Es gibt Lehrerinnen und Lehrer, die schon vor den Sommerferien mit Grauen an das neue Schuljahr gedacht haben. Sie hadern mit ihrem Beruf und suchen nach Alternativen. Helfen kann ihnen dabei Isabell Probst. Sie war selbst verbeamtete Lehrerin am Gymnasium, ist vor zehn Jahren ausgestiegen und arbeitet jetzt als Karrierecoach.
Doppelbelastung für Lehrer mit Kindern
SWR1: Tatsächlich haben sich in den Sommerferien wieder Lehrerinnen und Lehrer bei Ihnen gemeldet. Sie wollen beruflich umsatteln.
Isabell Probst: In der Regel ist es so, dass man in den Sommerferien zum ersten Mal Abstand vom schulischen Alltagsgetöse findet und sich mal wieder Gedanken darüber machen kann, wie man sein Leben eigentlich führen möchte und das nächste Schuljahr laufen soll. Da kommen manche zu dem Schluss: So möchte ich das nicht nochmal und eigentlich möchte ich das gar nicht mehr.
SWR1: Etwa 30 bis 50 Leute haben sich bei Ihnen gemeldet. Sind das eher jüngere Lehrerinnen und Lehrer, die sich bei der Berufswahl vertan haben, oder Ältere, die die Arbeit nicht mehr wollen?
Probst: Das ist die ganze Spannbreite von Referendarinnen und Referendaren bis Mitte, Ende 50-Jährige. Aber der Schwerpunkt liegt definitiv zwischen 30 und 40. Das sind die Personen, die sich schon einige Jahre im Job etabliert haben. Oft haben die auch kleine Kinder, also eine multiple Belastung, und denken darüber nach, wie sie ihr Leben verändern können, um dieser Belastung zu entgehen.
Warum viele Lehrer ihren Beruf wechseln wollen
SWR1: Ein Jobwechsel ist durchaus mit einem Risiko verbunden. Gerade wenn man verbeamtet ist, ist der Lehrerberuf doch ein sicherer Job.
Probst: In der Tat. Das ist auch das, was von außen meistens gesehen wird: die formale Sicherheit, die Pension, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und durchaus auch eine sehr solide Bezahlung. Andererseits ist das nicht alles im Leben, und das stellen diese Personen fest. Oft leidet die Lebensqualität, Gesundheit, Beziehung, Ehe und das Familienleben massiv darunter. Da muss man sich Gedanken darüber machen, ob das Geld das aufwiegt.
Starke Belastung im Schulalltag
SWR1: Was sagen die Lehrerinnen und Lehrer zu Ihnen? Was stört sie an ihrem Beruf?
Probst: Das, was am meisten auf der Seele brennt und nagt, ist die absolute Überlastung. Der Ressourcenmangel, der Stress, der sich durch den Alltag zieht.
Viele haben sich als Pädagogen vorgestellt, wie sie sein wollen, wie sie unterrichten wollen. Und sie sehen, im Alltag kann ich das gar nicht verwirklichen. [...] Sie sind einfach unzufrieden, weil sie das Gefühl haben, ich leiste schlechte Arbeit.
Oft leidet die Lebensqualität, Gesundheit, Beziehung, Ehe und das Familienleben massiv darunter.
Dann gibt es auch noch einen sehr schwerwiegenden Faktor, das ist die mangelnde Weiterentwicklung. Ganz viele Lehrkräfte machen mit 27 den gleichen Job, wie mit 67. Und es gibt wenig Möglichkeiten, sich in diesem Beruf zu verändern. Nicht jeder möchte Schulleitung werden und man hat oft das Gefühl, man tritt jahrzehntelang auf der Stelle.
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Ehemalige Lehrer werden oft Projektmanager
SWR1: Da hilft manchen, auch "einfach" ein Schulwechsel. Aber wie ist das, wenn ich eine Fächerkombination habe, Mathe und Musik, Geschichte oder katholische Religion? Was bleibt da außer Lehrkraft?
Probst: Lehrkräfte wechseln in der Regel in Berufe, wo sie im Kern noch das tun, was sie vorher gemacht haben, nämlich komplexe Prozesse mit vielen Menschen begleiten. Es geht gar nicht darum, dass sie noch lehrend und vermittelnd tätig sind. Aber Lehrkräfte sind es gewohnt, viele Bälle in der Luft zu halten.
Lehrkräfte [sind] Kommunikationsgenies, Organisationsgenies und auch sehr empathisch.
Das heißt, ich habe ganz viele Kundinnen und Kunden, die ins Projektmanagement gehen und da auch ganz stark begrüßt werden. Denn es geht einfach darum, komplexe Projekte zum Gelingen zu bringen, mit vielen "Stakeholdern", wie man in der freien Wirtschaft sagen würde, viele Interessensgemeinschaften. Und das können Lehrkräfte einfach perfekt, weil sie Kommunikationsgenies sind, Organisationsgenies und auch sehr empathisch. [...]
Jobs mit Grenzen bieten mehr Lebensqualität
SWR1: Das klingt nicht weniger anstrengend, ehrlich gesagt.
Probst: Durchaus ist das dadurch machbarer, weil es Arbeitszeiterfassung in anderen Berufen gibt. [...] Und die allermeisten Lehrkräfte, die den Wechsel vollziehen – auch wenn sie hinterher in 50-Stunden-Wochen landen – sagen, dass sich ihre Lebensqualität massiv verbessert und auch die Wertschätzung, die ihnen gegenüber zurückgebracht wird.