Definition: Was ist Freundschaft
SWR1: Wie definieren Sie Freundschaft, ab wann ist jemand ein Freund, eine Freundin?
Prof. Leonie Steckermeier: Wie bei vielen Themen in den Sozialwissenschaften, gibt es nicht die eine Definition, die jetzt zutrifft, sondern viele verschiedene.
Was insbesondere bei dem Thema Freundschaft auch daran liegt, dass wir es in Abgrenzung zu anderen Beziehungen, wie zum Beispiel dem Ehepartner oder Verwandten, Arbeitskolleginnen oder Nachbarinnen, nicht mit einer formalen, objektiv bestimmbaren Beziehung zu tun haben.
Wir haben keine Urkunden und Verträge, wie zum Beispiel eine Heiratsurkunde, eine Geburtsurkunde, ein Arbeitsvertrag, anhand dessen man objektiv prüfen könnte, ob so eine Beziehung besteht oder nicht.
Ist Freundschaft messbar?
SWR1: Wie kann ich sagen, das ist ein Freund oder eine Freundin? Wie messe ich das?
Steckermeier: Erstmal ist Freundschaft wirklich nicht eine Form der Kategorie wie jetzt, andere soziale Beziehungen, die wir haben. Sondern es ist ein graduelles Verhältnis. Man hat bessere Freunde, man hat vielleicht eine beste Freundin, gute Freunde oder Freunde, die vielleicht noch am Übergang zur Bekanntschaft sind.
Wir haben es also wirklich mit einer sehr subjektiven Kategorie zu tun. […] Wenn wir Freundschaft meinen, dann sprechen wir über die Qualität und den Charakter einer Beziehung. Das kann dementsprechend auch heißen, dass ein Arbeitskollege zum Beispiel ein Freund ist.
Wie Freundschaft definiert wird, liegt immer zu einem gewissen Maße im Auge des Betrachters. Was sie als Freund bezeichnen oder als Freundin, muss nicht das Gleiche sein, was jemand anderes als Freund oder Freundin bezeichnet. Im Zweifelsfall ist es selbst in der dualen Beziehung – Sie und ihre Freundin – nicht das gleiche Level […]
Freundschaft ist freiwillig
Ganz grundlegend würden wir natürlich erstmal sagen, dass es sich bei einer Freundschaft um eine nicht institutionalisierte, eine freiwillige, relativ andauernde persönliche Beziehung handelt, die in der Regel auf Vertrautheit basiert, Unterstützung bietet, in der sich zwei Menschen mögen und vertrauen und die Gesellschaft des anderen suchen. Das sind die grundlegenden Aspekte, die sich in allen Definitionen von Freundschaft wiederfinden.
Nicht jede Freundschaft ist gleich
SWR1: Vielleicht hat es auch damit zu tun, wo man den- oder diejenige kennenlernt. Mit der einen Freundin spiele ich gern Karten, mit dem anderen Freund gehe ich ins Kino. Für jedes Hobby oder Bedürfnis einen anderen Freund. Ist das Freundschaft oder ist das einfach nur praktisch?
Steckermeier: Das ist keine Entweder-oder-Frage und das ist beides. Das ist Freundschaft und es ist praktisch. Nicht jede Freundschaftsbeziehung ist gleich. Man kann durchaus unterschiedliche Erwartungen an unterschiedliche Freundschaften haben.
Freundschaft ist Loyalität, Gemeinschaft, Nähe und soziales Kapital
Grundsätzlich unterscheiden wir vier Erwartungen, die man an Freundschaften stellen kann:
- Die Reziprozität, also dass man Loyalität, Vertrauen und Unterstützung von seinen Freunden erwartet.
- Dann Nähe, also dass man Intimität und Offenheit und Verständnis in einer Freundschaft erfährt.
- Dann aber auch Gemeinschaft, also dass man Geselligkeit mit anderen erlebt und gemeinsame Aktivitäten unternimmt.
- Zu guter Letzt natürlich soziales Kapital. Also, dass man auch von den Fähigkeiten und Ressourcen im eigenen Freundeskreis profitiert oder seine eigenen Fähigkeiten und Ressourcen im Austausch zur Verfügung stellt.
Es ist völlig normal, dass man an unterschiedliche Freundschaften unterschiedliche Erwartungen hat und von der besten Freundin mehr Nähe und Reziprozität erwartet und sich von anderen Freundschaften mehr Gemeinschaft und Geselligkeit wünscht.
Freundschaften verändern sich
SWR1: Das kommt wahrscheinlich auch auf die jeweilige Lebensphase an. Der eine kommt, die andere geht. Haben wir weniger Freunde, je älter wir werden?
Steckermeier: Das ist definitiv der Fall. Junge Menschen haben insgesamt mehr Freundschaften, was unter anderem daran liegt, dass sie die Zeit dafür haben, weil Freundschaft immer auch eine Funktion von Zeit ist, die man mit Menschen verbringt.
Weniger Freundschaften mit zunehmendem Alter
Wir sehen dann, dass über den Lebensverlauf, insbesondere mit Eintritt in die Familiengründung, die Anzahl von Freundschaften abnimmt und dann relativ stabil bleibt, bis im hohen Alter die Anzahl dann abnimmt, unter anderem weil Freunde und Freundinnen halt dann leider auch einfach sterben.
Social Media: Freundschaft nicht gleich Freundschaft
SWR1: Ich habe 1.300 Freunde auf Facebook, das ist aber ganz was Eigenes. Hat Social Media unsere Sicht auf Freundschaft verändert?
Steckermeier: Das ist eine Frage, die ich wissenschaftlich nicht beantworten kann. Es ist klar, dass das, was in Social Media als Freundschaft gelabelt wird, wenig mit dem zu tun hat, was Menschen im echten Leben als Freunde, Freundinnen bezeichnen würden, weil es schlicht und ergreifend nicht realistisch ist, dass man 300 Freunde hat, weil es eben schon auch eine Funktion von Zeit ist, die man mit jemandem verbringt. Wir haben alle nur 24 Stunden am Tag.
Was wir wissen, ist, dass die Anzahl von Social Media-Freunden kein Hinweis darauf ist, dass jemand auch mehr Freunde im echten Leben hat. […]
Wirkung von Social Media auf Gesundheit?
Es gibt Hinweise darauf, dass es eine negative Korrelation gibt, zwischen der Anzahl von Social Media-Freundschaften und mentaler Gesundheit. Wobei da ein bisschen unklar ist, was ist Henne, was ist Ei.
Also wirkt sich der Social-Media-Konsum wirklich negativ auf die mentale Gesundheit aus, oder sind es Menschen, die psychische Probleme haben, die in ihrem Leben einsam sind und dann versuchen in den sozialen Medien Anschluss zu finden und dort Freundschaften und Kontakte zu knüpfen.
Freundschaften: Social Media ermöglicht es, Kontakt zu halten
Auf der anderen Seite muss man aber auch positiv hervorheben, dass uns soziale Medien auch ermöglichen, leichter mit anderen in Kontakt zu bleiben, als das früher der Fall war. Ich glaube wirklich nicht, dass irgendjemand da draußen tatsächlich das, was auf Social Media als Freund bezeichnet wird, gleichsetzt mit dem, was er oder sie im echten Leben an Freunden hat. Ich glaube nicht, dass es unsere Sicht auf Freundschaft in dem Sinne verändert hat.