SWR1 Sonntagmorgen am 03. Mai 2026

Lücken – wie wir mit Leerstellen umgehen können

Mut zur Lücke, das sagt sich so leicht. Wir schauen abends den Krimi und scrollen nebenbei auf dem Smartphone. Alles passiert gleichzeitig. Umso wichtiger ist es, Lücken zu finden.

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Von Autor/in Leonore Kratz

Denn Lücken geben uns eine Pause, sagt die Psychologin Stefanie Mädel aus Singen. "Unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, ständig im Aktionsmodus zu funktionieren." Leerstellen im Alltag haben eine wichtige Funktion: Sie helfen dem Gehirn, Informationen zu verarbeiten und Unwichtiges auszusortieren. Ohne Pausen sei das Gehirn überlastet. Dann vergessen wir Dinge und fühlen uns permanent gestresst.

Aber wie kann man das lernen, Lücken zu finden? Zum Beispiel, indem man das Handy in den Flugmodus schaltet, spazieren geht und mal nicht erreichbar ist, empfiehlt die Psychologin im Gespräch mit SWR1 Sonntagmorgen. Auch ein Genuss-Training könne helfen: Dafür setzt man sich hin und trinkt einen Kaffee. Dann nimmt man bewusst wahr, wie der Kaffee schmeckt. Nebenher Social Media oder Videos schauen ist verboten.

Pausen brauchen Kontraste

"Wenn man eine Pause sucht, muss man Kontraste schaffen", erläuterte Stefanie Mädel. Für Menschen, die am Bildschirm und im Sitzen arbeiten, sei es keine Pause, auf den Handy-Bildschirm zu schauen. Sondern Pause bedeute: Etwas Gegenteiliges tun, aufstehen und den Augen die Möglichkeit geben, in die Ferne zu schauen.

Kaffeetasse auf Tisch mit Punkten
Kleine Lücke, große Wirkung: Bewusst Kaffee trinken Picture Alliance

Ein weiterer Tipp der Psychologin: Chefin oder Chef der eigenen Aufgaben zu werden. Man müsse nicht sofort jede Nachricht beantworten oder man könne Chat-Gruppen verlassen, die nerven. Vor fünfzehn, zwanzig Jahren hatten wir mehr Lücken und Leerlauf im Alltag. Pausen haben sich eher von selbst eingestellt. Heute müssen wir aktiv lernen, uns vor überflüssigen Reizen zu schützen.

Kleine Genuss-Inseln reichen

Nun soll das Lücken finden natürlich nicht zu neuem Stress führen. Es reiche, sich kleine Pausen vorzunehmen, so Stefanie Mädel. Genuss-Inseln, die nicht groß organisiert werden müssen. Man könne sich beispielsweise freie Slots im Kalender markieren, in denen man nicht erreichbar ist. Oder beim Arbeiten nach spätestens anderthalb Stunden fünf Minuten Pause machen. Solche kleinen Dinge reichten aus, um nicht den ganzen Tag im Funktionsmodus zu bleiben.

Fehlendes Puzzleteil
IMAGO / Zoonar

Demenz - Lücken in der Erinnerung

Doch es gibt auch Lücken, die weniger schön sind. Menschen mit Demenz können sich auf ihr Gedächtnis nicht mehr verlassen. Lücken statt Erinnerungen an das eigene Leben, an Freunde und Familie. Jacqueline Walter war Mitte 50, als sie die Diagnose Alzheimer-Demenz erhielt. Sie weiß noch, dass sie Psychotherapeutin war, erkennt ihren Mann Thomas und ihre Tochter Feli noch.

Viele andere Dinge aber sind unwiederbringlich verschwunden, erzählt Thomas Walter: "Man kann mit ihr im Restaurant sein, man kann was essen. Wenn das Dessert kommt, weiß sie nicht mehr, was der Hauptgang war." Man müsse ihr einfach erzählen, ihr Sicherheit geben und dann fühle sie sich wohl. Deshalb erzählt er ihr, wer gestern da war und am nächsten Tag kommen wird. Berichtet von früheren Ausflügen und Reisen.

Ein Ehepaar beim Whalewatching
Reiseerinnerungen sammeln trotz Demenz

Nach der Diagnose hat die Familie noch zwei große Reisen unternommen: Nach Italien – und nach Kanada. Sie haben die Natur genossen und Wale beobachtet. Vater und Tochter erinnern sich noch heute an diese Reise. Für Jacqueline haben sie die Erinnerung konserviert. Fotos und Videos gegen die Gedächtnislücken.

Geschlossene Lücke: Endlich wieder eine Orgel

In Tiengen am Hochrhein gab es seit neun Jahren eine Lücke im Gemeindeleben. So lange musste die katholische Mariä Himmelfahrt-Kirche auf Orgelmusik verzichten. Das Instrument wurde aus Brandschutz-Gründen stillgelegt. Eine Sanierung kam nicht in Frage - der Aufwand wäre zu groß gewesen. Nach reiflicher Überlegung entschied sich die Gemeinde schließlich für ein völlig neues Instrument, sagt Christa Bader vom Bau-Förderverein der Kirche.

Orgel in Tiengen
Noch ist die Orgel in Tiengen eine Baustelle

Entsprechend hoch sei auch die Spendenbereitschaft gewesen: Von den 1,1 Millionen Euro Gesamtkosten kommt etwa die Hälfte von Spendern - zum Beispiel über Patenschaften für eine der rund 1800 Orgelpfeiffen. Noch gleicht die Orgelempore einer großen Baustelle. Seit ein paar Tagen wird die neue Orgel eingebaut. Voraussichtlich im Juli wird die Orgel komplett eingebaut sein. Anfang Oktober soll dann die feierliche Einweihung stattfinden.