Wie wird über den Krieg geschrieben?
Vier Jahre russische Invasion: Am 24. Februar 2022 griff Russland die Ukraine an und das Land befindet sich seither im Krieg. Trotzdem: Die ukrainische Kulturszene beweist Widerstandsfähigkeit, die Menschen gehen ins Theater, die Kultur des Landes zeigt sich resilient.
Auch die Literatur steht vor der Herausforderung, einen Alltag außerhalb des Normalen zu beschreiben: zerbombte Städte, zerstreute Familien, Arbeit, das Leben im Exil, Flucht, Trauer und Tod. Schreibende in der Ukraine und in Deutschland stellen sich diesen Herausforderungen.
Denn der Krieg verändert die Möglichkeiten der Sprache. Autorinnen und Autoren experimentieren mit verschiedenen Textformen: Mit Fragmenten, Essays, lyrischen Verdichtungen, mit tastenden, manchmal stockenden Sätzen. Die Suche nach der Form wird selbst zum Thema. Sprachlosigkeit begleitet einige Autorinnen und Autoren mit ukrainischem Hintergrund. Mit ihrer Schreibblockade gehen sie unterschiedlich um. Wir stellen unterschiedliche Stimmen vor, die eine Literatur des Krieges geschrieben haben.
Literatur Ukrainische Autoren und der Krieg – Schreiben im Ausnahmezustand
Das Internet ist im Krieg zum Medium für aktuelle Literatur geworden. Über Social Media dichten geflüchtete Autorinnen zusammen mit Kollegen in der Ukraine.
- Iryna Fingerova
- Katja Petrowskaja
- Anja Utler
- Natascha Wodin
- Tanja Maljartschuk
- Wolodymyr Wakulenko
- Viktoria Amelina
- Olha Volynska
Leben als ukrainische Hausärztin in Deutschland - Iryna Fingerovas Roman „Zugwind"
Einen besonderen Hintergrund hat Iryna Fingerova: Sie kam 2018 aus Odessa nach Deutschland und arbeitet als Ärztin in Dresden. Außerdem schreibt sie. Gerade ist ihr dritter Roman erschienen. In „Zugwind” erzählt sie von einer Frau, die ihr nicht unähnlich ist: Mira Zehmann kommt auch aus Odesa und lebt als Hausärztin in Deutschland.
Der titelgebende „Zugwind” nistet sich am ersten Tag des russischen Angriffskrieges bei Mira Zehmann ein. Fenster und Türen knallen, es zieht aus allen Ritzen und Mira weiß nicht, warum. Bis sie feststellt: Der Wind kommt aus ihr. Er weht mit voller Stärke, wenn sie Angst hat, sich unsicher fühlt oder mit der Welt überfordert ist.
Iryna Fingerova findet mit dem Zugwind eine starke Metapher dafür, wie es wahrscheinlich vielen Menschen mit ukrainischen Wurzeln hier in Deutschland geht. Ihr Leben wird wortwörtlich aufgewirbelt. Man will aus der Ferne helfen, fühlt sich aber machtlos gegenüber dem starken Gegenwind, dem russischen Angriff.
Die Diagnose lautet: Krieg
Helfen kann Mira Zehmann als Hausärztin. Ihre Praxis wird zu einer Anlaufstelle für ukrainische Geflüchtete. Einige kommen, weil sie einfach jemanden zum Reden brauchen. Die meisten aber wünschen sich von der Ärztin ein Mittel, das sie sofort gesund macht.
Die Diagnose, die alle teilen, lautet: Krieg. Was viele auch plagt, ist die Scham darüber, dass sie die Flucht krank macht, obwohl sie in Deutschland in Sicherheit leben.
„Flucht ist keine Urlaubsreise. Flucht ist die vollkommene Abhängigkeit von anderen Menschen und der Bürokratie“, schreibt Iryna Fingerova. Was diese Flucht mit den Menschen macht, davon erzählt Fingerova als Ärztin mit einer sachlichen, genauen Art. Aber auch mit einem sehr menschlichen Blick.
Mit der Sprachlosigkeit umgehen: Katja Petrowskaja
Katja Petrowskaja findet über Fotografien einen Weg, über den Krieg zu schreiben. Mit Beginn des russischen Angriffskrieges schrieb sie in ihrer Kolumne „Bild der Woche“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über Bilder aus dem Krieg, der von Tag eins auch ein Krieg der Bilder ist: Bilder von den Massengräbern in Isjum, dem befreiten Ort Butscha oder von den Fluten des gesprengten Kachowka-Staudamms gingen um die Welt.
In einem ihrer Fototexte sieht man einen großen, nassen Hund, der sich an ein Bein festklammert. Es ist das Bein seines Retters, denn der Hund wurde aus den Fluten des von der russischen Armee gesprengten Kachowka-Staudamms gerettet.
Beim Anblick dieses Bildes bricht auch in Katja Petrowskaja ein Damm: Sie stürzt sich in den Strom der Nachrichten-Kanäle und der Bilder. Dort sieht sie Fotos von Alten, Armen, Kranken, die alles verloren haben. Eindrücklich schreibt sie darüber, wie die Schrecken des Krieges in ihr die Dämme des Verstandes und der Vernunft brechen.
Fototexte über die ukrainische Bevölkerung
Über diese Kriegsbilder zu schreiben, ist für sie ein Akt des Widerstandes, sagt Katja Petrowskaja. Petrowskaja ist in Kyjiw geboren. Der Krieg ist ihr nah und fern zugleich. Fern, weil sie im sicheren Berlin lebt. Und nah, weil ihre Heimatstadt weiterhin täglich schwer angegriffen wird.
Ihre Fototexte lenken unseren Blick auf die ukrainische Bevölkerung. Auf Menschen, die drohen zur Verhandlungsmasse zu werden. Katja Petrowskajas Fototexte sind daher auch eine Mahnung: Nämlich diese Menschen, die für ein Leben in Europa und in einer Demokratie mit ihrem Leben bezahlen, nicht zu vergessen.
Anja Utlers Trauerpoetik: Die Sprachlosigkeit als Schreibimpuls
Trauerrefrain | Gelesen von Anja Utler „Es beginnt“: 209 Haikus und ein Essay – Anja Utlers preisgekrönter Trauerrefrain | Hörbuch
Was bleibt bei Verlust und Zerstörung? „Es beginnt“ von Anja Utler ist ein Trauerrefrain, der poetisch nach dem Weiterleben fragt. Das Hörbuch liest Anja Utler
Die russische Invasion 2022 nahm Anja Utler als Zäsur unserer Gegenwart und als Schreibimpuls. Als Utler die Nachrichten über Putins Angriff auf die Ukraine las, schreibt sie, „begann ich zu sinken". Im Band „Es beginnt. Trauerrefrain" reagiert sie mit 209 Haikus auf den Kriegsbeginn. 2024 wurde die Autorin, Lyrikerin und Slawistin dafür mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet.
Schockartige Trauer: Darüber schreibt Utler in den Kurzgedichten und in einem Essay. Sie zerlegt Syntax und bricht Zeilen, sortiert die vier-zeiligen Texte um. Ihre Gedichte wirken, als stünden sie unter Druck.
Kein Zufall: „Ich denke, dass die Lyrik meist dann ins Spiel kommt, wenn es schwierig wird", erzählt Anja Utler auf SWR Kultur. Diese literarische Gattung sei für Menschen bedeutsam, wenn sich das alltägliche Erleben nicht mehr in die gängigen sprachlichen Routinen packen ließe.
Litanei des Nachdenkens
Utler misstraut der glatten Mitteilung. Die Litanei ist gleichzeitig ein Nachdenken. Dabei ist der Krieg die Erschütterung der Wahrnehmung. Ihre Gedichte verweigern die schnelle Eindeutigkeit; sie schaffen Resonanzräume, in denen Trauer, Angst und Widerstand artikulierbar werden. Die Lyrik ist Seismograf einer Gegenwart, in der jedes Wort geprüft werden muss.
Worauf? Auf seine Wirkung.
Natascha Wodin
Die Schriftstellerin Natascha Wodin ist als Tochter sowjetischer Zwangsarbeiter in Deutschland geboren. Krieg ist für sie kein neues Thema: Sie hat die Nachgeschichte des Zweiten Weltkriegs in ihr Werk eingeschrieben. In „Sie kam aus Mariupol" rekonstruiert sie das Leben ihrer Mutter aus der heute von Russland besetzten Stadt. 1920 ist die in Mariupol geboren worden, als Natascha Wodin 11 Jahre alt war, nahm sie sich das Leben.
Seit 2022 liest sich dieses Buch anders: Mariupol ist nicht mehr nur Erinnerungsort, sondern Chiffre gegenwärtiger Vernichtung.
Platz 4 (44 Punkte) Natascha Wodin: Die späten Tage
Es hat nichts Beschauliches, alt zu werden: der Körper schmerzt, der Geist verdunkelt sich. Politisches und Persönliches fließen ineinander, der eigene Verfall und der Krieg im Osten. Aber: Da ist auch eine späte Liebe.
Bücher über Fremdheit
Wodins Schreiben dreht sich viel um Fremdheitserfahrungen. Die Schriftstellerin lebt in Berlin, wuchs in Franken auf. Im Roman „Nastjas Tränen“ schreibt sie von einer Ukrainerin, die nach dem Fall der Sowjetunion vor dem Hunger aus der Ukraine nach Berlin flüchtet. Flucht, prekäre Lebenslagen und der innere Zwiespalt, der in ihrer russisch-ukrainischen Herkunft liegt, sind Motive, die sich in ihrem Werk wiederfinden.
Tanja Maljartschuk
Tanja Maljartschuk, die in Iwano-Frankiwsk in der Ukraine geboren ist und in Wien lebt, kann seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ebenfalls nicht mehr selbst schreiben.
Sie gibt zusammen mit der Übersetzerin Claudia Dathe die „Ukrainische Bibliothek“ im Wallstein Verlag heraus. Dort erscheinen ukrainische Klassiker, die noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Zwei Bände sind bisher erschienen: Gedichte von Juri Andruchowytsch und Prosa von Lesja Ukrajinka. Sechs weitere sollen folgen.
Erzählungen wie die von Lesja Ukrajinka sind hier kaum bekannt, zählen aber zu den aufregendsten Texten der europäischen Frühmoderne. Die Autorin sprach neun Sprachen, reiste durch Europa und schreibt fast nur über Frauenfiguren und ihren Blick auf die Welt. Und sie gab sich den Künstlernamen, der auf Deutsch „Lesja, die Ukrainerin“ bedeutet, um dem russischen Imperium zu zeigen, „ihr kriegt mich nicht“, so Tanja Maljartschuk.
Tanja Maljartschuks Hoffnung ist es, dass diese Texte und ihre Autor*innen einen angemessenen Platz in der europäischen Literaturgeschichte erhalten. Denn diese Abwesenheit der ukrainischen Kultur passe sehr gut in die russische Propaganda, dass die Ukraine keine Kultur habe, so die Autorin und Herausgeberin.
Gespräch Tanja Maljartschuk: „Heimat ist da, wo deine Traumata sind“
Infolge des russischen Angriffskriegs bezeichnet sich die ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk als gebrochene Autorin, die ihr Vertrauen in die Sprache verloren hat.
Auch ein Krieg gegen die ukrainische Identität
Die Menschen in der Ukraine entdecken ihre reiche ukrainische Kultur, die lange von der russischen Kultur überlagert wurde, neu. Kultur spielt weiterhin eine tragende Rolle: Theatervorstellungen sind Monate im Voraus ausverkauft. In Kyjiw findet weiterhin die Buchmesse statt.
Diese „Renaissance der ukrainischen Kultur“ gehört auch zum Überlebenskampf des Landes. Denn Intellektuelle und Künstler*innen werden in den von Russland besetzten Gebieten ganz gezielt gefangen genommen, gefoltert und ermordet.
Wolodymyr Wakulenko und Viktoria Amelina
Wie etwa der ukrainische Kinderbuchautor Wolodymyr Wakulenko. Er lebte unter russischer Besatzung und notierte in seinem Tagebuch, welche Verbrechen die russischen Soldaten begehen. Dieses Tagebuch hat er im Garten vergraben, bevor er von russischen Soldaten ermordet wurde.
Sein Leichnam wurde in einem Massengrab in der Nähe von Isjum gefunden. Wakulenkos Tagebuch hat die Schriftstellerin Viktoria Amelina ausgegraben und es dem Literaturmuseum Charkiw überlassen.
Sie wurde später Opfer einer russischen Rakete. Zwei Autor*innen, die versuchen, einen Text, der Zeugnis über die russischen Verbrechen ablegt, zu retten, werden selbst vom Tod des Krieges eingeholt.
Art Against Artillery: Olha Volynska
„Der Mensch, der menschliche Geist ist stärker als der Tod. Solange wir leben, haben wir der Welt etwas zu sagen“, sagt die ukrainische Journalistin Olha Volynska. Den Drang, weiterzuschreiben und Kultur zu vermitteln, lässt sich genau so erklären: Die ukrainische Sprache, Geschichte und Kultur bekommt Sichtbarkeit und damit einen Platz in der Weltkarte.
Und die Menschen, die in diesem zermürbenden Krieg drohen, vergessen zu werden, bekommen ein Gesicht und eine Stimme und werden eben nicht vergessen, solange ihre Texte von der Welt gelesen werden.