Die Sonne fällt durch die großen Fenster, während die zehnte Klasse der Silcherschule in Eislingen (Kreis Göppingen) über ihren Heften arbeitet. Sie ist eine der letzten, die hier noch die mittlere Reife machen kann. Ab 2030 kann auf Werkrealschulen in BW kein Werkrealschulabschluss mehr gemacht werden. "Dies führt zu Unzufriedenheit und Ernüchterung bei allen, die sich in allen Bereichen enorm engagieren und dann merken, dass ihr Engagement [...] 'für die Tonne' war", sagt Schulleiter Andreas Eiglmaier. Im Alltag sorge das Hin und Her in der Bildungspolitik für eine ständige unterschwellige Unsicherheit, die man nicht einfach ausblenden könne. Weil ihn das beschäftigt, hat er sich vor der Landtagswahl beim SWR gemeldet.
Diese Unsicherheit ist im Kollegium natürlich spürbar und sorgt für großen Unmut.
Müssen Kollegen an andere Schulen wechseln? Müssen Schüler für den Realschulabschluss künftig länger pendeln? Oder schafft die nächste Landesregierung die Werkrealschulen komplett ab? Diese Unsicherheiten betreffen laut Andreas Eiglmaier nicht nur abstrakte Stellen und Zahlen, sondern Menschen mit Biografien und einem starken Bezug zur Schule. "Diese Unsicherheit ist im Kollegium natürlich spürbar und sorgt für großen Unmut!"
Kultusministerium: "Werkrealschule bleibt bestehen"
"Die Schulart Werkrealschule/Hauptschule bleibt bestehen und die Standorte behalten ihre Bedeutung im regionalen Netzwerk der Schulen", bekräftigt das Kultusministerium auf SWR-Anfrage. Unsicherheiten seien nachvollziehbar, würden aber durch Übergangsregelungen und Beratung begleitet. Lehrkräfte könnten sich für andere Schularten qualifizieren und damit langfristige berufliche Sicherheit gewinnen, so das Ministerium.
Doch wer kann wirklich sagen, was die nächste Landesregierung entscheidet? Von der Politik wünscht sich Eiglmaier in Zukunft klare Konzepte und eine Abkehr von ständig wechselnden Reformen in der Bildungspolitik.
Werkrealschule: Das schwierige Beratungsgespräch mit den Eltern
Laut dem Kultusministerium gibt es in BW 224 öffentliche und 38 private Werkrealschulen. Die Anmeldezahlen gehen stetig zurück. "Ich kann den Eltern gar nicht sagen, was ist, bis das Kind die Schulart beendet hat", sagt Eiglmaier. Doch genau diese Planbarkeit sei für Eltern entscheidend. Immer mehr Eltern entscheiden sich für die Realschule, sagt der 38-Jährige, da dort ebenfalls der Hauptschulabschluss gemacht werden kann. "Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass die Schüler an anderen Schulen genauso gut zurechtkommen, genauso gut gefördert werden wie bei uns an der Schule", betont er.
Es wäre wichtig, dass ich weiß: Das läuft langfristig so und bleibt so, egal, wer an die Regierung kommt.
Ein positives Beispiel für Veränderungen in der Bildungspolitik sieht der Schulleiter in den Reformen zur Sprachförderung in der Grundschule. Programme wie "SprachFit" seien ein wichtiger Schritt, um Schüler auf die Anforderungen der Schule vorzubereiten. Kinder mit Sprachdefiziten bekommen dabei verpflichtende Deutsch-Stunden. Allerdings betont Eiglmaier auch hier die Bedeutung von Verlässlichkeit: "Es wäre wichtig, dass ich weiß: Das läuft langfristig so und bleibt so, egal wer an die Regierung kommt."
Bildungspolitik: Schüler fordert grundlegende Reformen
Einen anderen Blick auf das Schulsystem hat der Schüler Kamran Ahmad Dogar. "Wir können uns glücklich schätzen, dass wir ein funktionierendes Schulsystem haben, das für alle zugänglich ist", sagt der 17-jährige Karlsruher, der sich im Landesschülerbeirat engagiert. Er sieht auch gravierende Schwächen und hat sich ebenfalls auf den Aufruf des SWR vor der Landtagswahl hin gemeldet. Besonders die soziale Ungerechtigkeit im Bildungssystem sei ein Problem: "Bildungschancen hängen oft vom Geldbeutel der Eltern ab", sagt er. Das müsse sich ändern. "Wenn man in Mathe nicht so gut ist und niemanden hat, der einem hilft, hängt alles vom Unterricht ab - und der ist oft nicht genug."
Lehrkräfte seien durch Zusatzaufgaben überlastet, was die Unterrichtsqualität beeinträchtigt. Die individuelle Förderung bleibe dabei oft auf der Strecke.
Es gibt zu wenige Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter, die Jugendlichen helfen können.
Und dabei wäre laut Kamran Ahmad Dogar genau das besonders wichtig. Denn der Leistungsdruck der Schülerinnen und Schüler werde durch soziale Medien und hohe Erwartungen verstärkt - und die mentale Gesundheit von Jugendlichen schlechter. Auch die ungewisse Zukunft spiele dabei eine Rolle: "Künstliche Intelligenz und die Frage, welche Berufe in Zukunft wegfallen könnten, verunsichern viele", sagt er. "Es gibt zu wenige Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter, die Jugendlichen helfen können."
Schüler: "Wollen kein Flickwerk, sondern langfristige Lösungen"
Für Kamran Ahmad Dogar ist klar, dass das Bildungssystem in Baden-Württemberg grundlegend überarbeitet werden muss. "Wir wollen kein Flickwerk, sondern langfristige Lösungen", betont er. Der Landesschülerbeirat fordert deshalb die Einrichtung einer Enquete-Kommission, die die Probleme systematisch angeht. Themen wie Chancengleichheit, mentale Gesundheit und Demokratiebildung müssten dabei oberste Priorität haben.