Wasser ist für Mohamed ein Symbol für Leben: "Du kannst darauf vertrauen, dass es dich trägt". Vielleicht war dieses Credo auch so etwas wie eine unausgesprochene Basis für die Freundschaft zwischen dem heute 17-jährigen Mohamed aus Syrien und dem 70-jährigen Eberhardt "Ebbe" Kögel, dem ehemaligen Bademeister im Stettener "Bädle".
Beginn von Mohameds Integration in Stetten
Im Sommer 2016 steht ein kleiner Junge mit dunklem Haar und dunklen Augen im türkisfarbenen Becken des Stettener Freibads. Er beobachtet, was um ihn herum passiert. Er hat einen großen Plan: Er will schwimmen – wie die anderen – und wird sich das schon irgendwie selbst beibringen. Das fällt Bademeister Eberhardt Kögel auf, den im "Bädle" alle nur "Ebbe" nennen.
Er beschließt, dem jungen Flüchtling zu helfen. Das ist der Beginn von Mohameds Integration in Stetten, einem gut 6500 Seelen starken Ortsteil von Kernen im Remstal, östlich von Stuttgart.
Das ganze Freibad hat ihn im Grunde genommen adoptiert und ihm geholfen. Das hat dazu geführt, dass er tatsächlich innerhalb von einem Sommer schwimmen gelernt hat.
Das Stettener Freibad als "Integrationsmaschine"
Mohamed macht das "Seepferdchen" und sogar das Bronze-Schwimmabzeichen. Ihm ist klar, dass diese Abzeichen mehr sind als nur ein Beweis dafür, wie gut er schwimmen kann und was er für sich erreicht hat. Er merkt, dass es auch ein Zeichen dafür ist, dass er in Stetten aufgenommen ist.
Ein Freibad, so wie unseres, mitten im Dorf: Das ist eine Integrationsmaschine. Da kommen im Sommer alle: die Einheimischen, die Zugezogenen, die Flüchtlinge und Menschen mit Behinderungen. Im Idealfall funktioniert es so, dass diese unterschiedlichen Gruppen miteinander auskommen, miteinander zusammenleben und auch voneinander profitieren können.
Demokratie und Gleichberechtigung im Schwimmbad
Ein Schwimmbad – davon ist "Ebbe" überzeugt – ist ein Mikrokosmos, in dem man viel lernen kann über Demokratie und Gleichberechtigung. Und vor allem über Respekt. Ein genialer Ort, um spielerisch zu verstehen, was geht und was nicht.
Für Mohamed ist "das Bädle" der Ort, an dem er seine ersten Erfolgserlebnisse und Freundschaften erlebt hat. Im "Bädle" in Stetten hat Mohameds erfolgreiche Integration begonnen, begleitet von vielen Menschen, die sich ohne viel Tamtam interessiert haben – für diesen kleinen, fremden Jungen, der schwimmen lernen wollte.
Mohameds Geschichte: Krieg, Flucht und Verlust
Mohamed, das wird in den Gesprächen mit ihm sehr schnell klar, ist ein sehr sortierter und gelassener junger Mann. Woher kommt dieses Selbstvertrauen? Vielleicht, meint Mohamed, vielleicht hat es ihm der ermordete Vater vererbt.
So ein starkes Auftreten: Das versuch ich von ihm zu nehmen. Selbstbewusst war er und da versuch' ich immer die jüngere Version zu sein von meinem Vater, um seinen Namen zu tragen.
Wir sitzen in Mohameds Zimmer, schauen Fotos aus Syrien an. Eines zeigt seinen Vater: Ein freundlicher Mann im Sakko. Arzt. Den halben Tag hat er in einer Klinik gearbeitet, die andere Hälfte in der eigenen Praxis. Vor der Haustür der Familie tobt der Bürgerkrieg.
Ein Verrat in Syrien besiegelt das Schicksal von Mohameds Familie
Immer abends hat man die Geräusche gehört, wie zum Beispiel diese Schüsse und für mich war alles so unwohl. Als man rausgegangen ist, man konnte nichts erzählen, weil das waren alles Geheimdienste. Man konnte sich gar nicht öffnen, auch gar kein Vertrauen mit Leuten aufbauen, man hat sich immer beobachtet gefühlt.
Dann die Eskalation: Bomben- und Giftgasangriffe. Unfassbar viele Opfer in der Zivilbevölkerung. Mohameds Vater evakuiert seine Frau und die Kinder; er selbst will später nachkommen. Später, wenn die Schwerverletzten versorgt sind und seine Dienste als Arzt nicht mehr gebraucht werden. Immer wieder, so erzählt Mohameds Mutter, hätten Assads Sicherheitsleute den Vater aufgefordert, Menschen sterben zu lassen.
Endlich erreicht die geflüchtete Familie ein lang erwartetes Telefonat: Der Vater sitzt im Auto eines guten Freundes. Sie wollen aus ihrem abgeriegelten Dorf fliehen. Hoffnung keimt auf, dass die Familie bald wieder vereint ist. Dann bricht die Verbindung plötzlich ab.
Dieser Freund hat ihn verraten. Hat ihn zu den Leuten gebracht, die ihn festgenommen haben. Er konnte da einfach nichts mehr machen. So, wie wir es erfahren haben, wurde er festgenommen und direkt … direkt umgebracht.
Ein ganzer Ort hilft bei der Integration
Wie hat Mohamed das alles gepackt? Den Tod des Vaters verkraftet und den Verlust der Heimat, die Flucht, das Fremdsein und schließlich: Wie ist es ihm gelungen, Wurzeln zu schlagen? Mohamed sagt, dass er nie an Negativem kleben bleibt; man dürfe die Dinge nicht zerdenken, sondern lieber machen und "die Aufgaben, vor denen Du stehst, immer schön in Portionen aufteilen".
Integration ist keine Einbahnstraße. Und: Integration ist kein Spaziergang. Ohne Frauen und Männer, die sich freiwillig reinhängen, wäre unser System der Flüchtlingshilfe schon lang kollabiert.
Auch Mohameds Familie wurde heimisch in Deutschland
"Ebbe" und Mohamend sprechen darüber, wie fremde Menschen durch Integration heimisch werden können. "Nur durch echte Zuwendung", sagt "Ebbe" – das heiße nicht "Betüteln", sondern vor allem "zeigen wo's und wie's langgeht in Deutschland".
Heimisch geworden in Deutschland ist nicht nur Mohamed. Sein Bruder hat nach seinem Studium in Syrien hierzulande eine weitere Ausbildung absolviert: zum chemisch-technischen Assistenten. Seine Schwester studiert in München erfolgreich Pharmazie, die Mutter arbeitet festangestellt in der Pflege.
Schwimmen ist wie Leben: Mohameds Neuanfang im Remstal
Mohamed habe damals etwas wichtiges gelernt, sagt "Ebbe": Erstmal in Ruhe schauen, dann fragen und offen sein für alles. Das sei eine ganz gute Strategie, um in der Fremde anzukommen. Mohamed nickt: "Du darfst dich nie selber klein machen. Bloß nicht klein machen". Wie das geht?
Indem man sich einfach nicht schämt. Das liegt alles am Auftreten. Wenn man selbst denkt, dass man nicht dazu gehört – das Unterbewusstsein, das hat dann automatisch Auswirkungen beim Auftreten. Das kommt den anderen auch sofort, dass du da nicht dazugehörst. Man darf sich halt einfach nicht drüber Gedanken machen. Dieses viele Nachdenken bringt einen nicht voran.
Entscheidung: Glückskind
Da ist sie wieder, diese innere Einstellung und diese eigene Entscheidung, die Mohamed für sich trifft: "Flüchtlings- oder Glückskind" – "Jammern oder Machen" – "Fordern oder Empfangen".
Schwimmen ist eigentlich wie Leben. Du brauchst dazu vor allem eines: Vertrauen. Vertrauen in das, was dich umgibt, in Menschen und in dich selbst – dann verschwindet auf einmal die Angst vor dem Unbekannten.