Für die Geflügel- und Eierproduzenten galten sie lange als wertlos: die männlichen Geschwister der Legehennen. Sie können keine Eier legen – und auch nicht schnell genug Fleisch ansetzen, um rentabel zu sein. Die Lösung hieß also lange Zeit, dass die Tiere direkt nach dem Schlüpfen getötet wurden. Nachdem das Anfang 2022 verboten wurde, mussten schnell Alternativen her.
Für die Produzenten eine Herausforderung: Für die Aufzucht der Hähne gab es nicht ausreichend Kapazitäten – und Systeme für die In-Ovo-Geschlechtsbestimmung waren noch nicht vollends ausgereift. Worauf haben die Legebetriebe also gesetzt – und was hat sich seitdem für Henne und Hahn verbessert?
Bruderhahn-Aufzucht verliert an Bedeutung
Das Bruderhahn-Konzept sieht vor, die männlichen Tiere mit aufzuziehen, zu mästen und später zu schlachten, um ihr Fleisch zu verwerten. Landwirt und Geflügelhalter Peter Schubert macht das schon viele Jahre lang. Auf seinem Bio-Geflügelhof wachsen die Bruderhähne 14 bis 16 Wochen heran.
Der große Nachteil: Die Tiere sind keine Masthähne, ihre Rasse ist nicht darauf ausgelegt, schnell zuzulegen. Daher brauchen sie auch sehr viel mehr Futter und kosten damit auch wesentlich mehr Geld.
Der Bio-Landwirt sorgt sich, dass er deshalb bald nicht mehr wettbewerbsfähig sein kann. Schuberts Sorge kommt nicht von ungefähr. Bioverbände wie Bioland, Demeter und Naturland haben sich zwar verpflichtet, alle Bruderhähne aufzuziehen. Doch in der Branche insgesamt ist ein klarer Trend erkennbar: Das Bruderhahn-Konzept wird immer weniger umgesetzt. Im Jahr 2022 wurden noch rund 55 Prozent der männlichen Küken mitaufgezogen. 2025 lag der Anteil nur noch bei etwa 15 Prozent. Konventionelle Betriebe machen es heute kaum noch.
Und so wird die Entwicklung auch weitergehen, vermutet KAT e.V.. Der Verein für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen prüft die gesamte Lieferkette – und garantiert, dass wirklich keine Küken getötet wurden. Das Siegel des Vereins auf einer Eierpackung zeigt dies an.
In-Ovo-Technologie als neue Standardlösung?
Die Alternative zur Bruderhahn-Aufzucht ist das In-Ovo-Verfahren. Die Geschlechtsbestimmung findet hier schon im Ei statt, also „in ovo“. Dafür nutzen viele Brütereien ein neues System, das mithilfe von künstlicher Intelligenz und Lichtspektren die männlichen Eier aussortiert.
Katharina Hesseler hat mit „Omegga“ so ein System an den Markt gebracht. Sie erläutert, dass die Künstliche Intelligenz anhand der Lichtbilder erkennen kann, was typisch männlich oder typisch weiblich ist im Ei. Wird ein männliches Ei mit blauem Licht markiert, wird es aus dem Brutprozess genommen.
Doch: Komplett fehlerfrei arbeitet die Technik noch nicht. Die rund zehn Prozent männliche Küken, die trotzdem schlüpfen, müssen als Bruderhähne aufgezogen werden. So kommen neben der teuren Technologie weitere Kosten auf die Landwirte zu.
Hohe Kosten durch Kükentöten-Verbot setzen Brütereien unter Druck
Burkard Brinkschulte, Leiter der Brüterei Gut Averfeld in Nordrhein-Westfalen, testete die Bruderhahnaufzucht und Vermarktung des Fleischs. Für ihn wegen der hohen Kosten und geringen Nachfrage ein Minusgeschäft. Mit dem In-Ovo-Verfahren hofft er, kostengünstiger arbeiten zu können. Denn seit dem Kükentöten-Verbot steht laut Brinkschulte fest: Legehennen sind nun erheblich teurer.
Ein Problem für die Branche, das sich auch an den Zahlen ablesen lässt: Vor dem Kükentöten-Verbot gab es rund 30 Brütereien in Deutschland, jetzt nur noch acht. Die anderen haben das Geschäft aufgegeben oder es ins Ausland verlagert. Vor allem kleinere Betriebe mussten aufgeben.
Längere Legezeiten durch Zwangsmauser
Die Alternativen, um die männlichen Küken nicht direkt zu töten, kosten – ob Bruderhahnaufzucht oder In-Ovo-Selektion. Für viele in der Branche bedeutet das, dass die Legeleistung der Hennen maximiert werden muss, auch, um nicht teure Legehennen zukaufen zu müssen.
Das geschieht, indem die Legezeit der vorhandenen Hennen verlängert wird – durch die sogenannte Zwangsmauser. Weitere vier bis sechs Monate können die Hennen dann Eier legen – und zwischen zehn und 20 Prozent mehr Eier legen, sagt Christiane Keppler. Sie ist Beraterin für Tierwohl in der Geflügelwirtschaft und unter anderem tätig im Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen.
Die Mauser gebe den Hennen die Möglichkeit, sich zu regenerieren, so Keppler. Im Grunde könne dies auch ein Vorteil für die Hennen sein – aber nicht, wenn die Herde in einem schlechten Zustand sei. Um den Prozess einzuleiten, werden Licht und Nahrungszufuhr eine Zeit lang stark reduziert. Ein komplexer Eingriff, der nicht risikofrei ist. Das Tierwohl stehe und falle damit, wie gut die Tiere beobachtet und der Prozess gemanagt würden.
In Deutschland ist die Zwangsmauser nicht konkret geregelt, es gelten jedoch Mindestanforderungen etwa für Futter, Wasser und Licht. Mit steigenden Haltungsstandards wird sie im Biobereich am schonendsten umgesetzt.
Tierschützer kritisieren neue Belastung für Legehennen
Für Tierschützer wie Knud Bartels ist auch die schonendere Mauser auf Biohöfen Tierquälerei. Die Leidensdauer der Legehennen werde so erheblich erhöht, damit die Hähne drei Monate leben könnten.
Bartels rettet immer wieder Legehennen aus konventioneller Haltung, er ist Mitglied des Vereins „Rettet das Huhn“. In den letzten vier Jahren haben er und seine Frau besonders schwache Hennen gerettet, so ihr Eindruck. Für Bartels gibt es einen klaren Zusammenhang mit der Zwangsmauser – und dem Kükentöten-Verbot.
Tierwohl bleibt eine Preisfrage
Für Verbraucher bleibt der Eierkauf schwierig. Das Leid der Tiere hat sich teilweise von den Hähnen auf die Hennen verlagert. Das größtmögliche Tierwohl gewährleisten Bio-Verbände wie Demeter und Bioland - aber eben zu einem höheren Preis.