Was wäre, wenn man mit einer Wette auf einen Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran Geld verdienen könnte? Oder mit der Annahme, dass dieses Jahr noch ein Meteorit einschlagen wird? Auf solche Ereignisse lässt sich online wetten. Das geht in sogenannten Prognosemärkten, auf Englisch: "Prediction Markets". Plattformen wie "Polymarket" oder "Kalshi" boomen in den USA.
Besonders im Konflikt um den Iran sind aktuell hohe Summen im Spiel. Zu der Frage, ob das iranische Regime bis Ende des Monats fallen wird, laufen derzeit Wetten im Millionenbereich. Auch in Deutschland interessieren sich immer mehr Menschen für die Zukunftswetten - obwohl sie hierzulande illegal sind.
Prognosemärkte als Barometer der öffentlichen Meinung?
In Prognosemärkten können Nutzende ihr Geld auf Zukunftsereignisse setzen. Ein Beispiel: Person X wettet, dass Friedrich Merz vor 2027 kein Kanzler mehr sein wird. Die Person kann Anteile des Ereignisses kaufen. Tritt das Ereignis ein, erhält sie Geld - ähnlich wie bei Sportwetten. Neu ist, wie vielfältig das Angebot von Wettereignissen ist.
Dass mittlerweile auf Ereignisse wie Krieg und Wahlen gewettet werden kann, liefert auch eine Art Barometer der öffentlichen Meinung. "Das ist spannend, weil man aufgrund der vielen unterschiedlichen Akteure oder Teilnehmer auf den Marktplätzen sowas wie die ‘Weisheit der Massen’ zu vielen jetzt gerade passierenden Themen beobachten kann”, erklärt Jan Marco Leimeister. Er ist Institutsdirektor für Wirtschaftsinformatik an der Universität St. Gallen und Direktor am Wissenschaftlichen Zentrum für Informationstechnik-Gestaltung der Universität Kassel.
Wenn viele Menschen auf den Eintritt eines Ereignisses wetten, ist das ein Hinweis dafür, wie die Gesellschaft die Wahrscheinlichkeit dieses Ereignisses einschätzt.
Vorhersagen für Finanzmärkte und Wahlen
In manchen Bereichen wird das Wettverhalten schon heute systematisch ausgewertet. Finanzanalysten orientieren sich bereits an den Prognosen, so Wirtschaftsinformatiker Leimeister. “Wenn viele Einschätzungen in einer großen Anzahl von Fällen im Durchschnitt betrachtet werden, dann kann dies besser als viele Experteneinschätzungen sein.” Auch für die Vorabeinschätzung von Wahlergebnissen seien Prediction Markets ein relevantes Beurteilungsmittel. Im Fall der zweiten Wahl des US-Präsidenten Donald Trump war die Prognose auf “Polymarket” am Ende sogar präziser als Umfragen.
Wie repräsentativ sind die Prognosemärkte?
Dennoch sollten Prognosemärkte nicht als "Glaskugel“ für jegliches Zukunftsereignis verstanden werden, warnt Martin Spann. Er ist Institutsdirektor für E-Commerce und Digitale Märkte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Vielmehr müssen Nutzerinnen und Nutzer die Aussagekraft der Wetten selbst gewichten.
So kann auch die Interaktion von Nutzenden das Stimmungsbild verzerren. Wird beispielsweise kommentiert, warum Geld auf ein bestimmtes Ereignis gesetzt wird, kann das andere Nutzende dazu verleiten, ebenfalls auf das Ereignis zu wetten. Auch können hohe Geldsummen die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Ereignis lenken, auf das dann möglicherweise vermehrt gewettet wird.
Experten befürchten sogar, dass dieses Wettverhalten in Zukunft Einfluss auf die Realität nehmen könnte. So könnte zum Beispiel ein Oppositioneller hohe Summen auf den Sturz eines Regimes wetten. Diese Wette könnte Aufsehen in der Gesellschaft erregen, und als Insidertipp für einen möglichen Sturz gewertet werden. Ein noch fiktives Szenario, das Sorgen macht: “Das kann dann Züge einer selbsterfüllenden Prophezeiung haben”, so der Wirtschaftsinformatiker Leimeister.
Insider verschaffen sich Vorteile
Mit hohen Summen wird auch dann gewettet, wenn Insider bereits Hinweise über den Ausgang eines Ereignisses haben – zum Beispiel, „wenn ich darauf wetten würde, dass irgendjemand bei Ihnen 100.000 Euro vor die Tür legt, und ich würde das selbst tun“, beschreibt Leimeister. In diesem Fall ist von Insiderhandel die Rede. Eine Person weiß mehr als andere und kann sich dadurch einen Vorteil verschaffen.
Potenzial für die Wissenschaft
Der Wirtschaftsinformatiker Leimeister sieht in Prognosemärkten trotz der Risiken Potenzial: auch für die Wissenschaft. So könne man Prediction Markets in Zukunft für die Verteilung von Forschungsbudgets nutzen. Sie bieten eine Möglichkeit, um einzuschätzen, wie relevant Untersuchungsansätze sind oder welche Prioritäten in der Forschung gesetzt werden sollten.
Prognosemärkte könnten laut Leimeister künftig aber auch zur finanziellen Absicherung dienen. Jemand, der in einem Hurricane-Gebiet wohnt, könne zum Beispiel bei “Polymarket” auf den Eintritt eines Hurricanes wetten. Die Wette dient als eine Art Versicherung, wenn eine normale Versicherung zu teuer wäre. Kommt es tatsächlich zu einem Hurricane, erhält der Nutzende Geld. Damit können dann wiederum Schäden beglichen werden. Gibt es keinen Hurricane, ist das Geld verspielt.
Wetten auf Krieg - ethisch und rechtlich vertretbar?
In den USA gibt es bisher keine Regulationen in der Nutzung von Prognosemärkten. Aktuell läuft dort allerdings ein Gesetzgebungsverfahren, um Insiderhandel einzudämmen.
In Deutschland zählt das Wetten auf Prognosemärkten als Glücksspiel und ist reguliert. “Polymarket” und “Kalshi” stehen nicht auf der White-List der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder und sind damit illegal. Dennoch können sich Nutzende in Deutschland einloggen und auf Ereignisse Geld setzen. Inwiefern es vertretbar ist, auf tödliche oder Katastrophenereignisse zu wetten, muss jeder Nutzende selbst entscheiden. Aus rechtlicher Sicht machen sich User dabei aber strafbar - auch bei Wetten auf politische Fragen oder wissenschaftliche Themen.
Wirtschaftsinformatiker Leimeister und E-Commerce-Experte Spann sind sich einig: Prediction Markets seien eine zusätzliche Informationsquelle, die genutzt werden kann, aber nicht muss. Offen bleibt, ob diese Märkte künftig gesellschaftspolitischen Einfluss nehmen werden oder ein Nischeninstrument für Investierende bleiben.