen "live" und nicht aufgezeichnet, betont Harder.
Bis Herbst 2026 wird "Bei Anruf Kultur" durch die Aktion Mensch, die Behörde für Kultur und Medien Hamburg und die DFB-Kulturstiftung gefördert.