Die flapsige Antwort aus der Gesellschaft ist dann: 'Jetzt hab' Dich doch nicht so. Du bist doch noch jung. Du findest doch bestimmt wieder jemand.' Ja was ist das? Das ist wie ein Schlag ins Gesicht.
Matthias sieht seine Frau an Krebs sterben
Matthias Erbacher aus Niefern im Enzkreis ist 44, als seine Frau Karin nach langem Kampf an Krebs stirbt. Mit seinen Kindern besucht er sie am Abend ihres Todes im Hospiz.
Ich hatte den Impuls zu sagen: 'Wenn jeder von uns nochmal allein zu ihr möchte, dann ist das jetzt möglich'. Das haben meine Kinder aufgegriffen. Es waren beide allein bei ihr. Ich war allein bei ihr. Das war der Moment des Abschieds.
Es ist Nikolaustag, als Karin stirbt. Matthias sagt, dass er danach nur noch funktioniert hat. Unter anderem als alleinerziehender Vater zweier Kinder und als gelernter Schreiner und Chef eines Bestattungsinstitutes.
Plötzlicher Tod: Nicoles Ehepartner stirbt im Krankenhaus
Bei Nicoles Mann Andy kommt der Tod plötzlich: Er liegt wegen einer Lungenentzündung im Krankenhaus, als sich sein Zustand rapide verschlechtert. Nicole bekommt die Nachricht durch einen Anruf aus dem Krankenhaus.
Hab nur gedacht: 'Oh Gott, wie sag ich das jetzt unseren Jungs?' Ich musste gar nicht so viel sagen. Als die mich gesehen haben, war ihnen das schon klar. Er war so präsent in dem Moment. Wir haben das alle gespürt.
In ihrem Haus in Bauschlott im Enzkreis ist Andy auch nach seinem Tod präsent. Viele Fotos an den Wänden zeigen ein offensichtlich glückliches Familienleben.
Ich spür' einfach diese Präsenz. In seiner Gegenwart ist alles o.k.. Er hat so viel Ruhe gehabt und so viel Gelassenheit. Ein ganz, ganz liebevolles Wesen. Das spüre ich immer noch.
Wie können Matthias und Nicole eine neue Liebe leben?
Während Nicole mit strahlenden Augen von Andy erzählt, hört Matthias ihr lächelnd zu. Die beiden haben sich nicht gesucht – aber gefunden. Beide tragen das Erlebte mit ihren jeweiligen Partnern in sich und versuchen, damit einen Neuanfang zu gestalten. Ein Neuanfang, bei dem das Alte mit dabei ist.
Relativ früh hast Du gesagt: 'Der Andy ist mein Mann und wird immer mein Mann bleiben'. Das ist in Ordnung. Alles, was vor dem Zeitpunkt war, als wir uns getroffen haben, gehört zu uns als Person. Das muss so sein, weil uns das ausmacht.
Was ich mit meinem Mann geteilt habe, das lebt in mir weiter. Und wir teilen was miteinander, was jetzt neu ist. Es darf alles nebeneinander, miteinander, sein. Ich spüre da gar keine Konkurrenz.
Ihre Beziehung, sagt Nicole, sei etwas sehr besonderes. Es sei eine Beziehung "zu viert". Ihre Herzen sind so groß, dass auch die verstorbenen Partner ihren Platz darin behalten dürfen.
Obwohl sich beide wohl in der Beziehung fühlen, haben sie nicht das Bedürfnis, ein gemeinsames Zuhause erschaffen zu müssen. Sie wollen sich mit offenen Armen empfangen, damit sich der andere wie zuhause fühlt, ohne sich beieinander einzurichten.
Umgang mit Trauer: Berge und Natur helfen
Nicole und Matthias haben sich verändert. Sie arbeitet heute selbstständig als psychologische Beraterin und Yogalehrerin, Matthias arbeitet als Coach und Begleiter in der Trauerbewältigung. Gemeinsam geben sie ihre Erfahrung aus dem erlebten Neustart an andere Paare weiter.
Erst in der Trauer um Karin, sagt Matthias, sei ihm klar geworden, was er eigentlich schon immer gespürt hat. Da laufe ganz oft etwas falsch im Umgang mit dem Sterben und den Trauernden.
Jetzt darfst Du trauern. Aber ab einem gewissen Zeitpunkt [heißt es]: 'Wann wirst Du denn endlich wieder normal?' Wenn ich das schon höre, eure gut gemeinten Floskeln! Macht Euch mal klar, was die für Auswirkungen haben. Wenn es zum Beispiel jemand trauert um seine Großmutter, die vielleicht mit 97 gestorben ist. Und dann kommt: 'Sie hat doch ihr Leben gelebt, musste nicht leiden'. Was ist das? Da wird die Trauer klein geredet!
Auftanken können Nicole und Matthias in der Natur. Am liebsten hoch oben in den Bergen.
Es ist wunderbar, von oben auf das ganze Gewusel zu schauen. Wo man dann sieht, wie klein manche Probleme sind. Trauer ist manchmal auch groß. Aber die eigene Größe im Sinne von 'klein' in der Natur zu spüren und die Verbundenheit dazu, das gibt unheimlich Kraft.
Diese tiefe Dunkelheit, wie wir's im Winter haben – das ist ein bisschen vergleichbar mit diesem Prozess, den man in einer Trauer durchläuft. Aber die Natur erlaubt es gar nicht anders, als dass nach dieser dunklen schwarzen Nacht die Tage wieder länger werden. Die Tage werden heller. Und wir sind Teil der Natur.
Neuanfang Update: Die "Beziehung zu viert" funktioniert
2024 hatten Nicole und Matthias uns das erste Mal erzählt, wie sie mit der damals noch ganz frischen Trauer um ihre verstorbenen Liebsten umgegangen sind. Zwei Jahre später sprechen wir noch einmal mit den beiden. Sie sagen, dass sich ihr Konzept "Beziehung zu viert" bewährt hat – und weiter bewährt.
Die Verstorbenen haben ihren Platz in der neuen Partnerschaft behalten.
Die Trauer wandelt sich, sagen beide. Verbundenheit und Dankbarkeit bleiben, verstärken sich sogar in manchen Momenten. Mit unterschiedlichsten Gefühlen von Traurigkeit, Wut bis hin zu Leichtigkeit bewusst zu leben: Das empfinden beide als einen Prozess, der stark macht. Und sie ermuntern uns alle – nicht nur Trauernde – das komplette Spektrum an Emotionen wertfrei zuzulassen. Und: negative Gefühle nicht zu verdrängen, um sich langfristig persönliches Wachstum und positive Emotionen zu ermöglichen.