Warum konnte der französische Opa auf Deutsch zählen?
Wenn mein französischer Opa zu Besuch in die Pfalz kam, dann war es mir im Vorschulalter, eine riesige Freude ihn auf Deutsch zählen zu lassen. Er tat mir den Gefallen mit seinem sehr starkem französischem Akzent. Ich schüttelte mich vor Lachen. Und mein Großvater, gutmütig und liebevoll, zählte, manchmal bis hundert, um mir, der deutsch-französischen Enkelin diese Freude zu machen und sie lachen zu hören.
Natürlich habe ich als Kind nicht hinterfragt, warum mein Pépé Robert überhaupt die deutschen Zahlen kannte, warum er „dankeschön“ sagen konnte und „Guten Tag“. Warum, das habe ich erst Jahrzehnte später nach meinen Recherchen erfahren.
Mit 22 Jahren geriet der Opa in deutsche Kriegsgefangenschaft
Die deutsche Westoffensive begann am 10. Mai 1940 zunächst über Belgien und die Niederlande. Nach dem Durchbruch durch die Verteidigungslinien in Nordfrankreich, rückten die deutschen Truppen nach Südosten vor. Die französischen Truppen wurden dadurch in Ostfrankreich eingekesselt.
Am 17. Juni unterbreitete Ministerpräsident Henri Philippe Pétain angesichts der aussichtslosen militärischen Lage Deutschland ein Waffenstillstandsangebot. Fünf Tage später, am 22. Juni, wurde der Vertrag unterzeichnet und trat drei Tage später in Kraft.
Zu spät für meinen Pépé. Mit 22 Jahren geriet mein Opa zusammen mit vielen tausend anderen jungen Männern in deutsche Gefangenschaft. Wie ging es ihm? War er verletzt? Wie groß war seine Angst? Wie gingen er und seine Kameraden mit dieser Angst um?
Die Hierarchie eines Gefangenenlagers im 2. Weltkrieg
Zusammen mit anderen französischen Kriegsgefangenen wurde er in das Mannschaftsstammlager -Wehrkreis XB – in Sandbostel bei Bremervörde gebracht. Im Lager angekommen wurden die Gefangenen medizinisch untersucht, desinfiziert und fotografiert. Sie erhielte eine Metallmarke mit ihrer Kriegsgefangenen-Nummer, die sie ständig um den Hals tragen mussten.
Heute ist das Lager eine Gedenkstätte und die Verbrechen dort sind dokumentiert: „In Sandbostel wurden Amerikaner und Briten besser behandelt als Franzosen und Belgier; diese besser als Serben und Griechen. Am Ende der Hierarchiekette standen Polen, Italiener, und sowjetische Kriegsgefangene.“
Zwangsarbeit bei glühenden Nazis
Pépé Robert musste wie viele andere, bei einem Großbauern Zwangsarbeit verrichten. Diese Tatsache hat sich in unserer Familienerzählung erhalten, auch, dass der Bauer glühender Nazi war, bis einer seiner Söhne in Russland fiel. Damit änderte sich die Einstellung des Bauern zum Nationalsozialismus. Meinen Opa kosteten die harte Arbeit und die jahrelange Mangelernährung fast das Leben.
Als am 29. April 1945 die britische Armee etwa 14.000 Kriegsgefangene und 7.000 Häftlinge im Lager Sandbostel befreite, fand sie unvorstellbare Zustände vor: tausende unterernährte und kranke Häftlinge, Leichen, Dreck und Gestank.
Die Befreiung des Lagers Sandbostel auf der Webseite der Gedenkstätte Lager Sandbostel
Auch Pépé hätte das Lager nicht mehr lange überlebt
Die befreiten Kriegsgefangenen wurden in umliegenden Lazaretten und Krankenhäusern behandelt. Auch meinem Pépé ging es gesundheitlich so schlecht, dass er medizinisch versorgt werden musste. Hätte der Zustand noch lange gedauert, dann hätte er es wohl nicht geschafft.
Ein kleines schwarz-weißes Foto zeigt ihn mit drei Kameraden 1945 in Freiheit. Auf der Rückseite hat er „Wittmund“ notiert, das ist ein Ort rund 130 km von Sandbostel entfernt. Zu sehen ist ein total abgemagerter Mann, in einer zerlumpten Uniform, viel zu groß, einige Knöpfe fehlen, an den Füßen hat er eine Art von Schlappen. Die Augen in dem harten kantigen Gesicht liegen tief, sein Ausdruck hat etwas Leeres, Maskenhaftes, Verstörtes.
Der 8. Mai bedeutete Freiheit nach fast fünf Jahren Kriegsgefangenschaft
Der 8. Mai, das Ende des Krieges - für meine Familie ein Glücksfall. Mein Pépé kam nach fast fünf Jahren Kriegsgefangenschaft endlich nach Hause. Wie sehr muss er Deutschland, die Deutschen gehasst haben, die ihm das alles angetan hatten?
Wie sehr muss es ihn geschmerzt haben, dass sich seine Tochter Ende der 1960er-Jahre ausgerechnet in einen Deutschen verliebt? Und welche Horrorszenarien hatte er im Kopf, als er für seine Enkelin im Vorschulalter auf Deutsch gezählt hat – ganz langsam von 1 bis 100, damit sie sich vor Lachen schütteln konnte?
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