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Das Phänomen Ramadan-Kalender

Für jeden Tag im muslimischen Fastenmonat eine Süßigkeit oder einen Spruch aus dem Koran - seit ein paar Jahren gibt es Ramadan-Kalender für Kinder im Drogeriemarkt zu kaufen.

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Von Autor/in Leonore Kratz

Auf den ersten Blick sehen Ramadan-Kalender ähnlich wie Adventskalender aus: bunt, etwa dreißig auf fünfzig Zentimeter groß, ein Türchen neben dem andern. Sieht man genauer hin, erkennt man aber statt Nikolaus oder Schneemann goldene Lampen, Palmen oder Minarette. Es gibt sie aus Pappe oder mit Säckchen zum selbst Befüllen.

Ramadan-Kalender
Ramadan-Kalender mit 30 Säckchen zum Befüllen

Tatsächlich habe sich der Ramadan-Kalender vom Adventskalender inspirieren lassen, erklärt die Bräuche-Forscherin Gabriele Dafft. Sie arbeitet am Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn. So wie der Adventskalender sei auch der Ramadan-Kalender eine kindgerechte Möglichkeit, die Kleinen an den Ritualen teilnehmen zu lassen.

Es gebe allerdings auch Unterschiede, sagt die Forscherin für Alltagskultur. So habe der Ramadan-Kalender dreißig anstatt vierundzwanzig Türchen, weil der muslimische Fastenmonat dreißig Tage dauere. Und der Kalender werde nicht morgens, sondern abends geöffnet.

Der Ramadan-Kalender ist religiöser geprägt

Der Fastenmonat Ramadan beginnt in diesem Jahr am 1. März. Während des Ramadans verzichten gläubige Musliminnen und Muslime von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen und Trinken sowie auf Genussmittel wie Zigaretten. Abends wird dann gemeinsam gegessen. Und in manchen Familien ein Türchen oder Säckchen aufgemacht.

Während beim Adventskalender die religiösen, christlichen Inhalte kaum noch eine Rolle spielten, so die Brauchtumsforscherin, gebe es beim Ramadan-Kalender durchaus auch einen religionspädagogischen Aspekt: Neben halal-Süßigkeiten wie Fruchtgummi, Kaubonbons und Traubenzucker verberge sich auch mal eine Koran-Sure hinter den Türchen.

Interkultureller Austausch

Ramadan-Kalender gibt es etwa seit dem Jahr 2000, schätzt Gabriele Dafft. Sie seien wahrscheinlich tatsächlich für muslimische Kinder im christlich geprägten Deutschland entstanden. In der Adventszeit sind hier Adventskalender weit verbreitet, Kinder aus muslimischen Familien wünschten sich das auch.

Inzwischen sind Ramadan-Kalender so beliebt, dass sie sogar zum Standard-Sortiment großer Ketten gehören. Der Ramadan-Kalender sei das Ergebnis eines interkulturellen Austauschs, sagt Brauchtumsforscherin Dafft.

Ein Kind hält einen Ramadan-Kalender

Wenn sich Kulturen vermischten und etwas Neues entstehe, könne das eine Bereicherung sein. So könnten muslimische Kinder ihren Freunden oder Mitschülerinnen beispielsweise mit dem Ramadan-Kalender zeigen, wie sie ihre Religion leben und ausüben. Über den spielerischen Aspekt könne die Neugierde der anderen geweckt werden.