Digitalisierung der Stromnetze

Smart Meter und dynamische Stromtarife: viel Potenzial, Umsetzung mangelhaft

Intelligente Messysteme und dynamische Stromverträge helfen, Energie und Geld zu sparen. Trotz klarer Gesetzeslage stockt der Einbau. Kunden müssen warten und teils zu viel zahlen.

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Stand

Von Autor/in Jörg Hommer

Ein Smart Meter, auch intelligentes Messystem genannt, ist ein kommunikationsfähiger Zähler, der den Stromverbrauch zusammen mit der tatsächlichen Nutzungszeit misst. Diese Daten können Stromkunden helfen, Energie zu sparen. Stromkosten können langfristig gesenkt werden.  

Einige Anbieter bieten dynamische Stromtarife an, bei denen sich der Preis je nach Tageszeit und Stromangebot ändert. Diese Tarife sind aber nur mit einem Smart Meter nutzbar. 

Welche Haushalte bekommen ein Smart Meter? 

Laut dem Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende soll der Strom in Deutschland bis 2032 vollständig über Smart Meter gesteuert werden. Seit Anfang 2025 haben Stromkunden ein Recht auf den Einbau eines intelligenten Messystems. Für manche wird es sogar Pflicht, etwa für Haushalte… 

  • mit mehr als 6000 Kilowattstunden Stromverbrauch pro Jahr 
  • mit einer Photovoltaikanlage mit mehr als 7 kW Peak-Leistung 
  • mit einer Wärmepumpe  
  • mit einer Wallbox 

Verlangt ein Haushalt den vorzeitigen Einbau eines Smart Meters, muss dieser innerhalb von vier Monaten installiert werden.  

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Smart Meter: Anfrage auf vorzeitigen Einbau 

Ein Marktcheck-Zuschauer hat in unserem Beispielfall eine Solaranlage mit einer Peak-Leistung von mehr als 7 kW – für ihn ist ein Smart Meter deshalb sogar Pflicht. Weil er nicht warten wollte, bis sein Netzbetreiber das intelligente Messystem einbaut, hat er gleich nach Inkrafttreten des Gesetzes ein Smart Meter beantragt.  

Grundsätzlich baut der Messstellenbetreiber Smart Meter ein. Das ist nicht unbedingt der Stromlieferant, sondern der Netzbetreiber. Häufig sind das die Stadtwerke.  

Im Fall des Marktcheck-Zuschauers ist die Bayernwerk Netz GmbH zuständig, eine Tochter von Eon. Bereits Mitte Januar hat Andreas Bott dort ein intelligentes Messystem bestellt. 

Netzbetreiber ignoriert Anfrage nach Smart Meter 

Monatelang versuchte der Betroffene bei der Bayernwerk Netz GmbH einen Termin zu bekommen - persönlich im Kundencenter, online und telefonisch. Er sei dort sehr unfreundlich behandelt worden, erzählt er. „Die Telefongespräche wurden kommentarlos beendet. Zum Teil wurde ich beschimpft“.  

Mehrmals sollen Zuständige bei der Bayernwerk Netz GmbH bei Telefonaten den Hörer aufgelegt haben. Als Reaktion auf Beschwerden sollen Standardformulierungen versandt worden sein.  

„Ich finde es vor allem deswegen ärgerlich, weil wir ein Gesetz haben, das mir die Möglichkeit gibt, einen Smart Meter anzufordern. Und Bayernwerk ist ohne Angaben von Gründen nicht in der Lage, diesem gesetzlichen Auftrag nachzukommen“, so der betroffene Marktcheck-Zuschauer.  

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Marktcheck SWR

Einbau von intelligenten Messystemen verläuft schleppend 

So wie der Marktcheck-Zuschauer warten auch andere Stromkunden in Deutschland auf den Einbau ihres Smart Meters. Vom Gesamtziel, bis 2032 flächendeckend intelligente Messysteme eingebaut zu haben, ist Deutschland meilenweit entfernt.  

Nach Marktcheck-Recherchen hatten bis Ende März 2025 gerade einmal 3 Prozent der Haushalte ein intelligentes Messsystem. Für die Überwachung des Einbaus ist die Bundesnetzagentur zuständig. Sie hat mittlerweile Mahnungen an die Netzbetreiber verschickt. 

Deutschland hinkt im europäischen Vergleich hemmungslos hinterher. Fast alle anderen europäischen Länder haben früher mit der Digitalisierung unserer Stromnetze begonnen und haben Smart Meter eingebaut. 

Ende 2025 laufen die ersten Fristen aus. Dann, so Klaus Müller von der Bundesnetzagentur, behält sich die Behörde vor, konsequenter gegen Netzbetreiber vorzugehen. Kommen sie ihrer Pflicht nicht nach, können auf die Messstellenbetreiber empfindliche Bußgelder zukommen.  

Smart Meter: Wie teuer ist der Einbau? 

Wer nicht zum Pflichtkreis gehört, aber trotzdem einen Smart Meter haben möchte, um von günstigeren, dynamischen Stromtarifen zu profitieren, wird zum Teil richtig zur Kasse gebeten. Denn einige Messstellenbetreiber erheben hohe Preise für eine Installation auf Wunsch. 

Beim Verbraucherzentrale Bundesverband kritisiert man, dass die Stromkunden durch die hohen Preise vom Einbau von Smartmetern abgeschreckt werden und damit von den günstigeren dynamischen Strompreisen nicht profitieren können. Die Verbraucherzentrale geht deshalb aktuell gegen zwei Messstellenbetreiber vor. 

„Das Gesetz sieht als angemessenen Preis für den Einbau 100 bis 130 Euro vor, was allerdings keine fixe Preisobergrenze ist. Das machen sich Messstellenbetreiber zunutze und rufen jetzt Preise auf, die wirklich deutlich über diesem Bereich liegen. Wir sehen in der Praxis Preise von über 800 Euro. Diese Preise können so keinen Bestand haben und müssen überprüft werden“, erklärt Marie Barz vom Verbraucherzentrale Bundesverband.  

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Dynamische Stromtarife: Für Verbraucher kaum auffindbar  

Ein weiteres Problem: Auch die dynamischen Stromverträge sind intransparent. Energiemarktexperte Professor Jürgen Karl von der Universität Erlangen kritisiert, dass es den Verbrauchern im Tarifdschungel zu schwer gemacht werde.  

Die verschiedenen Preisbestandteile müssen eigentlich transparent offengelegt werden. Professor Jürgen Karl betont jedoch, dass ein Vergleich von Strompreisen aktuell sehr unübersichtlich sei.  

So kann man mit einem dynamischen Stromvertrag Geld sparen  

Wenn das Smart Meter einmal eingebaut ist, lässt sich mit einem dynamischen Stromtarif richtig Geld sparen. 

„Also es ist eben typischerweise so, dass die Strompreise morgens zwischen 8 und 9 Uhr oder abends zwischen 16 und 18 Uhr deutlich höher sind. Wenn es mir gelingt, meinen Stromverbrauch - Wäsche waschen, Staubsaugen, Bügeln - in die Mittagsspitze zu legen, dann kann ich da wirklich richtig Geld sparen“, erklärt Professor Jürgen Karl.  

4 Cent pro Kilowattstunde sollten die meisten Verbraucher damit mindestens sparen können, sagt der Energiemarktexperte. 

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Langes Warten auf Smart Meter  

Auf Anfrage äußert sich die Bayernwerk Netz GmbH zum Fall des Marktcheck-Zuschauers: „Wir bedauern, falls es in der Abstimmung zwischen dem Kunden und unseren Servicemitarbeitern zu Missverständnissen gekommen ist.“  

Inzwischen hat der Betroffene ein intelligentes Messystem bekommen – fünf Monate nach seiner Anfrage.  

Eingebautes intelligentes Messystem (Smart Meter)
Nach langem Warten: Das intelligente Messystem (Smart Meter) wurde eingebaut.

Tipps für Stromkunden

  • Haben Verbraucher Probleme mit ihrem Messstellenbetreiber, sollten sie direkt beim betroffenen Unternehmen eine Verbraucherbeschwerde einreichen.
  • Bleibt diese Beschwerde erfolglos, können sich Verbraucher mit einem kostenlosen Schlichtungsantrag an die zentrale Schlichtungsstelle Energie e.V. wenden.  

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