Viele Praxen und Kliniken, die eine ADHS-Diagnostik für Erwachsene anbieten, sind mittlerweile auf Jahre hinaus ausgebucht. Gesetzlich Versicherte finden oft nicht einmal mehr einen Platz auf den Wartelisten. Ein Forschungsteam aus Österreich hat untersucht, warum gerade junge Menschen immer häufiger mit selbst gestellten Diagnosen für ADHS und Autismus in Kliniken kommen.
ADHS und Autismus statt Depression und Angststörung
Fast drei Viertel der befragten klinischen Psychologen und Psychologinnen in Österreich haben in der Studie angegeben, dass zu ihnen deutlich mehr Patienten mit selbst gestellten Diagnosen kommen als früher.
Dabei geht es den meist jungen Menschen um die Bestätigung von ganz bestimmten Störungsbildern, schildert Studienautorin Gloria Mittmann von der Karl Landsteiner Privatuniversität in Krems: "Viele Patienten und Patientinnen kommen heute gar nicht mehr mit einer offenen Frage in die Praxis, sondern mit einer festen Erwartung." Besonders häufig ginge es dabei um ADHS und Autismus. Schizophrenie, Depression und Angststörungen spielten deutlich seltener eine Rolle.
Verzerrte Darstellung durch Social Media
Viele der jungen Patientinnen und Patienten gelangen über das Internet und die sozialen Medien zu dem Schluss, dass sie neurodivergent sind. Also dass ihr Gehirn einfach anders funktioniere. Problematisch sei laut Mittmann, dass Störungen wie Autismus und ADHS dort oft romantisiert und dadurch verzerrt dargestellt werden.
So würden in den Social-Media-Beiträgen laut der Psychologin oft...
- ...nur einzelne Symptome gezeigt - oder Symptome, die nichts mit der Störung zu tun haben.
- ...Inhalte humorvoll gestaltet, beziehungsweise so gestaltet, dass man sich wiedererkennen kann.
- Der Algorithmus verstärkt diesen Effekt, da dem Nutzer immer mehr Videos angezeigt werden.
"Dann kann es ziemlich leicht passieren, dass man sich irgendwie denkt: 'Hey, das passt ja auch auf mich'", so Mittmann.
Diagnose kann entlasten
Die österreichische Studie zeigt, dass vor allem jüngere Menschen mit besonders hohem Social-Media-Konsum mit Wunschdiagnosen in die Praxis kommen. Den jungen Erwachsenen gehe es dabei weniger um eine Behandlung oder gar ein Medikament. Stattdessen gehe es vielmehr darum, was die Diagnose bedeutet, so Mittmann. "Viele junge Erwachsene erleben sich als überfordert (...). Und eine Diagnose kann da sehr entlastend wirken."
Außerdem komme noch der soziale Aspekt hinzu, erklärt Mittmann: "Es gibt viele online Communities, in denen man Verständnis bekommt, Anerkennung, sich zugehörig fühlt." Eine professionelle Diangose mache diese Identität dann offiziell.
Scheitert jedoch der Wunsch nach Bestätigung, führt dies häufig zu tiefer Enttäuschung. In einigen Fällen mündet dies sogar in das sogenannte Diagnose-Shopping: Betroffene suchen zahlreiche Praxen auf, in der Hoffnung, schließlich die ersehnte Diagnose zu erhalten.
ADHS als Superpower?
Während Autismus und ADHS heute positiv gelabelt werden, ist das bei anderen Störungen wie zum Beispiel Schizophrenie oder Depressionen nicht der Fall. "Ich hab noch sehr wenige bis gar keine Videos gesehen, wo jemand sagt: 'Meine Schizophrenie ist meine Superpower.' Im Vergleich zu 'ADHS ist meine Superpower'", so Mittmann.
ADHS und Autismus würden sehr oft als Zeichen von Besonderheit, Kreativität oder Sensibilität gedeutet. Neurodiversität wird als Vielfalt gesehen und nicht mehr mit Defiziten verbunden, sondern positiv gewertet. Doch die Grenze zwischen ganz alltäglichen Schwierigkeiten und tatsächlich schwereren Erkrankungen ist so kaum mehr zu ziehen. "Dieses Pathologisieren von Alltagserlebnissen ist eine Gefahr bei der Sache", warnt Mittmann.
Stigma um Neurodiversität sinkt
Trotzdem hält die Expertin es für sinnvoll und wichtig, dass in den sozialen Medien individuelle und diverse Erfahrungen mit solchen Störungen gezeigt werden. Dadurch falle die rein negative Bewertung dieser Störungen weg und deutlich mehr Menschen würden sich nun trauen, zu einer Psychologin oder einem Psychologen zu gehen.
Psychologin Mittmann plädiert deshalb für ein offenes Herangehen an die Behandlung: Von seiten der Therapeutinnen und Theraputen wie auch von den Hilfesuchenden selbst, denn "nur weil jemand eine Selbstdiagnose hat, heißt das nicht automatisch, dass das nicht stimmt. Aber auch als Person mit einer Selbst- oder Wunschdiagnose sollte man offen sein für alternative Erklärungen."