Kampf um Schadensregulierung

Kfz-Haftpflicht: Wird regelmäßig gekürzt?

Warum zahlen Kfz-Haftpflichtversicherungen oft weniger, als Gutachten vorsehen? Werkstätten und Autofahrer berichten von unfairen Kürzungen.

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Von Autor/in Immo Mäueler / Echt? WDR, 08.05.2026

Wenn es kracht, dann wird es schnell teuer. Den Schaden am Auto des Unfallopfers übernimmt die gegnerische Haftplicht-Versicherung. Doch die zahlt anscheinend nicht immer das, was laut Gutachten zu zahlen wäre. Der Zentralverband der Karosserie- und Fahrzeugtechnik sagt, dass passiere regelmäßig und sei seit Jahren ein tiefgreifendes Problem für Werkstätten und Autofahrer gleichermaßen. Wie kann das sein?

Tricksen Kfz-Versicherungen bei Schadensregulierung? | Echt? WDR

Rechts- und Ausgangslage

Grundsätzlich haben Autofahrer das Recht darauf, ein Unfall-Fahrzeug in den ursprünglichen Zustand gebracht zu bekommen. Einzige Ausnahme: ein wirtschaftlicher Totalschaden. Außerdem hat der Fahrzeugbesitzer das Recht darauf, kostenfrei einen Gutachter zu beauftragen sowie einen Anwalt hinzuzuziehen. Für die Schadensregulierung gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Fiktive Abrechnung: Das Auto wird nicht repariert. Der Eigentümer bekommt den Schaden laut Gutachten ausbezahlt.
  2. Reparatur in einer Werkstatt.

In beiden Fällen wird das Gutachten, also der Kostenvoranschlag oder die Rechnung, vor Kostenübernahme von den Versicherungen geprüft. Jede Kürzung bei der Schadensregulierung bedeutet für die Versicherer, das Geld eingespart wird. Das hält einerseits die Kfz-Versicherungs-Prämien niedrig, und steigert andererseits aber auch den Gewinn der Versicherer.

Allerdings überprüfen in den meisten Fällen nicht die Versicherer diese Gutachten, sondern in ihrem Auftrag externe Prüfdienstleister. Der wohl größte ist ControlExpert mit Sitz in Langenfeld, der laut eigener Aussage auf der Homepage 90 Prozent der Versicherer als Kunden hat. Vor ein paar Jahren hat sich die Allianz an ControlExpert beteiligt.

Kürzen als übliche Praxis?

Im Zuge unserer Recherchen haben wir mit sehr unterschiedlichen Akteuren gesprochen und interessante sowie deckungsgleiche Aspekte erfahren.

Henning Hamann, Rechtsanwalt und Geschäftsführer der wohl größten Verkehrsrechtskanzlei in Deutschland fasst die Situation so zusammen:

„Vor zehn Jahren hatten wir die Situation, dass vielleicht 20 % der Fälle gekürzt worden sind. Heute ist es eher so, dass 80 % der Fälle gekürzt werden“

Der ZKF, dem mit 3200 fast alle Werkstätten im Land angehören, spricht von: „Man kann sagen, dass es 20% aller Rechnungen haben, also jede fünfte. Ja, das kommt ungefähr hin. … . Da ist wirklich ein System dahinter, Denn die Vorgaben der Versicherer, wie gekürzt werden muss, haben teilweise nichts mit der wirklichen realen Reparatur zu tun“

ControlExpert weist diesen Vorwurf entschieden zurück: Pauschale und schematische Kürzungen würden nicht existieren und widersprächen dem Vergütungsmodell als auch den Qualitätsstandards. Man würde pro Vorgang vergütet werden – kurzum es bestehe also keine Motivation fürs Unternehmen zu kürzen.

Insider von ControlExpert packen aus

Wir haben mit zwei Insidern gesprochen, die bei ControlExpert Gutachten geprüft haben. Grundlage für ihre Arbeit seien so genannte Regelwerke gewesen, die der Prüfdienstleister mit den Versicherern abgestimmt habe, so berichten beide übereinstimmend. Die Insider bestätigen, dass sie Positionen systematisch kürzen oder sogar streichen sollten – ohne dass es ihrer Auffassung nach eine Grundlage dafür gegeben habe.

ControlExpert erklärt dazu auf Nachfrage, solche Vorgaben würde es nicht geben. Die Regelwerke seien „keine Anleitung zum Kürzen, sondern die Abgrenzung des versicherten Leistungsumfangs“.

Es geht um hohe dreistellige Millionen-Beträge

Wir haben bei der Recherche auch das Unternehmen Unfall-Navi aus Solingen besucht. Das Legal-Tech wickelt Schäden für Unfallgeschädigte kostenfrei bis zur Klage vor Gericht ab – rund 5000 Fälle pro Jahr. Weil jede Kostenposition eines Gutachtens bei ihnen als Datenpunkt verarbeitet wird, sind sie in der Lage, eine präzise Analyse auf Basis ihrer Daten zu erheben. Am häufigsten kürzen Versicherer demnach bei Lackarbeiten sowie beim Kostenpunkt alternative Werkstätten.

Bei einer Hochrechnung ihrer Daten zeigt sich, dass die Kfz-Haftplicht-Versicherungen pro Jahr bis zu 800 Millionen versuchen einzubehalten: ein Teil davon sicherlich gerechtfertigt, aber der andere Teil ist oft strittig. Der Gesamtverband der Versicherer kann diese Schätzung allerdings nicht bestätigen und kann auf Nachfrage auch keine validen Zahlen liefern.

BaFin prüft

Unsere Rechercheergebnisse haben wir der BaFin mitgeteilt. Die Finanzaufsicht ist ebenfalls für Versicherer zuständig und mahnte sie noch vor kurzem zu einer zügigeren Leistungsbearbeitung ab. Uns haben sie mitgeteilt, dass:

„Systematischen Kürzungen, die nicht im Einklang mit höchstrichterlicher Rechtsprechung stehen, geht die Bafin nach und beanstandet diese!“

Fazit:

Sicherlich stehen die Versicherungen bei Haftpflichtschäden seit Jahren unter einem enormen Kostendruck. Gestiegene Preise bei Ersatzteilen, Löhnen aber auch immer komplexere Fahrzeuge treiben die Reparaturkosten in die Höhe – und damit auch die Versicherungstarife.

Betroffenen Autofahrern und Werkstätten kann man nur raten, von vorneherein einen Anwalt einzuschalten. Für Unfallgeschädigte ist dieser sogar kostenfrei.

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Immo Mäueler / Echt? WDR, 08.05.2026