Achtsamkeit steht dem total im Weg. Es gibt Augenblicke aus unserer Vergangenheit, die so tief in uns verankert sind, dass wir alles von damals sofort abrufen können. Andere Erinnerungen dagegen verblassen schnell. Was wir tun können, damit wir die besonderen Momente bewusster erleben und tiefer abspeichern, haben wir Psychologin Antonia Lutterbach gefragt. Sie ist auch Trainerin für Achtsamkeit.
SWR1: Warum können uns Erinnerungen emotional so stark in die Zeit von damals zurückholen?
Antonia Lutterbach: Das hängt damit zusammen, dass Dinge, die wir emotional sehr stark erlebt haben, sowohl im negativen als auch im positiven Sinne, eine stärkere Gedächtnisspur hinterlassen. Wir können uns an diese Dinge oft auch sehr viel intensiver erinnern. Sie bleiben uns sehr viel lebendiger im Gedächtnis als andere Momente.
Momente bewusster erleben – Tipps der Achtsamkeits-Trainerin
SWR1: Spielt die Intensität der Gefühle in diesem Moment eine Rolle, wie stark eine Erinnerung bleibt?
Lutterbach: Total, das ist absolut entscheidend. So ist unser Gedächtnis gemacht, dass wir diese Momente wie riesige Bilder in einem Fotoalbum abgebildet haben und andere Dinge dann nur ganz klein auftauchen.
Aber wir wissen auch aus Untersuchungen von Zeugenaussagen, dass solche Erinnerungen auch Verzerrungen unterliegen. Das heißt, je intensiver ich also einen Moment erinnere, desto mehr glaube ich auch, dass der Moment genauso war. Das stimmt aber nicht immer. Die Erinnerungen können mich dann auch total täuschen. Das ist ja auch damit gemeint, wenn man von der rosaroten Brille spricht.
Wir sind oft mit unserem Kopf entweder in der Vergangenheit oder schon in der Zukunft. Aber das, was Leben bedeutet, ist das, was gerade passiert.
SWR1: Viele wünschen sich im stressigen Alltag, schöne Momente bewusster zu erleben. Was kann man konkret tun?
Lutterbach: In unserem Alltag filtern wir häufig Momente, zum Beispiel durch digitale Medien. Wenn wir auf dem Konzert sind, holen wir direkt das Handy raus, um es zu filmen. Oder wir halten spontane Momente schnell als Foto fest.
Achtsamkeit steht dem total im Weg. Denn dann kann ich eben nicht die Stimmung auf diesem Konzert intensiv spüren oder mich auf ein Lachen mit meinen Kindern einlassen, wie es vielleicht spontan entstehen würde.
Psychologin über Stress im Alltag Darum ist es wichtig, auch mal nichts zu tun
Der Alltag kann oft zur Belastung werden. Was dabei häufig zu kurz kommt ist die Entspannung. Psychologin Antonia Lutterbach empfiehlt: Wir sollten mehr in uns selbst reinhören.
Psychologin Lutterbach: Mit Achtsamkeit intensiver wahrnehmen
Der eine Punkt wäre also, die digitalen Medien ganz bewusst ein bisschen mehr aus dem Alltag zu verbannen, um wieder ins Fühlen und Wahrnehmen zu kommen.
Und zum anderen sind wir oft mit unserem Kopf entweder in der Vergangenheit oder schon in der Zukunft. Aber das, was Leben bedeutet, ist das, was gerade passiert. Wir können eben ja nicht im DeLorean (Anmerkung d. R.: das Auto aus dem Film "Zurück in die Zukunft", in dem die Zeitreisen starten) herumreisen.
Insofern können uns unsere Sinne helfen, zum Beispiel, einfach mal eine Tasse Tee oder ein Mittagessen wirklich mit allen Sinnen zu spüren oder mal wieder barfuß über eine Wiese zu laufen. Das klingt immer so pathetisch, aber solche Dinge auch durchaus im Alltag mal ganz präsent und bewusst zu tun. Das fühlt sich dann schon ganz anders, lebendig und vielleicht auch wieder ein bisschen wertvoller an.
SWR1: Geben Sie uns doch mal einen Tipp an die Hand, wie man wieder besser im Hier und Jetzt ankommen kann.
Lutterbach: Was ich sehr gerne mache, ist achtsames Hören. Darauf können sich viele Menschen gut einlassen. Das heißt, ich setze mich mal drei Minuten mit einem Timer hin und lausche auf alle Geräusche, die ich hören kann. Aber der zentrale Punkt dabei ist, das nicht gleich zu bewerten wie schön oder unangenehm die Geräusche sind.
Noch eine gute Übung: Warte-Momente zu nutzen, zum Beispiel in der Warteschlange im Supermarkt. Diese Zeit kann man nutzen, mal nicht aufs Handy zu schauen, sondern das, was ist, wahrzunehmen, mit den anderen Sinnen. Es klingt vielleicht trivial, aber es ist schwer, sich nicht gleich wieder abzulenken mit Input.