Peter Maffay und seine Frau Hendrikje Balsmeyer sind Lesebotschafter der Stiftung Lesen und Autoren der Kinderbuchreihe "Anouk". Im Interview erzählen sie, warum das Vorlesen so wichtig ist und was ihre Tochter am liebsten vorgelesen bekommt.
Hendrikje Balsmeyer und Peter Maffay setzen sich fürs Lesen ein
SWR1: Ihr seid beide Eltern einer Tochter im Grundschulalter. Hendrikje, wie empfindest Du das Vorlesen zu Hause und was ist Deine berufliche Erfahrung bei Kindern, wo es in den Familien noch Nachholbedarf gibt?
Hendrikje Balsmeyer: Ich glaube, dass vorlesen sehr, sehr wichtig ist. Es ist ein schönes Abendritual für den Erwachsenen, aber auch für das Kind, um einen hektischen Tag zu beenden. Natürlich kann ich nur an alle appellieren vorzulesen, denn ich glaube, dass das Vorlesen sozusagen die Rampe dafür ist, selber zu lesen und Inhalte und Kreativität aufzunehmen.
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Die Bedeutung von Vorlesen für Kinder
SWR1: Peter, hättest Du gerne als Kind jemanden gehabt zum Vorlesen, der eine Stimme hat wie, sagen wir, Peter Maffay?
Peter Maffay: (lacht) Also ein Zeugnis darüber würde ich mir jetzt ungern ausstellen wollen. Ich glaube, da gäbe es noch sehr viel interessantere Stimmen. Ich muss aber zugeben, dass ich mich nicht wirklich daran erinnern kann, dass wir diese Kultur des Vorlesens zu Hause regelmäßig gemacht haben. Ich hatte ein paar wenige deutschsprachige Märchenbücher, aus denen man gelegentlich vorgelesen hat, meistens war das meine Mutter.
Das Vorlesen ist eine wunderschöne Situation zwischen Eltern, zwischen Freunden, zwischen Kindern und Eltern.
Und ich pflichte Hendrikje voll bei. Im Grunde genommen ist das Vorlesen eine wunderschöne Situation zwischen Eltern, zwischen Freunden, zwischen Kindern und Eltern. Eine intime Situation, die irgendwann im Verlauf des Tages – meistens am Abend – den Tag schön abrundet und hinüberleitet in die Nacht.
Wie Peter Maffay seiner Tochter Anouk vorliest
SWR1: Zum Beispiel mit Dir und Deiner Tochter Anouk. Habt Ihr da eine Art Ritual?
Maffay: Das Ritual ist ganz einfach: Anouk kommt zu mir und sagt, du hast mir versprochen, mir heute eine Geschichte vorzulesen. Dann ist meine Antwort meistens, hast du eine kurze oder eine lange ausgesucht?
Wenn Anouk sich entschieden hat für eine Geschichte, dann gehen wir in ihr Zimmer. Unter ihrem Hochbett gibt es eine kleine Couch, auf der sitzen wir dann und Anouk macht bestimmte Lampen an, damit ich auch mit Brille einigermaßen zurechtkomme beim Vorlesen und dann lesen wir Geschichten vor. Ich mache das gerne, weil ich genau diese Situation auch sehr mag. Und ich weiß, wenn die Geschichte dann zu Ende ist, gibt sie Ruhe und geht ins Bett.
Die Kinderbuchreihe "Anouk"
SWR1: Eure Tochter war auch Ideengeberin für Geschichten, die Ihr unter dem Titel "Anouk" schreibt und veröffentlicht. Was sind das für Geschichten?
Balsmeyer: Das sind Gute-Nacht-Geschichten. Sehr lange, muss ich an dieser Stelle sagen, Peter liest sie aktuell nicht so gerne vor, weil so eine Geschichte schon mal 20 bis 25 Minuten Lesezeit in Anspruch nimmt. [...] Anouk möchte immer aus diesem Buch vorgelesen bekommen, weil sie einfach auch weiß, dass die Länge entsprechend ist.
In den "Anouk"-Büchern geht es um Anouk, ein Mädchen, was am Anfang ungern ins Bett wollte. Eines Tages ändert sich die Situation, weil sie in der Nacht Abenteuer erlebt mit ihrem Kuschelfreund Affi und sie taucht in fremde Welten ein.
Das sind also wirklich Abenteuerwelten, beispielsweise der Dschungel, die Piraten oder im Zirkus. Dort trifft sie auf andere Protagonisten, meist sind das auch Kinder, die vermeintliche Schwächen haben und die irgendein Problem haben. Am Ende kehrt sich diese vermeintliche Schwäche in eine Stärke und das Problem, welches es am Anfang gibt, wird immer gelöst.
Anouk bekommt dann von ihrem neuen Freund oder von ihrer neuen Freundin einen Gegenstand aus dieser Abenteuerwelt und wacht mit diesem Gegenstand morgens auf. Sie möchte ihren Eltern davon erzählen, doch die Eltern nehmen ihr das nicht so richtig ab, sind sehr hektisch, sind gleich wieder in der Küche, verschwinden aus dem Zimmer. Anouk sieht den Gegenstand in ihrer Hand und weiß dann, dass das Abenteuer wirklich stattgefunden hat in der Nacht.
Peter Maffay: Vorlesen schafft Vertrauen
SWR1: Ihr seid Lesebotschafter der Stiftung Lesen und wir helfen mit, Lesepaten zu suchen. Warum sind Lesende vorlesende Menschen auch dann wichtig, wenn es "fremde" Menschen sind beim Vorlesen?
Maffay: Weil es – aus meiner Sicht zumindest – um diese Situation geht. Diese Situation, die einen zusammenbringt. Der Vorlesende hat ein Gegenüber, das zuhört. Da entsteht eine bestimmte Beziehung, die, wenn man das einige Male gemacht hat, einfach Vertrauen auch schafft.
Eine schöne, beruhigende Stimme ist für ein Kind ein Signal dafür, dass man harmonisch Zeit miteinander verbringt.
Und dann behaupte ich einmal ganz frech, ist es im Grunde genommen nicht ganz so wichtig, welche Geschichten man erzählt. Sondern es geht eigentlich hauptsächlich aus meiner Sicht darum, dass man das tut und zusammenkommt und diese Atmosphäre genießt, die sich da im Verlauf des Vorlesens ergibt.
Eine schöne, beruhigende Stimme, in welcher Lage auch immer, ist für ein Kind ein Signal dafür, dass man harmonisch Zeit miteinander verbringt. Und das ist, glaube ich, ganz wichtig, im hektischen Leben eines Tages einen solchen Ruhepol zu finden.