Lagerhaft und Zwangsarbeit in Deutschland

Das Kriegsende 1945 im Familiengedächtnis: Die Geschichte von Opa „Pépé Robert“

Der 8. Mai 1945 war ein wichtiger Tag auch für die ausländischen Kriegsgefangenen in Deutschland, wie den Franzosen Robert Maechling. Jahrelang hatte er als Zwangsarbeiter bei Bauern in Norddeutschland gearbeitet und war im Lager Sandbostel interniert.

Teilen

Stand

Von Autor/in Marie-Christine Werner

Warum konnte der französische Opa auf Deutsch zählen?

Wenn mein französischer Opa zu Besuch in die Pfalz kam, dann war es mir im Vorschulalter, eine riesige Freude ihn auf Deutsch zählen zu lassen. Er tat mir den Gefallen mit seinem sehr starkem französischem Akzent. Ich schüttelte mich vor Lachen. Und mein Großvater, gutmütig und liebevoll, zählte, manchmal bis hundert, um mir, der deutsch-französischen Enkelin diese Freude zu machen und sie lachen zu hören.

Natürlich habe ich als Kind nicht hinterfragt, warum mein Pépé Robert überhaupt die deutschen Zahlen kannte, warum er „dankeschön“ sagen konnte und „Guten Tag“. Warum, das habe ich erst Jahrzehnte später nach meinen Recherchen erfahren.

Mit 22 Jahren geriet der Opa in deutsche Kriegsgefangenschaft

Die deutsche Westoffensive begann am 10. Mai 1940 zunächst über Belgien und die Niederlande. Nach dem Durchbruch durch die Verteidigungslinien in Nordfrankreich, rückten die deutschen Truppen nach Südosten vor. Die französischen Truppen wurden dadurch in Ostfrankreich eingekesselt.

Am 17. Juni unterbreitete Ministerpräsident Henri Philippe Pétain angesichts der aussichtslosen militärischen Lage Deutschland ein Waffenstillstandsangebot. Fünf Tage später, am 22. Juni, wurde der Vertrag unterzeichnet und trat drei Tage später in Kraft.

Zu spät für meinen Pépé. Mit 22 Jahren geriet mein Opa zusammen mit vielen tausend anderen jungen Männern in deutsche Gefangenschaft. Wie ging es ihm? War er verletzt? Wie groß war seine Angst? Wie gingen er und seine Kameraden mit dieser Angst um?

Die Hierarchie eines Gefangenenlagers im 2. Weltkrieg

Zusammen mit anderen französischen Kriegsgefangenen wurde er in das Mannschaftsstammlager -Wehrkreis XB – in Sandbostel bei Bremervörde gebracht. Im Lager angekommen wurden die Gefangenen medizinisch untersucht, desinfiziert und fotografiert. Sie erhielte eine Metallmarke mit ihrer Kriegsgefangenen-Nummer, die sie ständig um den Hals tragen mussten.

Heute ist das Lager eine Gedenkstätte und die Verbrechen dort sind dokumentiert: „In Sandbostel wurden Amerikaner und Briten besser behandelt als Franzosen und Belgier; diese besser als Serben und Griechen. Am Ende der Hierarchiekette standen Polen, Italiener, und sowjetische Kriegsgefangene.“ 

Zwangsarbeit bei glühenden Nazis

Pépé Robert musste wie viele andere, bei einem Großbauern Zwangsarbeit verrichten. Diese Tatsache hat sich in unserer Familienerzählung erhalten, auch, dass der Bauer glühender Nazi war, bis einer seiner Söhne in Russland fiel. Damit änderte sich die Einstellung des Bauern zum Nationalsozialismus. Meinen Opa kosteten die harte Arbeit und die jahrelange Mangelernährung fast das Leben.

Als am 29. April 1945 die britische Armee etwa 14.000 Kriegsgefangene und 7.000 Häftlinge im Lager Sandbostel befreite, fand sie unvorstellbare Zustände vor: tausende unterernährte und kranke Häftlinge, Leichen, Dreck und Gestank.

Auch Pépé hätte das Lager nicht mehr lange überlebt

Die befreiten Kriegsgefangenen wurden in umliegenden Lazaretten und Krankenhäusern behandelt. Auch meinem Pépé ging es gesundheitlich so schlecht, dass er medizinisch versorgt werden musste. Hätte der Zustand noch lange gedauert, dann hätte er es wohl nicht geschafft.

Ein kleines schwarz-weißes Foto zeigt ihn mit drei Kameraden 1945 in Freiheit. Auf der Rückseite hat er „Wittmund“ notiert, das ist ein Ort rund 130 km von Sandbostel entfernt. Zu sehen ist ein total abgemagerter Mann, in einer zerlumpten Uniform, viel zu groß, einige Knöpfe fehlen, an den Füßen hat er eine Art von Schlappen. Die Augen in dem harten kantigen Gesicht liegen tief, sein Ausdruck hat etwas Leeres, Maskenhaftes, Verstörtes.

Französische Kriegsgefangene
Französische Kriegsgefangene nach der Befreiung 1945. Ganz rechts im Bild: Robert Maechling.

Der 8. Mai bedeutete Freiheit nach fast fünf Jahren Kriegsgefangenschaft

Der 8. Mai, das Ende des Krieges - für meine Familie ein Glücksfall. Mein Pépé kam nach fast fünf Jahren Kriegsgefangenschaft endlich nach Hause. Wie sehr muss er Deutschland, die Deutschen gehasst haben, die ihm das alles angetan hatten?

Wie sehr muss es ihn geschmerzt haben, dass sich seine Tochter Ende der 1960er-Jahre ausgerechnet in einen Deutschen verliebt? Und welche Horrorszenarien hatte er im Kopf, als er für seine Enkelin im Vorschulalter auf Deutsch gezählt hat – ganz langsam von 1 bis 100, damit sie sich vor Lachen schütteln konnte?

Feature Ihr Weg – Traversées. NS-Zwangsarbeiterinnen in Berlin

Die dokumentarische Rekonstruktion nähert sich den Biografien von Zwangsarbeiterinnen im Nationalsozialismus. Die Frauen entwickelten unter schlimmsten Bedingungen Solidarität.

Von Benoit Bories 
 

Feature SWR Kultur

Forum Hinter den Fassaden – NS-Zeit und Kriegsende in Freiburg

Gregor Papsch diskutiert mit
Dr. Heinrich Schwendemann, Historiker
Julia Wolrab, Wissenschaftliche Leiterin des Freiburger Dokumentationszentrums Nationalsozialismus
Prof. Dr. Michael Wehner, Leiter der Außenstelle Freiburg der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

Forum SWR Kultur

80 Jahre Kriegsende Volker Heises Buch „1945“: Der 8. Mai aus verschiedenen Perspektiven

Vor 80 Jahren trat die Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Kraft, der zweite Weltkrieg in Europa endete. Der Regisseur Volker Heise schreibt in seinem Buch „1945“, wie verschiedene Menschen diese Zeit erlebt haben.

SWR Kultur am Morgen SWR Kultur

Tag der Befreiung am 8. Mai – Bilder erzählen Kriegsschicksale Comics und Graphic Novels über den Zweiten Weltkrieg

Graphic Novels können bei der Geschichtsvermittlung helfen, vor allem wenn es um den Zweiten Weltkrieg und die NS-Zeit geht. Die Comics lassen die Vergangenheit lebendig werden.

SWR Kultur am Mittag SWR Kultur

Der Schmerz der Vorfahren Wie Traumata der NS-Zeit Kinder und Enkel belasten

Der Zweite Weltkrieg war am 8. Mai 1945 zwar zu Ende, doch das traumatische Erleben des Holocaust, von Flucht und Vertreibung, Bombardierung und Hungersnot prägte die Menschen.

Das Wissen SWR Kultur

Märsche, Fanfaren, Wagner und Schlager So nutzten die Nazis Musik für ihre Propaganda

Märsche, Fanfaren, Wagner und Schlager. Das Radio zur Zeit des Zweiten Weltkriegs kennt zwei Musikstimmungen: banal oder bombastisch. Beides steht im Dienst zynischer Propaganda.

Treffpunkt Klassik SWR Kultur