Sexualpädagoge Achim Klein im Interview

Sexuelle Aufklärung bei Kindern: Experten-Tipps für Eltern

Kinder sollten ehrlich, ungezwungen und frühzeitig sexuell aufgeklärt werden. Eltern fühlen sich oft unsicher. Achim Klein, Sexualpädagoge bei "pro familia" in Koblenz gibt Tipps.

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SWR1: Sie beraten oft Eltern zu diesem Thema an Infoabenden. Welche Bedenken haben die und warum?

Achim Klein: Meine Erfahrung ist, dass bei weitem nicht alle Eltern Bedenken haben. Es ist ein großes Missverständnis, dass sich Aufklärung ausschließlich auf den Zeugungsvorgang bezieht. Bei der sexuellen Entwicklung geht es um viel mehr.

Im Internet kursieren Fake News über sexuelle Aufklärung

Außerdem müssen wir deutlich zwischen der Sexualität von Erwachsenen und Kindern unterscheiden. Wir wissen, dass im Internet viele Informationen kursieren. Und dann gibt es fundamental-religiöse Strömungen oder auch rückwärtsgewandte politische Strömungen, die sexuelle Aufklärung mit einer Sexualisierung von Kindern gleichsetzen.

Das verunsichert sehr stark, dass behauptet wird, dass Kinder sich in der Grundschule sexuelle Stellungen ausdenken sollen oder Mastrubationstechniken. Das ist kompletter Unsinn. Gerade wer die Kinderarbeit aus der Nähe kennt, weiß, wie sensibel die Mitarbeitenden mit dem Thema Sexualität umgehen.

SWR1: Wie klärt man ein Kind altersgerecht auf? Gibt es auch ein zu frühes Aufklären?

Klein: Zu früh kann es sein, wenn ich mit Informationen komme, die ein Kind nicht verarbeiten kann, wenn ich einem dreijährigen Kind beispielsweise detaillierte Informationen zum Geschlechtsakt gebe. Dann kann das Kind diese nicht verarbeiten.

Kinder geben Tempo und Inhalt der sexuellen Aufklärung vor

Es ist wichtig, dass ein Kind Tempo - und das, was es wissen will - selbst vorgibt und dass man dann darauf eingeht. Aufklärung ist ein kontinuierlicher Prozess. Es gibt auch Kinder- und Bilderbücher, die deutlich machen, welche Information in welchem Alter entwicklungsgerecht ist.

SWR1: Wie wichtig ist es denn, die Geschlechtsteile korrekt zu benennen, also keine Kosenamen zu verwenden?

Klein: Ich glaube, es gibt in jeder Familie das "Pipi-Männchen" oder die "Mumu". Aber es ist wichtig, dass Kinder schon sehr früh tatsächlich lernen: der Penis, die Vulva oder die Scheide. Das sind Begriffe, die auch alle verstehen können. Und dann kann ein Kind auch klar benennen, wenn es beispielsweise einen Übergriff erlebt hat, was da passiert ist und wo es angefasst wurde.

SWR1: Wenn man mit seinem Kind über Sexualität spricht: sollte man da eher sachlich, biologisch bleiben? Oder sollte man auch Gefühle thematisieren?

Selbstbefriedigung ist nach wie vor sehr oft Tabuthema

Achim Klein: Was draußen bleiben muss ist, dass Erwachsene erotische Gefühle kommentieren. Die spielen hier keine Rolle. Aber Kinder haben Grundgefühle: etwas fühlt sich schön an, etwas macht mich unsicher. Etwas macht mich froh, etwas macht mir Angst. Und diese Gefühle werden jetzt auch in der Sexualität erlebt.

SWR1: Viele Eltern sind unsicher, wie sie reagieren sollen, wenn ein Kind sich selbst befriedigt. Also früher hat man daher Schuldgefühle gemacht bekommen. Was raten Sie Eltern, wie sie damit umgehen sollen?

Klein: Im Grunde sollten Eltern ganz normal reagieren. Es ist wichtig, dass die Kinder lernen, dass es etwas Privates ist, was man nicht in der Öffentlichkeit macht. Ein Weg ist, feinfühlig darauf hinzuweisen, dass das Kind es lieber im eigenen Zimmer oder im Bad tut.

"Doktorspiele" mit Regeln sind gut für die Entwicklung

Kinder spielen gerne Doktorspiele. Diese sollte man aber nicht dramatisieren. Ich erlebe das bei Elternabenden oft, dass das Doktorspiel von den Erwachsenen zu sexuellem Verhalten gemacht wird. Und das macht dann ganz vielen Sorgen. Ich gehöre zur Boomer-Generation, wo Nacktheit viel mehr zu sehen war. Es gab mehr Geschwister oder im Planschbecken hat niemand etwas angehabt.

Heute hat jeder Angst im Schwimmbad, dass das eigene Kind fotografiert und das Bild des Kindes in irgendwelchen Pädophilenringen getauscht wird. Und das macht Angst. Und deswegen haben Kinder viel weniger Gelegenheit, auch einen anderen Körper nackt zu sehen.

Doktorspiele sind für die Entwicklung gut, aber es braucht Regeln. Kinder sollten maximal zwei Jahre auseinander sein. Es sollten keine Gegenstände benutzt, oder in Körperöffnungen eingeführt werden. Es soll für die Kinder zwar in der Privatsphäre ablaufen können, aber es braucht ein Mindestmaß an Aufsicht. Mit diesen Regeln sind Doktorspiele durchaus ein gutes Mittel zur Entwicklung.

SWR1: Wie viel Intimität ist in der Familie in Ordnung? Also zum Beispiel die Badtür offenzulassen oder im Haus nackt herumlaufen…

Klein: Das ist so eine Frage der Familienkultur. Nacktheit zwanghaft zu vermeiden ist genauso abträglich, wie sie zur Schau zu stellen. Mit der Entwicklung des Schamgefühls achten Kinder zunehmend darauf, sich selbst nicht nackt zu zeigen. Das muss man auch respektieren.

Aufkommendes Schamgefühl der Kinder ist normal

Sie schließen dann irgendwann die Badtür ab, obwohl das in der Familienkultur überhaupt nicht zugrunde gelegt ist. Das eigene Zimmer wird auch zum geschützten Rückzugsraum. Ein Gefühl für das Private zu entwickeln, ist also sehr wichtig.

SWR1: Dann besprechen wir noch drei konkrete Beispiele, wie wir antworten, wenn Grundschulkinder diese Fragen stellen. Woher kommen die Babys?

Klein: Die Frage beschäftigt Kinder sicher schon viel früher, als in der Grundschule. In der Grundschule ist die Besonderheit, dass dort die Kinder in ihrer Entwicklung weit auseinander sind. Einige sind noch richtige Kinder, andere schon am Beginn der Pubertät, also viel weiterentwickelt.

Drei "typische" Kinderfragen zur sexuellen Aufklärung

Da sind dann auch die Fragen der Kinder unterschiedlich. Und auch das, was die Kinder empfinden, wenn man über das Thema spricht.

Mein Tipp an Eltern ist, dass man sich kundig macht. Was gibt es für geeignete Medien? Anschauungsmaterialien, die man mit Kindern gemeinsam anschauen kann. Kinder sind viel unbefangener im Umgang mit Sexualität als Erwachsene. Also wir machen uns einen Kopf zu erklären, wie zum Beispiel Penetration geht.

Aber darum geht es häufig gar nicht. Im Zentrum sind häufig viele andere Themen, die für Kinder wichtig sind.

SWR1: Zweites Beispiel: Wie groß muss ein Penis sein? Das klingt irgendwie wie eine typische Jungen-Frage. Aber darum ging es damals bei mir in der Schule und um die Frage: ist bei mir alles in Ordnung?

Klein: Absolut! Aber witzig ist ja, dass keiner fragt: wie tief sollte eine Vagina sein? Es gibt ja keine Normen, aber einen Durchschnitt, genauso wie bei der Körpergröße.

Wo kommen die Babys her? Wie groß muss mein Penis sein?

Es heißt auch nicht, dass ein großer Penis in der Sexualität eine besondere Bedeutung hätte. Die Qualität der Sexualität ist davon nicht abhängig. Das kann man Kindern gut vermitteln, wenn sie danach fragen.

SWR1: Drittes Beispiel, was Kinder fragen: Wie erkenne ich, ob ich Jungen mag, oder Mädchen, oder beide?

Achim Klein: Vielleicht stellt sich die Frage, wenn man als Kind merkt: Man empfindet anders als andere. Was wir kennen ist, dass Hetero-Beziehungen in der Regel anerkannt werden. Für homo- oder bi-sexuelle Lebensformen oder Wünsche gilt das noch nicht so.

Ich glaube, dass kann einen Konflikt aufmachen. Ein Kind merkt, es ist anders, möchte aber nicht anders sein. Und dann kann die bange Frage entstehen, wie ich erkenne, wen oder was ich mag. Aber eigentlich spürt das Kind das schon früh ziemlich genau.

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Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Michael Lueg
Michael Lueg
Interview mit
Achim Klein
Onlinefassung
SWR1