Es gibt manche Kinder, die sind so gemein und so gehässig. Ich kam manchmal nach Hause, mein ganzer Körper komplett blau, und alle haben zugeschaut. Keiner hat irgendwie gesagt: 'Hey, lass mal die Mey in Ruhe.' Ich war so weit, dass ich mein Leben beenden wollte, weil ich keinen Ausweg mehr gefunden habe.
So erinnert sich Mey Alasadi an die schlimmste Phase ihrer Schulzeit in Reutlingen. Damals in den 80ern. Wenn Mey erzählt, dann wird das Kind in ihr wieder lebendig: das junge Mädchen aus dem Libanon. Zart, etwas dunklere Haut als die Schwabenkinder hier, fremd. Sehr schüchtern und sehr allein. Sie sei einfach schwach gewesen, sagt Mey. Jeder Tritt, jeder Schlag und auch jede Gemeinheit: Alles ist noch da, wenn Mey in Gedanken zurück geht.
Faces · How I survived being bullied
Jugendliche erzählen von ihren Erfahrungen mit Mobbing, Rassismus, Ausgrenzung & Diskriminierung. Wo haben sie ihren Ausweg gefunden? Ab Klasse 7
Mey Alasadi: das perfekte Opfer für Mobbing in der Schule
Dann legt Mey, das gemobbte "Flüchtlingsmädchen", diese sagenhafte Karate-Karriere hin. Von null auf hundert. Mit 14 beginnt sie zu trainieren. Nur drei Jahre später ist sie Deutsche Karate-Meisterin und holt sich einen Titel nach dem anderen.
Ich bin 12-fache deutsche Meisterin. Dann war ich mal Zweite bei der Europameisterschaft, Fünfte bei der WM. Damals, wo ich selbstbewusster geworden, wo ich stark geworden bin, wo ich Erfolg hatte, hab ich mir immer geschworen: Wenn ich älter werde, möchte ich Kindern helfen, dass es ihnen niemals so passiert wie mir.
Mey hat ihren Schwur gehalten, hat zwei Karateschulen in Pfullingen und Tübingen gegründet. Sie trainiert Kinder und Jugendliche aller Altersklassen. Für Wettkämpfe, vor allem aber: fürs Leben. Sie will sie stark machen, resilient. Auch im Einzeltraining, wie das 13-jährige Mädchen, das es psychisch nicht mehr in die Schule schafft. Auch sie: ein Mobbing-Opfer. Bei Mey lernt sie unter anderem, wie Selbstschutz geht.
Das Leben geht weiter. Angst hat jeder, selbst ich immer noch. Aber: niemals zeigen. Aufgeben ist keine Option.
Flucht vor Gewalt und Krieg im Libanon
Mey Alasadi ist 1972 im Libanon, in Beirut, zur Welt gekommen. Ihre Eltern stammen aus Palästina, sind als Vertriebene in den Libanon gekommen und haben sich dort ein Leben aufgebaut. Aber: eine sichere Zukunft gibt es auch im Libanon nicht. Im Frühling 1975 bricht dort der Bürgerkrieg aus. 150.000 Menschen werden sterben.
Ich kann mich ganz gut erinnern, da waren Raketen und Bomben. Und dann hat meine Mutter alle 4 Kinder in die Badewanne gesetzt, mit Matratzen über uns. Und da hat mein Vater gesagt: 'Das ist hier kein Leben, wir müssen hier weg'. Und tatsächlich ist erst mein Vater weg und 6 Monate später sind wir ausgewandert.
Schwierige Integration in der neuen Heimat Baden-Württemberg
Als Mey nach Reutlingen kommt, ist sie schwach, hat weder Selbstbewusstsein noch Vertrauen. Sechs war sie damals. Asylbewerberkind. Die Eltern wollten nur eins: Ankommen. Nicht so sehr zurückschauen. Und bloß nicht groß auffallen. Möglichst schnell integrieren – das war das Ziel!
Die Vorbereitungsklasse, in die Mey geht, hilft ihr nicht bei der Integration. Sie ist zusammen mit Migranten aus der Türkei, Italien, Griechenland. Sie lernt deren Sprache, aber kein Deutsch. Meys Vater sieht das Problem und schickt sie in eine andere Schule.
In dieser Schule hat alles begonnen: das Mobbing, das Erpressen. Ich war die einzige Dunkelhäutige, die einzige Ausländerin, die einzige Muslima. Mal gekratzt, mal geblutet, mal eine Platzwunde. Und wenn ich zur Lehrerin gegangen bin: 'Ihr seid alle zusammen schuld, klärt das mal untereinander.'
Mey erfindet zu Hause immer wieder Ausreden, scheut sich, die Wahrheit zu erzählen. Aus Angst, dass die Familie sonst wieder zurück in den Libanon muss. Wie sie das alles ausgehalten hat? "Kannst Du als Kind nicht aushalten", sagt Mey. Sie war oft so traurig, dass sie nicht mehr leben wollte. Das Gedankenkarussel kreist immer wieder um Suizid.
Karate wird zum Wendepunkt in Meys Leben
Mey fälscht die Unterschrift ihres Vaters, um die Schule schwänzen zu können. Eines Tages sitzt der Rektor ihrer Schule bei ihr zu Hause. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, die Wahrheit muss heraus. Statt einer Strafe beschließen Meys Vater und der Rektor zwei Dinge. Erstens: Mey muss gestärkt werden. Und zweitens: Mey wird diese Schule nicht verlassen. Die Täter:innen sollen nicht siegen.
In der Nachbarschaft gibt es eine Karateschule; dort wird Mey angemeldet. Letztlich ist das der Punkt, an dem sich nicht nur Meys Leben von Grund auf ändert. Dieser Schritt wird auch das Leben von vielen Kindern ändern, die später zu ihr in ihre eigene Karateschule kommen werden. Dort macht Mey schon die Kleinsten stark. Sie sollen gar nicht erst ins Beuteschema der Mobber rutschen.
So wie das kleine, stille Mädchen, das extrem gehemmt auf der Trainingsmatte sitzt. Als Mey sie anspricht und fragt, ob sie eine Karatefaust machen kann, steigen ihr Tränen in die Augen. Mey übergeht das, gibt der Kleinen Zeit und Raum, sich zu fangen und dann die Karatefaust zu machen. Das Mädchen lächelt, hat's ganz alleine geschafft. Sie sitzt aufrecht auf der Matte und erlebt vielleicht gerade zum ersten Mal, dass sie ganz schön stark ist.
"Du schaffst das": Neuanfang statt Mobbing und Opferrolle
Eigentlich hat es Mey mit dem schüchternen Mädchen im Trainingsraum genau so gemacht wie ihr erster Karatetrainer damals mit ihr. Nicht verzärteln, sondern dem Kind etwas zutrauen. Dieses "Du schaffst das" baut auf. "Jeder braucht einen Menschen, der an ihn glaubt", sagt Mey. Für Mey war dieser Mensch Daniele.
Ja, er hat von Anfang an gesagt: 'Aus Dir wird was.' Ich bin ihm so dankbar. Weil ohne ihn, ohne das Training, wäre ich gar nicht mehr hier.
Kriegstrauma, Flucht, Mobbing Erfahrungen: überwunden, aber nicht vergessen
Mey hat in ihrer Karriere alles ausgekostet, wovon eine Sportlerin träumt. Gekämpft, gesiegt, jahrelang in der Nationalmannschaft. Bei der WM 1993 wollte man sie als Trainerin nach Dubai abwerben: Haus, Auto, Geld, alles was sie will.
Ich hab gesagt: Ja gut, ich überlege es mir. Ich brauchte es mir nicht mal 10 Minuten überlegen und hab' gesagt: Nein, meine Heimat ist hier!
Vielleicht hat Mey, als sie damals das Wort "Heimat" ausgesprochen hat, zum ersten Mal gespürt, dass sie wirklich angekommen war. Ihre Vergangenheit ist aber immer noch präsent. Das Trauma von Krieg und Flucht wirkt bis heute nach. Selbst Jahrzehnte später holen Mey ängstliche Gefühle ein, wenn ein Helikopter über sie hinweg fliegt.
Dass Meys Mobbing-Erfahrungen bis heute nicht vergessen sind, zeigt sich, wenn sie Kindern in ihrer Karateschule beibringt, dass sie nicht Opfer sein müssen. Dass diese Erfahrungen bis heute nachwirken, zeigt sich aber auch, als die Frage aufkommt, ob es für Mobbingopfer eigentlich irgendwann den einen Schlusspunkt gibt? Mey schüttelt den Kopf – jedenfalls nicht für sie. Aber: Sie hat gelernt, damit zu leben – gut zu leben.
Damit abgeschlossen habe ich nicht, ich hab' das immer noch in Erinnerung. Es war nicht schön, was die gemacht haben: Mobbing, Erpressen, sexualisierte Gewalt. Ich möchte nicht wissen, wie viel Kindern so was auch passiert. Die Angst haben, das weiter zu erzählen.