Er ist der Neue in der Landesregierung, mit dem wohl niemand gerechnet hat. Denn wenig hat dafür gesprochen, dass gerade Andreas Jung Kultusminister in Stuttgart werden könnte. Seit 2005 war Jung für den Wahlkreis Konstanz im Bundestag und dort nicht etwa mit Bildungsthemen befasst. Vielmehr gilt Jung als angesehener Experte in Klima- und Umweltthemen. Manche sagen sogar: Jung ist einer der wenigen in der CDU, die Klimaschutz richtig ernst nehmen. Sein Wechsel in die Landespolitik: Eine echte Überraschung.
Jung musste mit sich ringen, nach Stuttgart zu wechseln
Jetzt ist der 51-jährige Jurist Dienstherr von rund 145.000 Lehrkräften im Land und vom Kindergarten bis zum Abitur für alle Bildungsthemen verantwortlich. Geplant hatte Jung diesen Wechsel nach eigener Aussage nicht. Es sei CDU-Landeschef Manuel Hagel gewesen, der ihn gebeten habe: "Ich habe von meiner Seite da keinerlei Initiativen unternommen. Ich war nicht auf dem Absprung in Berlin. Und ich hab sehr mit mir gerungen", sagt Jung dem SWR. Entscheidend sei für ihn gewesen, dass er sich im Kultusministerium weiterhin um die Zukunft von Kindern und Jugendlichen kümmern kann. Um ihre Zukunft sei es ihm schließlich auch in der Klimapolitik gegangen. Der Antrieb könnte auch privater Natur sein: Jung ist zweifacher Vater, seine Kinder gehen beide noch zur Grundschule.
Müll AG und politische Vorbilder
Angefangen hat die politische Karriere von Andreas Jung dort, wo er jetzt wieder hingeht: in der Schule. Jung wuchs in Stockach nahe des Bodensees auf, wo ihn seine damaligen Lehrer für den Umweltschutz begeistert haben - in einer Müll AG. "Das war damals das große Thema: Wie schaffen wir es, Müll zu vermeiden, Abfälle zu verwerten?" Diese erste Berührung mit Umweltfragen habe ihn nicht mehr losgelassen.
Heute sieht sich Jung in der Tradition des früheren CDU-Bundestagsabgeordneten Hans-Peter Repnik, ebenfalls aus Südbaden. Repnik war Staatssekretär im Bundesentwicklungsministerium und 1992 gemeinsam mit Umweltminister Klaus Töpfer bei der für Umweltfragen wegweisenden UN-Weltkonferenz in Rio.
Ökologisches Gewissen der CDU
In der Bundes-CDU hinterlässt Jung beim Thema "Klima" nun eine Lücke. Denn der Südbadener gilt als ökologisches Gewissen der Union. Immer wieder stellte er sich auch gegen seine Partei-Freunde. Beispielsweise warnte Jung seine Partei 2020 davor, die Klimaziele verschieben zu wollen. Beim Klimapaket dürfe es keine Abstriche geben, so der Politiker.
2022 zeigte Jung sich angesichts einer drohenden Energiekrise durch den Krieg in der Ukraine offen für ein zeitweiliges Tempolimit auf Autobahnen. 2024 widersprach er dem Unions-Politiker Jens Spahn, dass man in Deutschland wieder auf Kernenergie setzen könne.
Kultusminister Jung: Autoland? Ja, aber davor Kinderland!
Wo genau Jung als Kultusminister jetzt Akzente setzen will, wird sich erst noch zeigen. Zuerst muss sich Jung in sein neues Amt einfinden, daher könne er noch keine Detailfragen beantworten. Dennoch wagt Jung bereits einen vorsichtigen Widerspruch zu Ministerpräsident Özdemir, der nach wie vor das Thema Wirtschaft als das wichtigste betrachtet: "Cem Özdemir hat in seiner Regierungserklärung gesagt, wir wollen und müssen Autoland bleiben. Ja, aber davor müssen wir Kinderland sein", so Jung gegenüber dem SWR.
Was er daraus ableitet? Eine klare Priorisierung der Bildung, wenn es demnächst ums Geldverteilen innerhalb der Regierung geht: "Bildung ist ein Herzensanliegen dieser Koalition. Und das muss natürlich Folgen haben, was die Finanzierung angeht", so Jung weiter.
Großes Projekt: kostenloses letztes Kita-Jahr
Ein Bildungsprojekt, bei dem sich Grüne und CDU im Wahlkampf einig waren, ist das verpflichtende und dafür kostenlose letzte Kita-Jahr. Das will die neue Regierung auf jeden Fall einführen. So will die Landesregierung alle Kinder möglichst gut auf den Schulstart vorbereiten. Dafür muss sie aber erstmal die rechtlichen Rahmenbedingungen ändern, denn die Schulpflicht müsste vorgezogen werden.
Zahlen des Kultusministeriums zeigen, dass im Schuljahr 2024/25 rund 93 Prozent der fünf- bis sechsjährigen Kinder eine Kindertageseinrichtung besucht haben. Die Kosten, die das Land für ein beitragsfreies letztes Kita-Jahr aufbringen muss, werden auf bis zu 250 Millionen Euro pro Jahr beziffert.