Am 8. März 2026 wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag gewählt - und da ist einiges neu. Aufgrund des geänderten Wahlrechts in Baden-Württemberg hat jeder Wahlberechtigte künftig zwei Stimmen statt bisher nur einer: die Erststimme im Wahlkreis und die Zweitstimme für die Partei. Das heißt, zum ersten Mal ist bei einer Landtagswahl in Baden-Württemberg auch Stimmensplitting möglich - so wie bei der Bundestagswahl. Beim taktischen Wählen gibt es also mehr Optionen als bisher.
Wie man das Stimmensplitting bei einer Wahl einsetzen kann, welche unterschiedlichen Wahl-Taktiken es gibt und was sie für die Landtagswahl bedeuten könnten - erklären wir hier.
Wie schaffen es Parteien überhaupt in den Landtag?
Worum geht es beim taktischen Wählen?
Wer könnte bei der Landtagswahl davon profitieren, wer verlieren?
Wie setzt man Stimmensplitting ein?
Warum wird taktisches Wählen immer komplizierter?
Wie schaffen es Parteien überhaupt in den Landtag?
Es gibt zwei Möglichkeiten für eine Partei, Sitze im Landtag zu bekommen:
- über die Stimmen für einen Direktkandidaten im Wahlkreis: Aus jedem Wahlkreis schafft es nur ein Kandidat in den Landtag und zwar der, der die meisten Erstimmen gewinnt. Das gelingt vor allem den Wahlkreiskandidaten größerer Parteien.
- über die Stimmen für die Partei selbst: Bekommt die Partei mindestens fünf Prozent der gültigen Zweitstimmen, schafft sie es über die Fünf-Prozent-Hürde in den Landtag einzuziehen. Bekommt sie weniger Stimmen, scheitert sie.
Worum geht es beim taktischen Wählen?
Es gibt Wählerinnen und Wähler, die mit Absicht nicht die Partei wählen, die sie eigentlich favorisieren. "Menschen geben einer anderen Partei ihre Stimme, weil sie damit ein Ziel verfolgen", sagt der Kommunikations- und Politikwissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim.
Ein Ziel könnte eine bestimmte Regierungskoalition sein, die man sich nach der Wahl wünscht. Oder man stärkt eine bestimmte Partei, damit sie über die Fünf-Prozent-Hürde kommt und in das Parlament einzieht. Oder man gebe genau dieser Partei die Stimme doch nicht, damit diese nicht "verschenkt" sei, sollte es mit dem Einzug nicht klappen, so Brettschneider.
Man kann eine Partei aber auch nur deshalb wählen, um zu verhindern, dass eine andere Partei stärkste Kraft wird wie bei der Wahl in Brandenburg 2024. Damals hätten Anhänger von anderen Parteien der SPD ihre Stimme gegeben, damit die AfD nicht stärkste Kraft werde, sagt der Politikwissenschaftler.
Zwei Stimmen statt einer Neues Wahlrecht bei der Landtagswahl BW 2026: Was sich ändert
Bei der Landtagswahl im März greift ein neues Wahlrecht. Das Ziel: Mehr Frauen ins Parlament bringen, mehr junge Leute an die Wahlurne. So soll es klappen.
Wer könnte bei der Landtagswahl vom taktischen Wählen profitieren, wer verlieren?
Auch bei früheren Landtagswahlen in Baden-Württemberg war es schon möglich, die eine Stimme, die jeder Wahlberechtigte hatte, "gezielt" einzusetzen. Beim rein taktischen Wählen mit zwei Stimmen spielt laut dem Politikwissenschaftler Frank Brettschneider "eigentlich nur die Zweitstimme eine Rolle". Über sie haben nicht nur große, sondern auch kleinere Parteien Chancen, Sitze im Landtag zu holen.
Wie man bei der Landtagswahl mit dieser Stimme taktisch wählen könnte, zeigt Brettschneider in einigen Szenarien. Diese basieren auf den Zahlen des BW-Trends vom 26. Februar 2026. Die Ausgangsfrage ist laut Brettschneider: "Wer führt die neue Landesregierung an: die Grünen oder die Schwarzen.“
Anhänger kleinerer Parteien könnten zum Beispiel ihre Zweitstimme einer großen Partei geben, um diese zu stärken und von der sie sich wünschen, dass sie die künftige Landesregierung anführt.
Anhänger großer Parteien könnten wiederum ihre Zweitstimme kleineren Parteien geben, um diese zu stärken, damit diese sicher in den Landtag einziehen.
Wie setzt man Stimmensplitting ein?
Neben dem rein taktischen Wählen mit der Zweitstimme gibt es laut Brettschneider auch noch eine Variante, bei der man beide Stimmen taktisch einsetzen kann - und zwar beim Stimmensplitting. Es ist durch das neue Zwei-Stimmen-System jetzt auch bei der Landtagswahl möglich. Man kann die Erststimme für einen Wahlkreiskandidaten und die Zweitstimme für eine Partei splitten, also unterschiedlich vergeben. Mit der Erststimme kann man den Wahlkreiskandidaten der Partei x wählen, mit der Zweitstimme die Partei y.
Bei früheren Bundestagswahlen teilten zum Beispiel Anhänger von CDU und FDP ihre Stimmen unter den beiden Parteien auf und auch Anhänger von SPD und Grünen splitteten ihre Stimmen. Die großen Parteien hatten bessere Chancen, über die Erststimmen Wahlkreise zu gewinnen. Die kleineren Parteien wurden über die Zweitstimme gestärkt, damit sie es in das Parlament schafften.
Als Beispiel für ein taktisches Stimmensplitting nennt Brettschneider das Wahlverhalten eines Anhängers einer kleineren Partei. "Wenn dieser mit der Zweitstimme seine Partei y wählt, der favorisierte y-Kandidat im Wahlkreis aber schlechte Gewinn-Chancen hat, gibt er seine Erststimme dem Bewerber der Partei x, der ihm ähnlich nahesteht und der bessere Chancen hat", argumentiert Brettschneider.
Taktisches Stimmensplitting gilt - umgekehrt - auch für Anhänger großer Parteien. Sie können wiederum mit der Erststimme den "eigenen" Wahlkreiskandidaten wählen, mit der Zweitstimme eine andere Partei, damit diese etwa über die Fünf-Prozent-Hürde kommt.
Es gibt allerdings auch nicht-taktisches Stimmensplitting und zwar dann, wenn man aus Überzeugung wählt. Hier geht es um die Bewertung von Personen und Parteien: "Man wählt mit der Erststimme den Kandidaten einer Partei, einfach weil man ihn überzeugend findet und mit der Zweitstimme ebenfalls aus Überzeugung eine andere Partei."
Warum wird taktisches Wählen immer komplizierter?
Das taktische Wählen hat es bereits in den 70er Jahren gegeben. Damals war die FDP die einzige Option sowohl für Union als auch SPD, eine eigene Regierungsmehrheit zu bekommen. Damit die SPD weiter mit den Liberalen regieren konnte, gab es beispielsweise bei der Wahl 1972 eine Leihstimmenkampagne zugunsten der FDP. Das heißt, es gab SPD-Anhänger, die ihre Zweitstimme der FDP gaben. Bei der Bundestagswahl 1983 "liehen" dann Unionswähler der FDP ihre Stimme, damit die es über die Fünf-Prozent-Hürde schaffte.
Der Unterschied zu heute: "In den 80er und 90ern war relativ klar, welche Lager es gibt: Union und FDP oder dann SPD und Grüne. Heute sind die Lager nicht mehr so eindeutig", sagt der Politikexperte. Inzwischen sind auch Linke und AfD im Bundestag vertreten. Die Lage sei komplizierter.
Betrachtet man die Zahlen der unterschiedlichen Taktiken von Wählerinnen und Wählern, dann liegen die "Splitting-Wähler" vor den "Reinen-Taktik-Wählern". Umfragen direkt nach Wahlen hätten gezeigt, dass etwa 20 bis 25 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme aufteilten, so Brettschneider. Die Taktiker machten in der Regel zehn bis 20 Prozent aus. Ob sich Wahlberechtigte aber für eine der beiden Varianten entschieden, hänge von der Ausgangslage vor der Wahl ab, fasst der Politikwissenschaftler zusammen.