Abhängigkeit von Herstellern

Smarte Obsoleszenz – wie lange sind digitale Produkte nutzbar?

Smarte, vernetzte Geräte machen das Leben oft komfortabler. Nutzer sind jedoch auch abhängig vom digitalen Service der Hersteller. Ohne Support wird das Produkt oft unbrauchbar.

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Stand

Die vernetzte Lichtsteuerung, Lautsprechersysteme, Saugroboter, ein E-Bike, das nur mit einer Smartphone-App funktioniert - die Zukunft ist smart. Allerdings heißt smart oder vernetzt auch: Damit ein Gerät funktioniert, sind Verbraucherinnen und Verbraucher auf die digitalen Leistungen der Hersteller angewiesen.

Wird die digitale Unterstützung vom Hersteller eingestellt, sind die komfortablen Geräte plötzlich kaum noch oder gar nicht mehr nutzbar - auch wenn sie technisch noch in Ordnung sind. Der Berg an Elektroschrott wächst, denn die tatsächliche Recyclingquote ist verschwindend gering.

Fallbeispiel Saugroboter von Neato

Saugen kann der fünf Jahre alte Neato-Saugroboter von Alexander Schöcke gerade noch – meistens jedenfalls. Wenn die LED-Lampe blinkt, die die Fehler anzeigt, weiß Schöcke mittlerweile allerdings nicht mehr, um welches Problem es sich handelt.

Der Besitzer erklärt das Problem: „Vielleicht ist der Staubbehälter voll, vielleicht ist die Bürste verklemmt. Früher hätte ich in die App geguckt und der hätte mir das genau gesagt. Jetzt muss ich raten und ausprobieren.“

Keine Steuerung ohne funktionierende App

Denn die Neato-App wurde abgeschaltet. Von offizieller Stelle hat Schöcke das aber erst am Tag der Abschaltung erfahren.

Mit der App konnte der Saugroboter zuvor gesteuert werden. Man konnte einstellen, wo er saugen soll und wo nicht. „Das geht jetzt nicht mehr, er fährt einfach überall hin.“

Auch das Starten des Geräts von unter der Couch funktioniert nun nicht mehr. An- und Ausschalten von Hand - das ist das Einzige, was noch geht. All die anderen praktischen Funktionen in der App zu steuern , bzw über die Cloud - dasfunktioniert jetzt nicht mehr.

Neato Robotics aufgekauft von Vorwerk

Das amerikanische Unternehmen Neato Robotics wurde vom deutschen Hersteller Vorwerk aufgekauft. 2023 versprach Vorwerk noch, den Cloud-Service weitere fünf Jahre aufrechtzuerhalten - also bis 2028.

Im Oktober 2025 schaltete Vorwerk die Neato-Cloud plötzlich ab. Also rund drei Jahre früher als versprochen. Damit sind tausende Neato-Geräte komfort- und quasi wertlos.

Smartphones, Lautsprecher Computerzubehör: smarte Obsoleszenz

Kein Einzelfall, gerade bei sogenannten smarten, also vernetzten, Geräten. Immer wieder stellen Hersteller Software, Support oder Sicherheits-Updates für ältere Geräte ein. Für viele Smartphones gibt es schon nach kurzer Zeit keine Updates mehr.

  • Bose wird im Mai 2026 den Cloud-Support für Lautsprecher und Soundbars der Linie SoundTouch einstellen. Einige Funktionen wird es nicht mehr geben - vor allem Software- und Sicherheits-Updates.
  • Der Computerzubehör-Hersteller Belkin schaltete nach sieben Jahren ad hoc die Cloud für eine Überwachungskamera ab.
  • Google stellte den Support für Nest-Learning-Thermostate der ersten und zweiten Generation ein. Die Geräte verloren alle vernetzten Funktionen.

„Enteignung“ von den eigenen Geräten

Zur sogenannten smarten Obsoleszenz hat Professorin Melanie Jaeger-Erben im Auftrag des Umweltbundesamtes geforscht.  Sie doziert am Lehrstuhl für Technik- und Umweltsoziologie an der BTU Cottbus-Senftenberg.

Die Expertin erklärt: „Hersteller können zum Teil digitale Geräte einfach abschalten. Das heißt, sie gehören eigentlich gar nicht wirklich uns, sondern von überall her gibt es noch Zugriff drauf. Also je smarter wir werden, desto unsmarter werden wir eigentlich oder desto enteigneter werden wir eigentlich von den Dingen, die wir haben.“

Initiative gegen smarte Obsoleszenz: Online-Petition

Auch Alexander Schöcke will sich nicht enteignen lassen von der vollen Funktionalität seines 400 Euro teuren Saugroboters und das gebrochene Versprechen von Vorwerk nicht einfach hinnehmen. Er hat eine Petition im Internet gestartet und hofft, Vorwerk wird daraufhin den Service für Neato-Geräte weiterbetreiben oder eine andere Möglichkeit schaffen, damit Besitzer das Produkt weiter betreiben können.

Der enttäuschte Verbraucher will damit ein Zeichen setzen und betont: „Ich finde, das geht so nicht, dass eine Firma einfach die Funktionen von einem gekauften Produkt abschalten kann.“ Bei günstigen Geräten müsse man damit vielleicht rechnen. „Aber bei Vorwerk finde ich das schon, das passt nicht zu deren Image.“

Über 5.000 Unterschriften hat Alexander Schöcke gesammelt. Die will er Vorwerk persönlich übergeben. Ob das was ändern wird?

Obsoleszenz bei Windows 10

Windows 10 stellt derzeit wohl das bekannteste Beispiel digitaler Obsoleszenz dar. Allein in Deutschland verlieren im Herbst 2026 etwa 30 Millionen Rechner Support und Sicherheits-Updates.

Chaka Seals aus Nürnberg ärgert das. Seinen Rechner hat er vor fünf Jahren gekauft. Ihn auf Windows 11 upzugraden, hat er schon versucht - ohne Erfolg. Muss er seinen Computer jetzt verschrotten?

Er sagt: „Ich habe ein einwandfrei funktionierendes Gerät. Jetzt müsste ich mir nur wegen des Betriebssystems ein neues Gerät kaufen. Das funktioniert ja noch alles.“

Neue Perspektiven für Windows 10-Nutzer: ein USB-Stick

Für ihn und alle anderen Betroffenen könnte es eine Lösung geben. Sie wurde entwickelt von Back Market - der weltweit größten Verkaufsplattform für professionell wiederaufbereitete Technik - in Kooperation mit Google.

Der CEO von Back Market Thibaud Hug de Larauze sagt – übersetzt aus dem Englischen: „Ich denke, wir sind an einem Punkt angelangt, an dem das nicht mehr akzeptabel ist. Das geht einfach nicht. Deshalb haben wir in unserem Innovationslabor hier in Bordeaux nach einer Lösung gesucht.“

Das Ergebnis: ein USB-Stick, der insgesamt weniger als vier Euro kostet. Der CEO sagt: „Für mich ist das die beste Lösung, damit die Leute ihre Geräte weiterhin nutzen können - ohne gezwungen zu sein, ein neues zu kaufen.“

Selbstversuch mit USB-Stick für Windows 10

Chaka Seals testet den USB-Stick von Back Market: Er will ausprobieren, ob er damit das Leben seines Windows 10-Rechners zumindest um ein paar Jahre verlängern kann.

Nur fünf Minuten soll es dauern, bis sich das cloudbasierte Betriebssystem Chrome OS Flex installiert hat. Doch erstmal ist Warten angesagt.

Chaka Seals versucht es mehrfach - bis er schließlich Erfolg hat. Sein Fazit: „Der Ansatz ist gut, allerdings ist es noch optimierbar.“ Also fast ein Happy End.

Expertin fordert EU-weite Lösung

Solche Beispiele wird es in Zukunft häufiger geben, nicht nur mit Computern. Davon ist Professorin Melanie Jaeger-Erben überzeugt.

Sie sagt: „Das wird zunehmen in den nächsten Jahren. Wir haben immer mehr solche Geräte. Die Modellrechnungen sagen, das können Hunderttausende oder auch Millionen Haushalte sein, die davon betroffen sind.“

Die Expertin empfiehlt deshalb: „Das muss EU-weit geregelt werden, dass man zehn Jahre Nutzungsgarantie hat.“

Petition für Neato-Geräte und die Reaktion von Vorwerk

Die Petition mit über 5.000 Unterschriften hat Alexander Schöcke an Vorwerk übergeben. Zwar wurde der Verbraucher angehört – aber ein Versprechen hat der deutsche Hersteller nicht abgegeben.

Die ARD-Verbraucher-Redaktion fragt bei Vorwerk nach. Dort sieht man keine Option für einen Erhalt der Cloud.

Ein Weiterbetrieb der auf einer älteren technischen Architektur basierenden Situation (…) wäre zudem mit Risiken verbunden, die Vorwerk seinen Kundinnen und Kunden nicht zumuten möchte.

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SWR