Wenn die Beziehung endet, möchten viele Paare wenigstens die Freundschaft retten. Diplom-Psychologin, Ausbilderin und Bestsellerautorin Ulrike Scheuermann weiß, worauf es ankommt, wenn neue Partner oder Partnerinnen dazukommen.
Das sind die Gründe für eine Freundschaft nach der Trennung
SWR1: Es gibt viele gute Gründe für die Freundschaft mit dem Ex oder der Ex-Partnerin. Welche denn zum Beispiel?
Ulrike Scheuermann: Man hat viel gemeinsame Geschichte erlebt. Das prägt natürlich. Alles, was wir mit anderen Menschen zusammen erleben, stellt Nähe her. Auch wenn natürlich bei einer Trennung die Situation schwierig ist.
Das verschwindet nicht einfach mit der Trennung. Auch wenn man dann offiziell sagt, jetzt sind wir getrennt. Bei Kindern bleibt die gemeinsame Verantwortung ohnehin bestehen.
SWR1: Wie oft klappt so etwas?
Scheuermann: Nach meiner Erfahrung vielleicht bei einem Viertel oder noch weniger. Vorher wünschen es sich aber viel mehr Menschen. Vielleicht ist es auch ein Trost, um über den Schmerz hinwegzukommen, der ja immer mit einer Trennung verbunden ist.
Hinterher merkt man aber, die Entwicklungswege gehen doch in sehr unterschiedliche Richtungen und es passt dann eben doch nicht mehr. Dann war es nur ein Wunsch, der vielleicht geholfen hat, sich im Guten zu trennen.
Auch wenn es gar nicht so leicht ist, wie es sich vielleicht anhört: Zuerst muss die alte Beziehung wirklich losgelassen sein.
So klappt die Freundschaft nach der Trennung
SWR1: Wenn aus einer Liebesbeziehung eine Freundschaft werden soll: Was braucht es, damit das funktioniert?
Scheuermann: Auch wenn es gar nicht so leicht ist, wie es sich vielleicht anhört: Zuerst muss die alte Beziehung wirklich losgelassen sein. Sonst ist die Freundschaft nachher nur die Fortsetzung der Bindung unter neuem Namen. Das gibt es ja auch manchmal, dass es gemischt ist und verwirrend.
Beide sollten unabhängig voneinander stabil geworden sein und nicht mehr für Bestätigung aufeinander angewiesen. In einer Partnerschaft ist es ja meistens so, dass man füreinander die wichtigste Person ist und sich das gegenseitig bestätigt. Da ändert sich natürlich etwas, und dann müssen beide auch ihre Erwartungen anpassen. Die neue Verbundenheit fühlt sich dann anders an als die frühere Nähe.
SWR1: Macht es Sinn, für Ex-Paare noch gemeinsam in den Urlaub zu starten? Vielleicht einen Kurztrip zu machen in getrennten Hotelzimmern?
Scheuermann: Das ist so individuell. Man könnte es ausprobieren, wenn beide darauf Lust haben und wenn beide innerlich auch wirklich schon getrennt sind. Es ist riskant, wenn einer emotional noch mehr daran hängt.
Man kann das aber auch vorher sehr ehrlich und ausführlich zusammen abprüfen und immer mal wieder darüber sprechen. Wollen wir das wirklich für uns oder gibt es vielleicht auch noch andere Motive wie die Außenwirkung, dass es immer weiter harmonisch wirken soll und man deswegen fährt. Gegen eine Reise mit getrennten Zimmern ist grundsätzlich nichts zu sagen.
Was, wenn eine neue Liebe dazu kommt?
SWR1: Wenn dann wiederum ein neuer Partner, eine neue Partnerin dazukommt, könnte es nochmal schwieriger werden. Was raten Sie da?
Scheuermann: Meistens wird es schwierig, weil die neue Partnerin oder der neue Partner eifersüchtig ist. Das kommt tatsächlich sehr oft vor. Wichtig wäre, dass man von Anfang an transparent damit umgeht. Also der neue Partner weiß, dass es diese alte Beziehung gibt und dass diese Freundschaft wichtig ist. Dann kann man den neuen Partner ja auch aktiv einbeziehen.
Meist ist Eifersucht auch ein Zeichen von eigener Unsicherheit. Das kann man ja dann auch wiederum offen besprechen. Wenn ein neuer Partner oder Partnerin dazukommt, die beiden noch nicht so lange zusammen sind, und dann sieht die Person diese alte Beziehung, bei der man vielleicht schon zehn, 20 oder noch mehr Jahre zusammen war. Das ist natürlich eine große Verunsicherung für den neuen Partner.
Freundschaft mit dem oder der "Ex" braucht klare Grenzen
SWR1: Ex-Partner brauchen auch ganz klare Grenzen, um sich nicht selber im Weg zu stehen?
Scheuermann: Ja, das würde ich auf jeden Fall sagen. Wahrscheinlich ist es das wichtigste Thema bei dem Ganzen: klaren Grenzen. Der Ex-Partner oder die Ex-Partnerin ist nicht mehr die erste Anlaufstelle, zum Beispiel bei Kummer.
Dann kann man sich auch selbst fragen: Vermisse ich die Person oder die alte Beziehung noch, die es ja gar nicht mehr in dieser Form gibt und würde es mich freuen, wenn er oder sie eine andere, neue Liebe findet oder bin ich dann vielleicht eifersüchtig?
Oder rede ich vielleicht auch noch häufiger über die Ex-Beziehung als über mein aktuelles Leben? Das wären alles Anzeichen dafür, dass die Grenze eigentlich noch nicht klar ist.
SWR1: Vielleicht suchen manche auch in der Ex-Beziehung eine Art Notfallhelfer? Ist das aus Ihrer Sicht okay oder wird es dadurch nicht noch schwerer wirklich loszulassen?
Scheuermann: Kann sein, dass es dann gerade schwer wird, wenn das in der früheren Beziehung tatsächlich auch so vorkam. Andererseits ist diese Hilfe oder Notfallhilfe ein ganz entscheidendes Kriterium von Freundschaften.
Sich gegenseitig helfen, im Notfall da sein, da kann man nachts anrufen – all das sind die Merkmale für gute Freundschaften. Vielleicht ist das auch gerade eine neue Ebene, die dann einzieht und die etwas anderes bedeutet als vorher.